Anzeige

Özcan Mutlu

Die Anti-Doping-Politik der Regierung ist gescheitert

Von Özcan Mutlu
 - 14:02
Leichtathletik: ebenso faszinierend wie umstritten – zu tief sitzt das Misstrauen gegenüber der belasteten Sportart Bild: dpa, F.A.Z.

Haben auch Sie sich an den Bildern der Leichtathletik-WM 2017 im August in London erfreut? Mit spannenden Wettkämpfen, schnellen Läuferinnen und starken und technisch guten Werfern? Und einem Publikum, das sich an der typisch englischen Tradition des Wettkampfsportes begeistern konnte?

Anzeige

Langjährige Beobachterinnen und Beobachter der Spitzensportszene haben Zweifel und sind nicht überzeugt von der Glaubwürdigkeit und Integrität derartiger Sport- und TV-Höhepunkte. Zu tief sitzt das Misstrauen über nahezu fettfrei erscheinende Athletenkörper und plötzliche Leistungssprünge. Zu eindeutig sind jüngst veröffentlichte, aber seit langem bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse über eine Doping-Verbreitung von 28 bis 45 Prozent bei internationalen Spitzensportveranstaltungen. Zusammen mit den Nachuntersuchungen von eingelagerten Doping-Proben der Olympischen Spiele seit Peking 2008 bis hin zu den staatlich durchgedopten russischen Teams dürfte es nur eine realistische Schlussfolgerung geben: Es handelte sich um Betrugsspiele mit einer großen Anzahl an Täterinnen, Tätern und Verantwortlichen und einer noch größeren Anzahl an betrogenen Sportlerinnen und Sportlern, Zuschauerinnen und Zuschauern.

Der Spitzensport ist in keinem guten Zustand. Der Patient Spitzensport benötigt kein „weiter so“, sondern eine Problemanalyse und eine glaubwürdige Politik der Doping-Bekämpfung. In Deutschland wurden die notwendigen Konsequenzen bisher nicht gezogen. Zu einseitig hat die Sportpolitik der letzten Jahre auf die Repressionskarte gesetzt. Das von der Großen Koalition 2015 im Deutschen Bundestag verabschiedete Anti-Doping-Gesetz wirkt lediglich als Strafgesetz. Es gibt keine komplementäre Präventionspolitik. Die notwendigen Strukturveränderungen sind nicht erkennbar. Im Gegenteil: Für die anstehende Spitzensportreform in Deutschland hat Sportminister Thomas de Maizière in dieser Zeitung vor gut zwei Jahren das Ziel von einem Drittel mehr Medaillen ausgegeben.

Recht auf körperliche Unversehrtheit

Spitzensportlerinnen und Spitzensportler haben mit dem Sport begonnen, weil sie talentiert waren und Spaß daran hatten, sich im Wettkampf fair und respektvoll zu messen. Hoch motiviert, sich durch Training in Technik, Taktik, Ausdauer, Kraft, vielleicht auch durch mentales Training und geeignete Ernährung immer weiter zu verbessern. Viele von ihnen tragen diese Einstellung, in ihrer Summe häufig als die „Werte des Sports“ bezeichnet, ihr Leben lang mit sich.

Anzeige

Irgendwann aber kommt ein Punkt, an dem der Sieg zur Pflicht wird. Irgendwann kommt der Punkt, an dem zu der intrinsischen Motivation und Freude unwillkürlich eine extrinsische hinzukommt. Dann etwa, wenn die eigene Existenz von einem Sieg oder einer guten Plazierung abhängt, weil mit Preisgeldern die Miete bezahlt werden muss. Oder wenn die Existenz der Trainerin oder des Trainers, vielleicht auch der ganzen Trainingsgruppe vom Erfolg der Sportlerinnen oder Sportler abhängt. Oder wenn die Förderung ganzer Sportarten oder Disziplinen von Erfolgen einzelner Leistungsträger abhängig ist. Denn das deutsche Spitzensportfördersystem belohnt knallhart die Gewinner und bestraft die Verlierer. Besonders Olympischen Spielen kommt dabei ein immer größeres – fast schon absurdes – Gewicht zu.

Das ändert sich auch nicht mit der Reform der Spitzensportförderung, die Innenminister Thomas de Maizière mit der großen Koalition durchgepeitscht hat. Im Gegenteil: Zusätzlich zu dem Druck, den sich junge Sportlerinnen und Sportler selbst machen, sorgt sie für Druck von außen – je höher das Leistungsniveau, desto gravierender die Konsequenzen.

Wo der Leistungsdruck hoch ist oder Konkurrentinnen und Konkurrenten mit verbotenen Mitteln nachhelfen und wo die Chancen, erwischt zu werden, gering sind, da ist die Versuchung zu dopen groß. Viele junge Sportlerinnen und Sportler dopen trotzdem nicht: erwachsene gesunde Menschen, die es ablehnen, verbotene Medikamente und Doping-Mittel einzunehmen oder verbotene Methoden anzuwenden, die Verantwortung für ihr Handeln und dessen Konsequenzen übernehmen.

