Sportpolitik
Hall of Fame

Helden mit Fragezeichen

Von Michael Reinsch
© dpa, F.A.Z.

Fünf Jahre lang musste Täve Schur pausieren, nun schickt die Stiftung Deutsche Sporthilfe den Helden des Rad- wie des DDR-Sports zum zweiten Mal auf den Weg in ihre „Hall of Fame“. Geändert hat sich nichts. Schur einen Max Schmeling der DDR zu nennen, einen Franz Beckenbauer des Ostens, beschreibt unzureichend den Ruhm, den er bis heute in den gar nicht mehr so neuen Ländern genießt. Und schon gar nicht charakterisiert es ihn, der sich nicht nur auf dem Rad krumm machte, sondern auch als nimmermüder Propagandist für die DDR mit Sitz in der Volkskammer, ihrem Scheinparlament.

Ihn einen Ewiggestrigen zu nennen ist keine Beleidigung. Schließlich empfindet Schur, der brave Mensch aus Heyrothsberge, es nur als konsequent, wie er weiter zu dem steht, was er zeitlebens vertrat. Seit er 1960 darauf verzichtete, um den Gewinn seines dritten Weltmeister-Titels zu spurten, sondern den Sieg einem Mannschaftskameraden überließ, ist er eine Ikone des sozialistischen Sports.

Und vertritt mit freundlichem Charme die blutige Niederschlagung der Aufstände vom 17. Juni 1953 in der DDR und von 1956 in Ungarn, den Mauerbau 1961, den Einsatz des Staatssicherheitsdienstes, um Sportler und ihre Familien an der Flucht aus der DDR zu hindern, kurz: Gewalt gegen politisch Andersdenkende.

Kein Vorbild, sondern eine historische Figur

Kurz: Täve war zweifellos ein überragender Sportler, ist aber kein Vorbild. Er ist eine historische Figur. Und ein Beispiel für die Unmöglichkeit, eine Ruhmeshalle des deutschen Sports zur Anregung des Ehrgeizes nachfolgender Generationen zu erstellen, wie die Sporthilfe das will.

Berlin 1936, die von den Nationalsozialisten zur Selbstdarstellung genutzten Olympischen Spiele, der in Stadien und Sporthallen ausgetragene Kalte Krieg, welcher in der deutsch-deutschen Auseinandersetzung eine besondere Zuspitzung erfuhr: In Deutschland sind Sport und Sportler oft unter dem Vorwand des Patriotismus vereinnahmt worden für andere Zwecke als glanzvollen Sieg und ehrenvolle Niederlage.

Manche widerstanden, viele fielen nicht auf, manche machten gern mit. Die Hall of Fame will Erinnerung und Aufklärung in Gang bringen, indem sie – Zitat – die sportlichen Erfolge stets im Kontext ihrer jeweiligen Zeit darstelle und auch etwaige Verfehlungen benenne, um Diskussionen anzuregen.

Misslungene Hall of Fame als Geschichtsbuch

Das führt zu so kuriosen Ehrungen wie der von Willi Daume als „die bedeutendste Führungspersönlichkeit, die der deutsche Sport je hervorgebracht hat“, verbunden mit dem Hinweis, dass er im Nationalsozialismus Sport zur militärischen Ertüchtigung propagierte, sich als Unternehmer mit dem NS-Regime arrangierte und davon profitierte, dass er Zwangsarbeiter beschäftigte. Seine in jüngster Zeit immer deutlicher hervortretende Förderung der Freiburger Doper Klümper und Keul als Ärzte der Olympia-Mannschaft dürfte wohl bald nachgetragen werden.

Dressurreiter Josef Neckermann wird nicht nur als Gründer der Sporthilfe, sondern auch als frühes Mitglied der NSDAP porträtiert, das von der Enteignung jüdischer Unternehmer profitierte, und in der Beschreibung der Sprinterin Renate Stecher gibt es, weil DDR-Sport, einen Exkurs über Doping und dessen Folgen sowie viele unbeantwortete Fragen über ihre Haltung dazu.

Die deutsche Geschichte lässt nicht zu, dass Sportler allein als Sportler geehrt oder gar verehrt werden. Doch beispielhaft lässt sich ihr Tun und Lassen, ihre Rolle in Sport und Gesellschaft beschreiben. Täte die Sporthilfe das konsequent, würde sie den großen Radsportlern Rudi Altig, Dietrich Thurau und Jan Ullrich den Weg in die Ruhmeshalle eröffnen, den großen Läuferinnen Marita Koch und Katrin Krabbe, die allesamt das Publikum bewegten mit ihren Erfolgen, die dabei aber auch allesamt auf Doping-Mittel zurückgriffen. Die Sporthilfe müsste sich dazu durchringen, aus ihrer misslungenen Hall of Fame ein Geschichtsbuch des deutschen Sports zu machen. Dann wäre auch Täve dabei, ohne Frage.

Quelle: F.A.Z.
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