WM-Quartier in Tschetschenien

„Grosnyj ist ein Schwarzes Loch“

Von Christoph Becker
 - 17:26

Vier Tage vor der WM in Russland: Hat die Menschenrechtsinitiative der Fifa etwas verändert, oder ist das Schaufensterpolitik?

Besonders seit die Fifa entschieden hat, die eigene Menschenrechtsstrategie an den UN-Richtlinien für multinationale Konzerne auszurichten, ist interessant, was bei der Fifa passiert. 2010 waren Menschenrechte noch gar kein Thema, jetzt tauchen sie auf der Fifa-Website überall auf. Die Fifa hat ein unabhängiges Menschenrechtsberatergremium. Das ist alles noch nicht perfekt – das Governance Committee wurde anschließend entkernt. Vergangene Woche wurde das Beschwerdeverfahren für Menschenrechtsverteidiger und Journalisten vorgestellt. Das kommt vielleicht ein Jahr zu spät, aber es kommt. Das ist wichtig. Am Mittwoch wird entschieden, wer die WM 2026 bekommt, die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko oder Marokko. Jede Bewerbung wurde auf das Menschenrechtsrisiko und die Menschenrechtsstrategie geprüft. Die Bewerber mussten das vorlegen. Das war teuer und aufwendig – und wurde gemacht. Das ist ein wichtiger Präzedenzfall. Wer auch immer gewinnt, wird das umsetzen müssen. Das verdient Anerkennung.

Gleichzeitig sagt Fifa-Präsident Gianni Infantino mit Blick auf Russland, er wolle in die Debatte um die Menschenrechtslage dort nicht einsteigen. Der Fifa gehe es nicht darum, alle Probleme der Welt zu lösen, sondern Freude durch Fußball zu bringen.

Wichtig ist eben nicht nur, dass die Fifa-Angestellten sich an die Arbeit machen. Das muss auch die Führung tun. Dasselbe gilt für das IOC. Entweder das wird von oben umgesetzt, oder es sind eben doch nur Worte auf Papier. Die Fifa-Angestellten haben mehr getan, als bislang sichtbar wurde. Aber um tatsächlich Veränderungen herbeizuführen, müssen sie öffentlich sein – jedenfalls, wenn sich nach zwei Jahren der Arbeit hinter den Kulissen nichts tut. Es gab genügend Zeit, Druck zu machen und das Anti-Homosexuellen-Gesetz zurückzunehmen. Stattdessen hat die Fifa versucht, Russland zu überzeugen, das Gesetz nicht umzusetzen. Wenn das geltende Recht aber Stigmatisierung und Hass gegenüber Schwulen legalisiert, ist es schwierig, wirksame Strategien dagegen zu entwickeln. Homosexuelle Fans und Spieler wollen Rechtssicherheit. Die Fifa arbeitet mit dem Organisationskomitee. Aber das Organisationskomitee ist das Problem. Die Diskriminierung kommt von oben. Also muss die Antwort der Fifa auch von oben kommen.

In Tschetschenien setzt der von Wladimir Putins Gnaden herrschende Ramsan Kadyrow den Fußball seit langem als Machtinstrument ein. Er hat internationale Stars eingekauft, die zu seinem Vergnügen in Grosnyj angetreten sind. Der haarsträubendste Fakt dieser WM ist die Tatsache, dass die ägyptische Mannschaft ihr Quartier in Grosnyj aufschlägt. Hätte die Fifa eingreifen müssen?

Die Fifa hat sich in den vergangenen zwei Jahren Menschenrechtsgrundsätze ins eigene Regelwerk schreiben lassen, in Artikel 3 der Fifa-Statuten und den Nichtdiskriminierungsgrundsatz in Artikel 4. Und die Fifa hat sich unter Infantino den UN-Richtlinien verschrieben. Die bestimmen sehr genau, wie man sich in einer solchen Situation verhält. Das sind vier Schritte: due diligence, die sorgfältige Prüfung. Das Monitoring, die Überwachung einer Situation. Drittens: Abhilfe. Viertens: Transparenz hinsichtlich des eigenen Handelns. Offensichtlich hat wohl jemand verpasst, im Internet zu recherchieren, dass Grosnyj ein Schwarzes Loch in Sachen Menschenrechte ist. So ein Gerüst ist hilfreich: Man weiß, was man tun muss. Schwule Männer wurden gefangen gehalten, gefoltert und sind in einigen Fällen schlicht verschwunden. Auf unseren Brief zu den Säuberungen gegen Homosexuelle hat die Fifa reagiert.

