Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Wie Sportarten olympisch werden

Von Achim Dreis
 - 11:28

Mit den Eis- und Schneesportarten bei Olympischen Winterspielen ist es wie mit Eissorten im Sommer: Früher gab es nur Vanille, Schokolade, Erdbeere und Zitrone. Vielleicht noch Nuss. Heute gibt es mindestens 25 Varianten. Und es werden immer mehr. Die Geschmäcke verändern sich, und der Mensch liebt Abwechslung. Auch beim Sporttreiben. Und beim Sportgucken.

Bei den XXIII. Olympischen Winterspielen in Pyeongchang werden in den kommenden siebzehn Tagen 102 Wettbewerbe in fünfzehn Disziplinen ausgetragen - so viele wie noch nie in der olympischen Geschichte. Neu sind so ungewöhnliche Sorten wie Big Air - Tricks im Flug nach dem Sprung von einer Schanze auf Ski und Snowboard - oder Mixed im Curling, bei dem jetzt auch Teams aus Frauen und Männern versuchen, einen fast zwanzig Kilo schweren Stein so übers Eis rutschen zu lassen, dass er in einem Ziel landet und vielleicht andere zur Seite schubst. Bei der ersten Auflage 1924 in Chamonix gab es gerade mal sechzehn Goldmedaillen in sechs Sportarten zu gewinnen. Schon damals wurde Skisport, Eislauf und Bobsport betrieben, außerdem Eishockey und sogar Curling. Das verschwand danach aber wieder für 74 Jahre in der olympischen Versenkung. Auch Biathlon war schon dabei, hieß aber noch „Militärpatrouille“.

Verantwortlich für das olympische Programm ist die Koordinierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die Leute dort denken immer wieder darüber nach, wie sie das Programm ihrer Spiele gestalten sollen - im Bestreben, modern zu sein und es zu bleiben. Olympia soll ja das Treffen der sportlichen Jugend der Welt sein. Deshalb werden die Wettbewerbe alle vier Jahre den Trends der jeweiligen Zeit angepasst. Und den veränderten Interessen der Fernsehzuschauer. Und mittlerweile auch der Online-Nutzer. Schneller und spektakulärer soll es zugehen, auch emotionaler.

So kam das rasende Shorttrack 1992 als Version des Eisschnelllaufs hinzu. Massenstartrennen ergänzen den herkömmlichen Kanon bei Langlauf und Biathlon. Der Kampf Sportler gegen Sportler verspricht eben mehr Spannung als der gegen die Uhr. Manche Wettbewerbe fallen aber auch durch, nachdem sie getestet wurden, wie Skiballett oder Speed-Skifahren. Ski-Freestyle kam dagegen an, nachdem es sich 1988 zunächst als Demo-Wettbewerb zeigen durfte. Seitdem bekommt diese moderne und kunstvolle Variante des alpinen Skifahrens in jeder olympischen Auflage mehr Aufmerksamkeit. Snowboard wurde vor zwanzig Jahren olympisch, auch damit konnte eine Jugendbewegung aufgegriffen und integriert werden. Diesmal werden in beiden Disziplinen je zehn Goldmedaillen vergeben, so viele wie noch nie.

Natürlich spielt auch die Emanzipation eine wichtige Rolle dabei, dass es mehr Wettbewerbe als früher gibt: 1924 waren gerade mal 13 Sportlerinnen unter den 294 Olympioniken. In diesem Jahr starten zehnmal so viele Athleten, und fast die Hälfte wird weiblich sein. Frauen erkämpften sich Startrechte, wo einst nur Männer antraten - auch beim Bobfahren, im Eishockey oder beim Skispringen. Und ein weiteres Zeitgeist-Phänomen kam dazu: der Drang zum Team. Selbst in ausgesprochenen Einzelsportarten wie Ski alpin oder Eisschnelllauf werden plötzlich Mannschaftswettbewerbe ausgetragen. Dadurch steigen automatisch die Siegchancen: Denn in den Teams kommen immer mindestens drei Sportler zusammen, die vorher nur Solisten waren.

Doch es geht nicht nur um Emotionen, es gibt auch faktische Kriterien: Der olympische Sport darf nicht maschinell angetrieben sein, Motorsport hat deshalb keine Chance. Und die Disziplin sollte weltweit einigermaßen verbreitet sein, in einer bestimmten Anzahl von Ländern auf mehreren Kontinenten betrieben werden. Auch müssen offizielle Verbände die Wettbewerbe ausrichten und kontrollieren, damit es vergleichbar bleibt.

So langsam scheint das Maß aber trotzdem voll. Für die Ausgabe von 2022 sind keine Erweiterungen des Programms geplant. Es reicht ja schon, dass die Spiele nach Peking vergeben wurden, wo es gar keine Berge gibt. Die längste Olympia-Tradition aller Wintersportarten haben übrigens Eiskunstlauf und Eishockey. Beide Sportarten gehörten schon 1920 zum Programm - bei den Olympischen Sommerspielen.

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Quelle: F.A.Z.
Achim Dreis
Sportredakteur.
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