Dennoch ist es unverantwortlich, junge Spitzensportlerinnen und -sportler bewusst einem solch hohen Druck auszusetzen, wie es die Spitzensportförderung in Deutschland derzeit tut. Es ist verantwortungslos, die Umfeldbedingungen des Spitzensports in Deutschland nicht endlich radikal so zu verändern, dass Doping nicht mehr der einfachere Weg zum Ziel ist.

Auch die Doping-Vergangenheit unseres Landes ist ein riesengroßer Trümmerhaufen. Der Staat hat an dieser Stelle über Jahrzehnte versagt. Dieses Versagen wird von Betroffenen in Eigeninitiative und von der Wissenschaft aufgearbeitet. Dies ist dringend notwendig. Sportlerinnen und Sportler, die heute unter den Folgen des damaligen öffentlich geduldeten Dopings leiden, dürfen nicht alleingelassen werden. Ein Angebot professioneller medizinischer Unterstützung ist das Mindeste, was sie erhalten sollten. Trainer, Ärzte, Wissenschaftler und Verbandsvertreter, die in Doping involviert waren, dürfen im Sport keine Funktion mehr übernehmen.

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist in Deutschland durch Art. 2 Abs. 2 im Grundgesetz geschützt. Ärzte, Trainer, Betreuer und andere, die Doping-Mittel ohne Erlaubnis, ohne Wissen von Sportlerinnen und Sportlern oder ohne ausreichende Aufklärung über Nebenwirkungen verabreichen, machen sich der Körperverletzung schuldig. Verbandsfunktionäre machen sich mitschuldig, wenn sie Doping dulden oder Doping-Ärzte als Teamärzte verpflichten, wenn sie Trainer, die Doping-Mittel verabreichen, zu Cheftrainern befördern. Der Staat muss Athleten vor solchen Menschen und ihrem Treiben schützen. Und eine Regierung, die von den besten Sportlerinnen und Sportlern des Landes eine bestimmte Medaillenausbeute im seit Jahrzehnten bekanntermaßen doping-verseuchten Weltsport einfordert, macht sich indirekt dieser kollektiven Körperverletzung mitschuldig, wenn nicht im juristischen Sinne, so zumindest im ethischen.

Glaubwürdige Anti-Doping-Politik steht damit im Widerspruch zu den Medaillenforderungen, die Minister de Maizière wie ein Mantra wiederholt. Doping für beendet zu erklären, wie Justizminister Maas es jüngst getan hat, ist grotesk und fern jeder Realität. Verantwortungslos ist beides. Fest steht: Der Anti-Doping-Kampf darf nicht mehr länger auf der Stelle treten, sondern muss einen gewaltigen Sprung nach vorne machen, wenn wir in Zukunft einen ehrlichen Spitzensport mit gesunden Sportlerinnen und Sportlern haben möchten. Dafür braucht es glaubwürdige Strukturen. Das Wort von Athleten und Athletinnen sowie ihren Vertretungen muss mehr Gewicht erhalten. Die Anti-Doping-Strukturen, insbesondere bei Nationalen Anti-Doping-Agenturen, müssen unabhängig von Sport und Politik werden. Außerdem braucht es einen klaren internationalen Sanktionskatalog, der von einer ebenfalls unabhängigen Sanktionsinstanz durchgesetzt wird. Nicht kompatible Verbände müssen suspendiert werden. Für eine Wiederanerkennung braucht es einen klaren Maßnahmenkatalog. Die schärfsten Doping-Kritikerinnen und -Kritiker müssen in all diese Reformen mit einbezogen werden. Wir brauchen mehr Aufklärung und mehr Prävention. Außerdem muss der Spitzensport Opferberatungsstrukturen aufbauen. Es braucht Anlaufstellen für Sportlerinnen und Sportler, die zu Doping gedrängt werden, aber auch für Opfer sexualisierter oder sonstiger Gewalt und zur Beratung über die Gesundheitsrisiken des Spitzensports. All das muss zukünftig Fördervoraussetzung für den Spitzensport sein. Die Spitzensportförderung selbst muss dabei endlich transparenter werden.

Was bitter notwendig ist, das zeigt der Zustand des Sports, ist eine öffentliche Debatte darüber, welche Art von Spitzensport wir in Deutschland zukünftig fördern möchten, ob wir im Medaillenstreben um jeden Preis weiterhin mit Russland und China wetteifern wollen oder ob nicht ein ganz anderer Spitzensport denkbar und möglich ist.

Der Autor ist Sprecher für Sportpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenThomas de MaizièreDeutschlandBundestag

Anzeige