Wie hat die Fifa geantwortet?

Generalsekretärin Fatma Samoura hat ihre Sorge zum Ausdruck gebracht und die Strategie zur Schulung des WM-Personals erläutert. Das Problem ist: Die Strategien sind nicht vollständig implementiert in der Fifa. Sonst hätte wohl jemandem auffallen müssen, was in Tschetschenien los ist. Solche Diskussionen muss es doch geben. Offensichtlich gab es sie nicht. Nun ist die Fifa in der unangenehmen Situation, dass die Menschenrechtsstrategie wenigstens mit Blick auf die Mannschaftsquartiere offenkundig nicht umgesetzt wurde. Wir haben Gianni Infantino zudem geschrieben, dass – seit im vergangenen September bei einem Konzert in Kairo eine Regenbogenflagge getragen wurde – in Ägypten mehr als 110 Homosexuelle verhaftet wurden. Dass Ägypten jetzt in Tschetschenien trainiert, führt in der Fußball-Welt die beiden Länder zusammen, die im vergangenen Jahr die übelsten Folterungen von Homosexuellen zu verantworten haben. Das ist kein schönes Bild und widerspricht den von der Fifa behaupteten Standards.

Die ägyptische Mannschaft trainiert dort zwei Wochen lang. Dann könnte das Turnier für sie beendet sein. Ist das Kalkül nicht, dass die ganze Angelegenheit schnell vergessen wird?

Niemand wird vergessen, dass es ein Trainingsquartier in Tschetschenien gab. Es ist doch so: Wenn du keine Menschenrechtsstrategie hast, darf man auch nichts erwarten. Aber die Fifa hat sie – also muss sie umgesetzt werden. Du hast sie nicht, weil deine Sponsoren darauf drängen, sondern um sie umzusetzen. Man könnte sagen, dass es sogar schlimmer ist, eine Strategie zu haben und sie dann nicht vollständig durchzusetzen. Ojub Titijew, der Repräsentant von Memorial in Tschetschenien, wurde dort vergangenes Jahr verhaftet. Er sitzt nicht wegen der Arbeit ein, die er im Zusammenhang mit der WM gemacht hat. Aber seine Arbeit hat sicher dazu geführt, dass Tschetscheniens Präsident Kadyrow mit Sanktionen belegt wurde. Also wurde der wichtigste Menschenrechtsverteidiger in Tschetschenien verhaftet. Seit Januar haben wir mit der Fifa über diesen Fall gesprochen. Die Fifa hat diese Fälle nicht immer so hoch getragen, wie wir uns das gewünscht hätten. Der Fifa-Menschenrechtsrat hat die Fifa-Führung aufgefordert, sich auf oberster Ebene für Titijew einzusetzen. Vor Olympia in Sotschi wurden einige Aktivisten freigelassen. Vor der WM bislang nicht.

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WM-Cheforganisator Sorokin konnte vergangenen Sommer unwidersprochen behaupten, für nordkoreanische Arbeiter auf WM-Baustellen gebe es keine Beweise, obwohl Infantino das schon bestätigt hatte.

Wir haben immer wieder gesagt: Schaut euch an, was in Sotschi passiert ist. Das IOC hat es auf die harte Tour lernen müssen. Das Organisationskomitee war das Problem. Sie waren dafür verantwortlich, dass Arbeiter um ihren Lohn betrogen wurden. Wir haben der Fifa gesagt, was passieren würde. Einer der mindestens 21 Arbeiter, die auf WM-Baustellen ums Leben kamen, war ein Nordkoreaner, der in seinem Wohncontainer gestorben ist. Die Nordkoreaner sind Zwangsarbeiter, sie dürfen ihren Lohn nicht vollständig behalten. Dieser blanke Horror widerspricht dem, was Fußballfans inzwischen erwarten. Russland hat eine Vereinbarung mit Nordkorea zur Überlassung von Arbeitern. Deshalb kann man sich nicht auf Zusicherungen verlassen, sondern muss davon ausgehen, dass Nordkoreaner an Stadien mitarbeiten. Das ist due diligence. Wenn du dich mit Leuten auseinandersetzt, die wiederholt Menschenrechte verletzten, dann gehe davon aus, dass sie es auch dieses Mal tun werden. Gehe nicht davon aus, dass sie in deinem Fall das Richtige tun. Seit der Vergabe der WM 2010 hat sich die Welt sehr stark verändert und mit ihr die Erwartungen der Sponsoren und der Öffentlichkeit. Niemand will in Stadien sitzen, die auf den Leichen der Arbeiter gebaut wurden. Niemand will in einem iranischen Stadion sitzen, wenn Frauen nicht dabei sein dürfen.

