Winterspiele in Südkorea

Olympia-Aus für Russland-Stars

Von Christoph Becker, Pyeongchang
 - 08:55

Alle 45 russischen Sportler und zwei Trainer, die ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen einklagen wollten, sind vor der Ad-Hoc-Kammer des Internationalen Sportschiedsgerichts gescheitert. Das teilte Mathieu Reeb, der Generalsekretär des Cas am späten Vormittag am Olympiaort in Pyeongchang mit, wo am Abend die Spiele beginnen. Demnach hat die Vorgehensweise des Internationalen Olympischen Komitees, russische Sportler nur auf Einladung in Pyeongchang starten zu lassen, nicht den Charakter einer Sanktion, sondern stelle eine Entscheidung über die Teilnahmeberechtigung dar.

Das IOC hatte am 5. Dezember 2017 entschieden, das russische olympische Komitee (ROC) wegen der staatlich unterstützten Manipulationen und des Doping-Programms bei den Olympischen Spielen in Sotschi vorübergehend auszuschließen. Russische Sportler dürfen daher nur auf Einladung des IOC unter neutraler Flagge als „Olympische Athleten aus Russland“ starten. Voraussetzung ist die Freigabe durch eine vom IOC eingesetzte Kommission unter der Leitung der früheren französischen Sportministerin Valerie Fourneyron. Sie hatte 169 Sportler das Recht auf eine Einladung zugesprochen, andere aber ausgeschlossen, weil die Auswertung unterschiedlicher Beweismittel Verdachtsmomente gegen sie hervorrief.

So wurden der Biathlon-Olympiasieger Anton Schipulin, Shorrtracker Wiktor Ahn, Langlauf-Weltmeister Sergej Ustjugow und 29 andere der Kläger ausgeschlossen, unter anderem mit Verweis auf verdächtige DNA-Profile und Steroidprofilmanipulationen. Doping-Verfahren gegen diese Sportler sind bislang nicht bekannt, sie starten in den Wettbewerben ihrer internationalen Verbände.

Cas versus IOC

Zudem hatten 13 jener 28 Sportler geklagt, die unter dem Verdacht standen, in das Doping-System in Sotschi eingebunden zu sein und individuelle Doping-Verstöße begangen zu haben. Dafür waren sie vom IOC lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. In der vergangenen Woche hatten sie vor einer regulären Schiedskammer des Cas erfolgreich gegen den Doping-Vorwurf und ihre Sperren geklagt. Die Fourneyron-Kommission hatte ihnen anschließend gleichwohl eine Einladung verweigert, mit ähnlicher Begründung – Steroidprofile, DNA, weitere nicht näher genannte Beweismittel –, worauf sie sich den anderen Klägern vor der Ad-hoc-Kammer anschlossen.

Olympische Winterspiele
Russland ist raus
© AP, reuters

Diese entschied nach einer zweitägigen Verhandlung, die insgesamt rund fünf Stunden dauerte und in der die Sportlerinnen Jelena Nikitina und Tatjana Iwanowa, die vom IOC lebenslang gesperrt worden waren, aber im Skeleton- (Nikitina) und Rodel-Weltcup (Iwanowa) weiter aktiv sind, aussagten. Zudem wurde Günter Younger gehört. Er gehörte der Fourneyron-Gruppe an und leitet die Investigativabteilung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, mit der er die Labormanagementsystemdatei (LIMS) des Moskauer Anti-Doping-Labors aus dem Zeitraum zwischen Januar 2012 und August 2015 auswertet. Diese Auswertung ist nach Auskunft des Generalsekretärs der Wada, Olivier Niggli, weiterhin nicht abgeschlossen.

Die Schiedsrichter kamen zu dem Schluss, dass die Gruppen, die über eine Einladung für russische Sportler entschieden – das IOC hatte eine zudem eine Umsetzungsgruppe eingesetzt, die über die Vorschläge der Fourneyron-Kommission abschließend befand –, die Kläger nicht „diskriminierend, willkürlich oder ungerecht“ behandelt haben. Weiterhin heißt es in der Presseerklärung des Cas, die Gruppen hätten ihr Ermessen nicht in unzulässiger Weise ausgeübt.

Das IOC begrüßte die Entscheidung. Sie unterstütze den Kampf gegen Doping und bringe allen Athleten Klarheit, hieß es in einer Stellungnahme. Somit dürften 168 Athleten an der Eröffnungsfeier teilnehmen, die um 20 Uhr Ortszeit in Pyeongchang beginnt. Die startberechtigte Eisschnellläuferin Olga Graf hatte ihre Einladung ausgeschlagen und sich solidarisch mit ihren nicht eingeladenen Teamkollegen erklärt. Die bei Olympia gescheiterten Kläger werden nach den Spielen zum großen Teil wieder in den Winter-Weltcups starten.

Nach der gerichtlichen Bestätigung des Ausschlusses russischer Spitzensportler gibt sich die Führung in Moskau kämpferisch. „Wir prüfen weitere Schritte. So kann das nicht stehenbleiben“, sagte Vizeregierungschef Witali Mutko am Freitag der Agentur Interfax. Zunächst aber werde sich Russland Zeit nehmen, deutete er an: „Jetzt herrscht olympischer Friede.“ Mutko kritisierte das Vorgehen des IOC bei der Einladung als „undurchsichtig und widersprüchlich“. Es entstehe der Eindruck einer Privatparty, und Kriterien für eine Zulassung gebe es viele. Zugleich sagte der ranghohe Sportfunktionär, die Cas-Richter hätten unter Druck gestanden. „Wenn die Sportler jetzt zugelassen worden wären, hätte das einen Schock ausgelöst“, meinte Mutko. Nun gehe es für Russland darum, seine zugelassenen Athleten zu unterstützen. „Wir haben aussichtsreiche Sportler“, sagte Mutko. Jene, die nicht eingeladen seien, bekämen einen eigenen Wettkampf.

Quelle: FAZ.NET
Christoph Becker
Sportredakteur.
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