Abstimmung über Olympia 2026

Die Schweizer sind skeptisch

Von Johannes Ritter
 - 17:33
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Man kennt das aus dem Supermarkt, wo auf den Etiketten auffällig oft Preise wie 4,90 Euro oder 9,80 Euro zu finden sind. Das Spiel mit den psychologischen Preisschwellen lässt sich aber auch mit deutlich größeren Beträgen betreiben. Dies zeigt der jüngste Beschluss der Schweizer Regierung (Bundesrat) zum Projekt „Sion 2026“. Dahinter verbirgt sich die mögliche Bewerbung des Schweizer Kantons Wallis, mit dem Ort Sion im Zentrum, um die Austragung der Olympischen Winterspiele 2026.

Dieser Vorstoß hat die Rückendeckung des Bundesrats in Bern: Er hat Ende Mai beschlossen, das Großspektakel im Ernstfall mit 994 Millionen Franken zu unterstützen. Ein Schelm, der denkt, dass die Regierung hier rein zufällig oder streng kalkulatorisch unter der brutal klingenden Marke von einer Milliarde Franken geblieben ist. Schließlich ist das letzte Wort in dieser Sache längst noch nicht gesprochen. Das Parlament muss dem Bundesratsbeschluss erst noch zustimmen. Aber ob es überhaupt dazu kommt, ist offen.

Noch bevor die Kandidatur der Eidgenossen richtig ins Laufen kommt, könnten die Walliser das ganze Projekt beerdigen. Und zwar am 10. Juni. Am kommenden Sonntag stimmen die Bürger des Bergkantons, in dem bekannte Wintersportorte wie Zermatt, Saas-Fee und Crans-Montana liegen, über folgende, schön bürokratisch formulierte Frage ab: „Wollen Sie den Beschluss des Großen Rates vom 9. März 2018 betreffend die finanzielle Unterstützung des Kantons Wallis für die Organisation der Olympischen Winterspiele ,Sion 2026‘ annehmen?“ Ein Ja würde bedeuten, dass die Kantonsregierung kreditfinanzierte 100 Millionen Franken in die Austragung der Spiele investieren dürfte. Ein Nein wäre wohl das Aus für die Olympiaträume in der Schweiz.

Gemessen an der jüngsten Umfrage des Schweizer Forschungsinstituts Sotomo, sieht es nach einer Ablehnung aus. Demnach sagen 58 Prozent der Befragten nein oder eher nein zum Millionenkredit, 42 Prozent sind dafür oder eher dafür. In früheren Umfragen hatte es noch nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Gegnern und Befürwortern ausgesehen. Die Opponenten treibt vor allem die Sorge um, dass die Kosten für die Sportveranstaltung, wie bei allen derartigen Großprojekten, aus dem Ruder laufen könnten und das Wallis am Ende auf einem riesigen Schuldenberg sitzen bliebe. Ihre plakative Kampfparole lautet daher: „Kurzes Fest, langer Kater.“

Die Befürworter hingegen schwören tausend Eide, dass dies nicht passiert. Denn das Konzept für Sion sei frei von dem kostspieligen Kardinalfehler früherer Austragungsorte, haufenweise Geld in den Bau neuer Sportstätten zu investieren, die hernach brachliegen. Stattdessen sollen die bereits bestehenden Anlagen genutzt werden, von denen etliche auch außerhalb des Wallis liegen, darunter die Eislaufbahnen in den Kantonen Waadt und Freiburg sowie die Skisprungschanzen im Berner Oberland oder die Bobbahn in St. Moritz (Graubünden). Auf Gigantismus werde also bewusst verzichtet, argumentiert das Organisationskomitee, das sich damit im Einklang mit den IOC-Reformen der „Agenda 2020“ sieht.

Die Schweizer Organisatoren schwärmen von „nachhaltigen und zukunftsweisenden Spielen im Herzen der Alpen“ und von den großen wirtschaftlichen Chancen, die das Olympiaprojekt eröffne. Der Walliser Regierungsrat Frédéric Favre verspricht 6000 neue Stellen, Milliardeneinnahmen für die nationale und kantonale Wirtschaft sowie neue Impulse für den Wintersport und den Ganzjahrestourismus.

Die Gegner indes glauben nicht an „die Mär vom touristischen Aufschwung“. Ihr Argument: Die Spiele finden im Februar statt. Und in dieser Zeit sind die Walliser Hotels und Restaurants ohnehin gut ausgelastet. Die Kritiker verweisen auch auf den zunehmenden Schneemangel infolge des Klimawandels. Dies werde dazu führen, dass der Wintertourismus an Bedeutung verliere. Nachhaltiger und strategisch sinnvoller wäre es demnach, in den Sommertourismus zu investieren. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass der jahrelange Fokus auf die Ausrichtung der Winterspiele den Blick für die wahren Probleme in den Bergregionen verstellt.

Derlei Argumente hatten im Februar 2017 auch in Graubünden Gewicht, als 60 Prozent der Bürger gegen den Vorschlag der Kantonsregierung stimmten, einen ersten Vorstoß hin zu einer möglichen Kandidatur für die Winterspiele 2026 zu unterstützen. Selbst in der Bündner Gemeinde St. Moritz, wo schon 1928 und 1948 um olympisches Gold gekämpft wurde, zeigten die Einwohner dem Vorhaben die kalte Schulter. Die Ablehnung fiel sogar noch heftiger aus als 2013, als die Bündner die Bewerbung für die Spiele des Jahres 2022 mit 53 Prozent Neinstimmen versenkten.

Diese Voten zeigen, wie skeptisch die Schweizer gegenüber dem Sportspektakel unter den fünf Ringen eingestellt sind. Und sie erklären, warum die Regierung in Bern es liebend gerne vermeiden würde, das ganze Schweizervolk über die Kandidatur für 2026 abstimmen zu lassen. Aber nach einem entsprechenden Vorstoß im Parlament kann es sehr gut sein, dass es – sofern die Walliser zuvor den Weg frei machen – auch noch zu einer nationalen Abstimmung kommt. In diesem Fall dürften die Chancen für die Olympiabefürworter gegen null tendieren, psychologische Preisschwellen hin oder her.

Quelle: F.A.Z.
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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