Gianni Infantino schon. Er saß im März mit 80.000 anderen Männern in Teheran im Stadion, während Frauen, die davor protestierten, verhaftet wurden. Das Thema hat er öffentlich nicht erwähnt. Tut er hinter den Kulissen genug, um das Stadionverbot für Frauen aufheben zu lassen?

Der Nichtdiskriminierungsgrundsatz in Artikel 4 der Fifa-Statuten ist überaus eindeutig: Keine Diskriminierung auf Grundlage des Geschlechts, sonst droht Suspendierung oder Ausschluss. Die Fifa weiß ganz genau, was in Iran los ist. Seit zehn Jahren bekommt sie Briefe iranischer Frauen. Infantino hat vor seinem Besuch in Teheran Post bekommen. Er wurde gewarnt. In diesem Fall hat die Fifa keinen einzigen der in den UN-Richtlinien vorgesehenen Schritte eingehalten. Infantino hätte wissen müssen, dass Frauen vor dem Stadion verhaftet würden. Das geht seit Jahrzehnten so. Die Überwachung hat auch nicht funktioniert, die Fifa hat von Human Rights Watch erfahren, dass Frauen verhaftet wurden. Wir wussten es von iranischen Frauen. Wie kann es sein, dass die Fifa keine eigenen Kontakte hat?

Die Fifa bekommt Post, hat aber keine eigenen Kontakte zu Iranerinnen?

Due diligence und Monitoring heißt, dass du dir dein eigenes Netzwerk schaffst, um auf solche Fälle vorbereitet zu sein. Und wo bleibt die Abhilfe? Was hat die Fifa für die 35 Verhafteten getan? Wie hat die Fifa diese Frauen entschädigt? Wissen wir nicht, denn transparent ist das alles eben auch nicht. Herr Infantino hätte wenigstens mit Verweis auf die Statuten sagen müssen: Ich würde gerne ins Asadi-Stadion kommen. Das geht aber nur, wenn die Frauen auch kommen können. Das hätte das Stadionverbot vielleicht nicht aufgehoben, aber unterlaufen. Es wäre so einfach gewesen.

Stattdessen hat er mit Blick auf die Übertragungsrechte gedroht.

Die Iranerinnen sind darüber empört. Zu Recht. Sie haben den Eindruck, dass ihm die angemessene Summe für Übertragungsrechte wichtiger als Frauen im Stadion sind. Nochmal: Im Fifa-Statut steht, wer diskriminiert, kann suspendiert oder ausgeschlossen werden. Er hat die Mittel, aber Infantino hat es versemmelt. Und die sozialen Medien sind voll mit Mädchen, die sich als Jungs verkleiden, um ins Stadion zu kommen.

Dahinter steht schiere Verzweiflung.

Und daneben gibt es Videos von Verhaftungen von Frauen, die ins Stadion wollten, und wir wissen nicht, was mit diesen Frauen passiert. Für die Gefährdung dieser Frauen ist die Fifa mitverantwortlich. Iranerinnen müssen gegen die eigene Regierung und die Fifa ankämpfen. In Saudi-Arabien können Frauen seit Januar ins Stadion. Das iranische Verbot muss noch in diesem Jahr aufgehoben werden. Wenn die Fifa ihren Einfluss geltend gemacht hätte, wäre es möglich gewesen, dass es noch vor der WM passiert. Die Fifa verdient Anerkennung dafür, das Beratergremium eingesetzt zu haben. Dass eine Strategie entwickelt wurde. Dass Leute eingestellt wurden, um sie umzusetzen. Aber sie müssen mehr, schneller und besser arbeiten. In vier Jahren wird in Qatar gespielt. Die Fifa muss zeigen, dass es ihr ernst ist.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker
Sportredakteur.
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