Sieg für russische Sportler

Bach kritisiert die Cas-Richter

Von Christoph Becker, Pyeongchang
 - 19:54

Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat sein Urteil gesprochen: Das Gericht ist schuld. Das Internationale Sportschiedsgericht Cas müsse „dringend reformiert“ werden, sagte Thomas Bach auf seiner ersten Pressekonferenz im südkoreanischen Olympiaort Pyeongchang. Die Entscheidung der vier Cas-Richter, die am Donnerstag die Einsprüche von 39 russischen Athleten gegen ihre lebenslangen Olympia-Sperren durch das IOC in 28 Fällen ganz aufgehoben und in elf weiteren auf das Ende der anstehenden Spiele in Südkorea begrenzt haben, diese Entscheidung „hat uns extrem enttäuscht und überrascht, und wir hätten das nie erwartet“, sagte Bach. Das Cas müsse „seine Struktur ändern, um die Qualität seiner Urteile besser zu managen“. Er habe eine entsprechende Forderung dem Präsidenten des Cas, dem Australier John Coates, zukommen lassen.

Details des Reformvorhabens nannte Bach nicht, aber dass Coates angetan war, wie Bach berichtete, ist nicht überraschend. Der Australier war seit der Wahl Bachs zum IOC-Präsidenten 2013 bis zum vergangenen Jahr Vizepräsident auf dem Olymp. Bislang waren es die Doppelrollen von Multifunktionären wie Coates, die Kritikern aufstießen, besonders wenn diese Spitzenfunktionäre des Sports die Unabhängigkeit des Schiedsgerichts betonten. Auch Bach hatte häufig die Unabhängigkeit der Sportjuristen betont, die am Genfer See urteilen. Bach kennt sich bestens aus: Er war 19 Jahre bis 2013 Vorsitzender der Berufungskammer am Cas.

Und nun macht der Umgang der Cas-Richter mit den Widersprüchen der russischen Sportler aus Bach einen Cas-Kritiker? Das Urteil im Sinne von 28 der 39 russischen Kläger „macht uns hinsichtlich seiner Qualität Sorgen“, sagte Bach. „Die Pressemitteilung (des Cas, in der das Urteil bekanntgegeben wurde/d. Red.) gibt zu diesen Sorgen Anlass, weil sie davon sprechen, wie sie keine Aussage über die systemische Manipulation des Anti-Doping-Systems in Russland machen. Wie bringt man das zusammen mit einem Urteil, in dem es um das Ergebnis einer solchen bewiesenen systemischen Manipulation geht?“

Das IOC forderte Widersprüche heraus

In den vergangenen Tagen haben zahlreiche Kritiker, vor allem Kritiker der IOC-Strategie, diese Frage etwas anders ausgedrückt: Wie soll man Athleten in einem Staatsdoping-System nachweisen, dass sie gedopt haben, wenn das eindeutigste Beweismittel, eine positive Doping-Probe, auf Nimmerwiedersehen verschwand, etwa mit der Hilfe des Geheimdiensts? Hätte den Juristen im IOC, an dessen Spitze der Jurist Bach steht, nicht längst auffallen müssen, dass der Nachweis im Einzelfall schwierig werden könnte? Der Internationale Leichtathletik-Verband und das Internationale Paralympische Komitee haben russische Verbände und damit die russischen Sportler ausgeschlossen. Gerichtsfest. Seit dem Sommer 2016. Das IOC ließ seine Kommissionen bis Ende 2017 untersuchen und forderte Widersprüche kurz vor Olympiabeginn heraus.

Bach aber sagte in Pyeongchang, er bedauere nichts. Das IOC habe zur jeweiligen Zeit immer „vernünftige Entscheidungen“ getroffen. Erst Ende 2017 hätten die Untersuchungskommissionen neue Beweise geliefert, eine neue Situation geschaffen. Das sehen im IOC nicht alle so. Der Kanadier Richard Pound, so lange wie niemand sonst IOC-Mitglied, sagte der Website „Insidethegames“: „Wir brauchen eine forensische Untersuchung, wie wir in diesem Durcheinander gelandet sind.“ Nach Pounds Ansicht haben die IOC-Kommissionen keine neuen Erkenntnisse gebracht, sondern bestätigt, was bei der Untersuchung durch Richard McLaren bereits 18 Monate zuvor festgestellt worden war.

Zudem forderte Pound eine Klarstellung, ob das IOC mit der Wahl der Schiedsrichter für die Verfahren einverstanden gewesen sei. Inzwischen ist nicht nur Pound aufgefallen, dass einer der Schiedsrichter, der Österreicher Michael Geistlinger einerseits in seiner Zeit als Generalsekretär des Internationalen Biathlonverbands IBU gut und gerne mit Alexander Tichonow zusammenarbeitete, dem Präsidenten des russischen Biathlonverbandes und späteren Vizepräsidenten der IBU. Und andererseits Autor eines völkerrechtlichen Werks ist, das den „Beitritt“ der Krim zu Russland – und nicht etwa die Annexion der Halbinsel – behandelt. Bach lehnte es ab, „zu persönlichen Angelegenheiten“ der Schiedsrichter Stellung zu nehmen. Das IOC hatte den Münchner Sportrechtler Dirk-Reiner Martens als Schiedsrichter nominiert.

Auf die Frage, ob er die erfolgreichen russischen Kläger für so sauber halte wie andere Sportler, die nie mit einem Doping-Verstoß aufgefallen sind, sagte Bach, für diese Überlegungen gebe es das Gremium, an das die Fälle der 13 Sportler nun verwiesen werden, die noch aktiv sind. Das Gremium unter Vorsitz der früheren französischen Sportministerin Valérie Fourneyron sucht aus, welche russischen Sportler eine Einladung ins Team „Olympischer Athleten aus Russland“ (OAR) erhalten. 168 sind es bislang. „In wenigen Tagen“, sagte Bach, solle eine Entscheidung vorliegen, ob die Mannschaft noch ergänzt wird. Das trifft sich gut, die Spiele beginnen am Freitag. Sollten allen oder einigen der 13 noch Einladungen zugesprochen werden, sie dem IOC also als so sauber gelten wie die „neue und junge Generation“ russischer Sportler der OAR, die Bach am Sonntag „Botschafter eines sauberen Sports für Russland selbst“ nannte, wäre das ein bemerkenswerter Aufstieg: eben noch lebenslang, jetzt diplomatischer Dienst.

Gegen ihre Nichteinladung allerdings hatten sechs dopingbelastete russische Sportler vergeblich vor einem Schweizer Zivilgericht geklagt. Das hatte am Freitag die Vorgehensweise des IOC gebilligt. Bach erwähnte diesen juristischen Sieg vor dem staatlichen Gericht zufrieden. Ob das IOC ebenfalls den staatlichen Rechtsweg beschreitet, um gegen die Cas-Entscheidungen vor dem Schweizer Bundesgericht zu klagen, ließ er offen. Die Urteilsbegründungen werden wohl erst Ende des Monats vorliegen. „In dieser Hinsicht ist die Exekutive des IOC überhaupt nicht zufrieden mit der Herangehensweise des Cas.“ Die Herangehensweise unterscheidet sich allerdings nicht von der sonst üblichen beim Cas. Bach sagte in Pyeongchang, er habe Verständnis für die Konfusion. Die Sportler täten ihm leid.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker
Sportredakteur.
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