Olympia-Doppelvergabe

Der lukrative Dreisprung von Bachs IOC

Von Evi Simeoni, Lausanne
 - 12:37

Was ist eigentlich eine Win-Win-Win-Situation? Sicher irgendwas mit Geld. Der verbale Dreisprung, den Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und seine aktuellen Bewerber Paris und Los Angeles dieser Tage in Lausanne wiederholt vollführten, ist genau so business-like wie das Metier, das sie betreiben. Klar: Es gibt auch eine Menge nicht-pekuniärer Argumente für das große Sportfest, vor dessen Fernsehbildern sich alle vier Jahre im Sommer Menschen verschiedener Kulturen zusammen finden – und während der Winterspiele auch recht viele.

Und der französische Präsident Emmanuel Macron, der nach Lausanne kam, um für Paris zu werben, wollte sicher nicht nur dem IOC Zucker geben, als er betonte, dass die olympischen Werte der Welt mit ihren aktuellen Spannungen und Zweifeln gut tun. Aber, wir wissen es längst, Olympia ist auch eine riesige Geld-Umwälzmaschine. Will man also nicht nur erfahren, was Tolles auf den Laufbahnen und Skipisten geschieht, sondern wieso gerade dann und gerade dort, ist es wenig ratsam, sich im Katalog der olympischen Werte zu informieren. Besser ist es, der Spur des Geldes zu folgen.

Wer das nicht weiß, musste sich zuletzt ein bisschen orientierungslos fühlen in dem surrealen Zirkus, den das IOC in Lausanne beim Kandidaten-Briefing (offiziell für 2024) und bei seiner außerordentlichen Vollversammlung aufführte. Sehr spannend, alle Fragen offen: So die mühsam hoch gehaltene offizielle Version, der niemand laut zu widersprechen wagte. Dass das IOC sein Geschäft aber so nachlässig betreiben würde, dass es Hunderte von Millionen schwere Fragen schleifen ließe, ist nicht anzunehmen und sähe dem pragmatischen Präsidenten Bach auch überhaupt nicht ähnlich. Gerade wenn es ums Geschäft geht, hat er immer einen Plan. Was also geschah wirklich in diesen Lausanner Tagen?

Nachdem die Exekutive unter Bachs Führung die Vorlage ausgearbeitet hatte, beschloss am Dienstag die außerordentliche Vollversammlung einstimmig, die Olympischen Spiele 2024 und die Spiele 2028 im September gleich im Paket zu vergeben. Vor der Entscheidung der Mitglieder mussten alle vorausgreifenden Hintergrund-Verhandlungen natürlich heruntergespielt werden, so vernünftig sie angesichts der lediglich zwei übrig gebliebenen Kandidaten Paris und Los Angeles auch sein mochten. Man wollte weder den einen noch den anderen starken Bewerber verlieren. Aber wer von beiden muss sich nun vier Jahre gedulden? Seit diese Frage im Raum steht, klopfen Medien-Leute und andere Kaffeesatzleser jedes Wort der Offiziellen und der Bewerber mit ihren feinen Interpretationshämmerchen ab.

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Das Ergebnis: Paris hielt beharrlich an 2024 fest, auch beim IOC-Schaulaufen am Dienstag, bei dem sich die Kandidaten 45 Minuten lang den Mitgliedern präsentierten. Los Angeles zeigte sich zugänglicher. Bürgermeister Eric Garcetti, der im übrigen Macron in Sachen juveniler Überzeugungskraft in nichts nachsteht, sagte in Lausanne: „Wir könnten die Spiele in zwei Monaten oder zwanzig Jahren austragen.“ So bereit sei die Stadt. Und Bewerbungs-Chef Casey Wasserman machte klar: „Wir haben nie ein Ultimatum gestellt wegen 2024. Wir glauben nicht an Ultimaten. Wir glauben an Partnerschaft.“ Paris ’24 und Los Angeles ’28 ist also die wahrscheinlichste Option.

Als nächstes soll ein Drei-Parteien-Vertrag zwischen den Bewerbern und dem IOC geschlossen werden, in dem das weitere Verfahren festgelegt wird. Die beiden Bewerber sollen sich unter Leitung des IOC einigen – und sie gaben sich bereits kooperationsbereit. Sofern die Welt Frieden hält, erstklassige Aussichten also für Olympia. Und auch für Bach, der, auch gesetzt den Fall, er verlängert seine Amtszeit als Präsident 2021 um weitere vier Jahre, sein Vermächtnis gesichert hat. Und das in Zeiten, da zumindest europäischen Olympiabewerbungen notorisch mit dem Mittel des Referendums der Stecker gezogen wird. Wer weiß, ob im Falle einer Niederlage von Paris für 2024 ein weiterer Versuch nicht an einem Votum der enttäuschten Bevölkerung gescheitert wäre? Und Los Angeles hatte ohnehin immer wieder klar gemacht, dass es nach einem Ausscheiden nicht noch einmal antreten wolle.

Der Doppel-Beschluss gibt dem IOC nun aber elf Jahre Planungssicherheit für Verhandlungen mit möglichen Sponsoren und im Handel mit Übertragungsrechten, was eine Menge Geld wert sein dürfte. Eine Extra-Zahlung, so hat Bach mehrmals betont, werde dem Gastgeber von 2028 aber nicht für seine Flexibilität angeboten. Man müsse doch niemanden dafür bezahlen, dass er ein Geschenk bekomme, so die Meinung des IOC-Präsidenten. Doch die Erfahrung lehrt, dass zumindest die Amerikaner sich noch nie gescheut haben, in großem Stil olympisches Geld abzusahnen. So gilt ein Jahrzehnte alter Vertrag immer noch, der dem Amerikanischen Olympischen Komitee (USOC) 20 Prozent der Einnahmen des IOC aus dem Top-Sponsorenprogramm und 12,5 Prozent aus den amerikanischen Fernseheinnahmen zuspricht.

Da dieser Vertrag unbefristet war, wertete es das IOC im Jahr 2009 schon als Erfolg, dass das USOC bereit war, sich künftig wie alle Nationalen Olympischen Komitees an den Olympiakosten zu beteiligen und 2013 Verhandlungen über eine Veränderung des Verteilerschlüssels von 2020 an aufzunehmen. Noch hat sich also nichts daran geändert, dass die Amerikaner verglichen mit anderen Ländern einen absurd hohen Anteil an den IOC-Einnahmen einstreichen. 2009 sprach man von 450 Millionen Dollar in vier Jahren, diese Summe dürfte inzwischen deutlich angestiegen sein.

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Man muss also das ganze Bild sehen: Das IOC muss keinen Scheck nach Los Angeles schicken, weil man dort bereit ist, vier Jahre länger zu warten. Es gibt eine Menge Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, um den Repräsentanten aus dem Land der Deals ihr Einlenken zu versüßen, von dem eines nicht zu erwarten ist: Dass nach den Spielen Vertreter nach Lausanne kommen und um Extra-Geld nachsuchen, wie jetzt eine Abordnung von Rio de Janeiro, unter anderem, weil zugesagte öffentliche Gelder nicht ausbezahlt werden. Die Spiele von Los Angeles, und das betonen sie dort gerne, werden vollkommen privat finanziert werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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