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Kommentar

Achtung vor dem Athleten!

Von Michael Reinsch
 - 13:59
Präsident Donald Trump legt sich mit amerikanischen Sportlern an. Bild: AP, F.A.Z.

Geben die Beleidigungen und der als Respekt vor der Fahne verkleidete Rassismus von Donald Trump einen Vorgeschmack auf die Art und Weise, wie bald auch im Deutschen Bundestag über Sport, Sportlerinnen und Sportler hergezogen werden wird? Keiner der Abgeordneten, welche im nächsten Parlament die AfD vertreten, dürfte mit Tweets solche Resonanz finden wie der Präsident der Vereinigten Staaten. Es gibt hier auch keine Protestbewegung von Athleten gegen Rassismus und Polizeigewalt, wie sie Colin Kaepernick in Amerika auslöste – und wofür er, bei aller Solidarität von Spielern und Klub-Eigentümern, bis heute teuer bezahlt: Der Football-Profi wartet seit einem Jahr auf eine neue Anstellung.

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Die AfD sagt in ihrem Wahlprogramm nichts über Sport. Ihr Wortführer Alexander Gauland allerdings sorgte vor anderthalb Jahren für eine Welle der Solidarität mit Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng, indem er behauptete, „die Leute“ fänden ihn als Sportler gut, wollten „einen Boateng“ aber nicht als Nachbarn haben. Damals sanken die Zustimmungswerte zur AfD. Wenige Tage später taten Gauland und seine Parteifreundin Beatrix von Storch so, als müsste man aus dem Wort Nationalmannschaft Ansprüche an Hautfarbe und Herkunft ihrer Mitglieder ableiten. „Im klassischen Sinne“, sagte Gauland damals, sei die Nationalelf „schon lange nicht mehr deutsch“, und Frau von Storch twitterte nach dem Ausscheiden des Teams im Halbfinale der Europameisterschaft, vielleicht sollte nächstens „dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT“ spielen. Sie meinte wohl eine, für die sich nicht die Besten fußballerisch qualifizieren, sondern Spieler mit weißer Hautfarbe und einem Ariernachweis.

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Genau das Gegenteil solcher Vorstellungen vertreten Sport und Spitzensport dieser Gesellschaft. Wer es in die Olympiamannschaft Deutschlands schafft oder in die Auswahl von Joachim Löw, hat sich nicht auf sein überragendes Talent verlassen, sondern jahrelang hart dafür gearbeitet. Welcher gesellschaftliche Bereich steht wie der Sport für die faire Beurteilung von Leistung und die vorbehaltlose Chance zum Aufstieg?

Weder Religion noch Hautfarbe werten sportliche Leistung auf oder ab. Kein Politiker und schon gar kein Präsident darf sich anmaßen, den Ausschluss eines Athleten dafür zu fordern, dass dieser die Flagge im Knien statt im Stehen grüßt, oder, weil wir das schon hatten: weil jemand die Nationalhymne mitsingt oder nicht. Das Sprechen über Sport und das, was er symbolisiert, wird in der bevorstehenden Legislaturperiode vermutlich durch nationalistische Anmaßung mehr Gewicht bekommen als bisher. Das wird leider nicht zu verhindern sein. Damit es jeder hört, sollte der Sportausschuss des Deutschen Bundestages deshalb endlich wieder öffentlich tagen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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