Olympia-Kommentar

Die Sportler müssen leiden

Von Christoph Becker, Pyeongchang
 - 15:56

Das ist schon eine besondere olympische Leistung, die das Internationale Olympische Komitee unter Thomas Bach vollbracht hat. Wieder ziehen sich die Rechtsstreitigkeiten, die aus dem russischen Staats-Doping von Sotschi resultieren, bis kurz vor eine Eröffnungsfeier Olympischer Spiele. Das allgemeine Chaos von Rio findet seine Fortsetzung in einem achttägigen Gerichtsdrama auf Schnee und Eis in Pyeongchang. Und kurz nachdem der Sportschiedsgerichtshof Cas ankündigt, dass eine Entscheidung über die endgültige Größe des Teams der „Olympischen Athleten aus Russland“ womöglich erst am Tag der Eröffnungsfeier selbst fällt, freut sich Bach über die große Unterstützung für seine Strategie im Umgang mit dem Skandal, der seit nun bald zwei Jahren an der Glaubwürdigkeit des IOC und seines Präsidenten zerrt.

IOC und Welt-Anti-Doping-Agentur Wada haben schon vor den Spielen von Sotschi nicht genau hingeschaut, obwohl der Wada seit Jahren Hinweise vorlagen, dass im Moskauer Anti-Doping-Labor betrogen wird. An diesem Punkt wurden die Athleten das erste Mal im Stich gelassen. Wer aber hätte sich vorstellen können, dass die Funktionäre eine Strategie entwickeln, die Sportler nicht nur bei den darauffolgenden Sommerspielen, sondern auch noch vier Jahre später leiden lässt unter intransparenten Entscheidungen, scheinbar ewig arbeitenden Kommissionen und Niederlagen vor Gericht, die sich die Juristen im IOC einfach nicht erklären können? Damals machte Bach die Wada verantwortlich, jetzt ist es der Cas. Jene wie dieser werden von IOC-Mitgliedern geführt.

Inzwischen sind es nicht nur Sportler aus anderen Ländern, die sich fragen müssen, von welchen Interessen die hohen Damen und Herren des IOC eigentlich geleitet werden. Inzwischen müssten sich auch russische Athleten verschaukelt vorkommen. Haben die vor der Ad-hoc-Kammer angestrengten Prozesse Erfolg, werden andere „Olympische Athleten aus Russland“ wieder nach Hause fliegen müssen. Das wären dann Sportler aus der Generation, von der Bach seit Wochen behauptet, es wäre eine neue, saubere, als hätten sie vor zwei Jahren das erste Mal auf Ski oder Schlittschuhen gestanden. Oder aber die Kläger scheitern 24 Stunden vor dem Entzünden der Flamme oder auch nur zwölf, sicher ist nichts. Dann wird sich Bach bestätigt sehen in seinem Kurs, weiterhin davon sprechen, dass „der Schutz der sauberen Sportler“ dem IOC das größte Anliegen sei.

Wo bleibt die grundlegende, tiefgehende, selbstkritische Untersuchung dessen, was vor, während und nach Sotschi 2014 eigentlich vor sich ging und wie es geschehen konnte? Sie müsste Fragen aufwerfen nach dem Teil der Verantwortung, der bei Wada und IOC lag. Sie steht nicht zu erwarten, das hat die IOC-Session deutlich gezeigt. Selbstkritik war nicht vorgesehen. Stattdessen klagt Bach über neue Trends in der Rechtsprechung: Individuelle Rechte lassen sich durchsetzen, Sportverbände müssen sich mit Kartellrechtsfragen auseinandersetzen. Und so wächst die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung der Funktionäre Olympias und ihrer Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit weiter. Inzwischen haben nicht nur die europäischen Steuerzahler in Scharen das Interesse an Olympia verloren. Auch die Zahl der Sportler, die sich von diesem IOC verschaukelt vorkommen, wächst weiter. In den nächsten Tagen werden wieder welche hinzukommen. Ganz gleich, wie der Cas entscheidet.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker
Sportredakteur.
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