Operation Unfair Play

Rios Olympia-Chef in Haft

Von Tobias Käufer, Rio de Janeiro
 - 15:03
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Auch in seiner dunkelsten Stunde versucht Carlos Arthur Nuzman, Haltung zu bewahren. Der Chef des lokalen Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 2016 und Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees Brasilien wird von zwei kräftigen Beamten der brasilianischen Polizei abgeführt. Die zwei Agenten haben Nuzman das Foto eines in Handschellen abgeführten Tatverdächtigen erspart, dafür packen sie ihn nun kräftig unter die Armen, und führen ihn ab. Als der 75 Jahre alte Nuzman den Fotografen der Tageszeitung „O Globo“ entdeckt, schaut er bewusst in eine andere Richtung. Sein Gesichtsausdruck ist leer, er scheint zu ahnen, was ihm nun bevorsteht.

Es ist das vorerst jüngste Kapitel in der unsäglichen und scheinbar auch unendlichen Korruptionssaga rund um die Olympischen Spiele 2016. Nuzman wird vorgeworfen, maßgeblich daran beteiligt gewesen zu sein, dass die notwendigen Stimmen für die Olympia-Vergabe an den Zuckerhut gekauft wurden. Neben Nuzman wurde im Rahmen der „Operation Unfair Play“ noch ein weiterer prominenter Olympia-Manager verhaftet: Leonardo Gryner, Generaldirektor für das operative Geschäft von Rio 2016. Die Beamten griffen im Nobelviertel Leblon zu. Wieder einmal. Hier, wo nicht nur die Reichen und Schönen von Rio de Janeiro zu Hause sind, sondern immer wieder auch die besonders Korrupten.

„König Arthur“ und Papa Massata Diack stecken mit drin

Nach Erkenntnissen von Rios größter Tageszeitung „O Globo“ ließen die Olympia-Manager über den Geschäftsmann Arthur Soares alias „König Arthur“ etwa zwei Millionen Dollar an den Senegalesen Papa Massata Diack zahlen, Sohn von IOC-Mitglied Lamine Diack, damit dieser seine Stimme für Rio abgab. Die Mitbewerber Madrid, Tokio und Chicago gingen leer aus. Der Handel soll nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden 2009 in einem Hotel in Paris über die Bühne gegangen sein.

„König Arthur“ ist eine der Schlüsselfiguren im aktuellen brasilianischen Korruptionsskandal, der sich rund um die Fußball-WM 2014, die Olympischen Spiele 2016 sowie die Konzerne Petrobras und Odebrecht zieht. Soares soll unter anderem dem inzwischen zu einer langen Haftstrafe verurteilten ehemaligen Gouverneur von Rio de Janeiro, Sergio Cabral, Millionen an Schmiergeldern zukommen lassen haben. Auch beim mutmaßlichen Stimmenkauf rund um Rio 2016 gilt er als einer der wichtigsten Strippenzieher. Nach Informationen von „O Globo“ könnte sich Soares Ermittlern in den Vereinigten Staaten als Kronzeuge zur Verfügung stellen. Seine Insider-Aussagen könnten enorme Sprengkraft haben – nicht für Brasilien, sondern auch für das gesamte Internationale Olympische Komitee (IOC).

Inzwischen vermuten die Behörden, dass der Senegalese Diack nicht der einzige gekaufte IOC-Funktionär gewesen ist. Für das Internationale Olympische Komitee und seinen deutschen Vorsitzenden Thomas Bach wäre das eine verheerende Nachricht, die belegen würde, dass die Kontrolle innerhalb des IOC vollkommen versagt hätte, dass es offenbar ein strukturelles Problem innerhalb des Komitees gibt. Die neue Entwicklung ist das Ergebnis einer gemeinsamen Ermittlungsarbeit von brasilianischen, französischen und nordamerikanischen Behörden. Im Rahmen der Operation „Unsauberes Spiel“ werden dabei Verbindungen zu Offshore-Konten auf den Britischen Jungferninseln sowie zu Konten in den Vereinigten Staaten und auf Antigua und Barbuda untersucht.

Die Behörden berufen sich unter anderem auf eine E-Mail vom 11. Dezember 2009, aus der „O Globo“ zitiert und in der sich ein ungeduldiger Diack erstaunlich offen an die brasilianischen Olympia-Manager wandte. Er habe bislang keinerlei Überweisung auf sein Bankkonto im Senegal von den Brasilianern erhalten, beschwerte sich der Senegalese. „Ich habe versucht, verschiedene Male mit Leonardo Gryner zu sprechen, aber keine Antwort erhalten.“ Diack bat daraufhin Nuzman, zu verifizieren, ob es zu 100 Prozent sicher sei, dass die Überweisungen tatsächlich auf die Konten in Dakar oder in Moskau gemacht wurden.

Das werten die Behörden offenbar als starkes Indiz für illegale Absprachen zwischen der Bewerberstadt und dem IOC-Funktionär. Ein IOC-Sprecher verwies in einer Stellungnahme auf die Unschuldsvermutung und die laufende Untersuchung der eigenen Ethikkommission. Angesichts der „neuen Tatsachen“ könnte die Kommission einstweilige Maßnahmen erwägen.

Olympische Sommerspiele
IOC-Präsident Bach preist Los Angeles als vielfältige Metropole
© AFP, reuters

Der ehemalige Volleyballer Nuzman gilt in Brasilien als das Gesicht der Spiele. Er ließ sich nach Olympia und den Paralympics noch einmal als Vorsitzender des brasilianischen Olympischen Komitees wiederwählen, dem er seit nun 22 Jahren vorsteht. Das hatte den Vorteil, dass Nuzman auch nach den Spielen die Kontrolle über die Abschlussabrechnung behalten sollte. Erst jüngst wurde Nuzman beim IOC mit der Bitte vorstellig, das lokale Organisationskomitee mit einer weiteren Abschlagszahlung zu unterstützen, da die Spiele mit einem Minus abgeschlossen hatten und die Kassen leer waren. Das ist inzwischen allerdings Nuzmans kleinstes Problem.

Quelle: F.A.Z.
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