Paralympics-Kommentar

Kleingemachter Bruder von Olympia

Von Christian Kamp
 - 14:39

Die gute Nachricht zuerst: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden auch diese Paralympischen Spiele nicht stattfinden. Zwar hatte es lange Zeit so ausgesehen, als ob die Sportler in Pyeongchang mehr oder weniger unter sich bleiben würden, zuletzt aber konnte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) wieder frohe Botschaften verkünden. Kurz vor Eröffnung waren offiziell 91 Prozent der 310.000 Tickets verkauft. Was allerdings, wie man bei den Olympischen Spielen gesehen hat, in der Realität noch nicht viel heißen muss.

Einige deutsche Athleten jedenfalls sind mit gedämpfter Vorfreude nach Pyeongchang gereist; sie halten es für eine, gelinde gesagt, unglückliche Entscheidung, Winterspiele in einer Region abzuhalten, der Wintersport weitgehend fremd ist. Verständlich. Mehr vielleicht noch als für ihre olympischen Kollegen sind die Paralympics ihr großer Moment, ihre (einzige) große Bühne. Da wäre es doch schön, wenn diese Bühne nicht irgendwo in der Diaspora stehen würde, sondern da, wo das Wintersport-Herz auch schlägt. In vier Jahren, in Peking, wird das kaum anders sein.

Die Bindung an den großen olympischen Bruder, sie kann eben auch Nachteile und sogar Konflikte mit sich bringen. Das musste die Sportwelt zuletzt auch auf anderer Ebene erfahren. Vor zwei Jahren noch waren die Paralympier voller Stolz auf sich und ihren Weg. Nicht nur wegen der wundervoll improvisierten Sommerspiele von Rio, sondern vor allem wegen des Zeichens, das sie für einen sauberen Sport gesendet hatten. Kurz vor den Spielen hatte das IPC sich für einen Komplettausschluss der russischen Mannschaft entschieden. Das war, unter dem damaligen Präsidenten Philip Craven, für viele ein Vorbild, wie man mit dem russischen Staats-Doping umgehen sollte, und weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) zuvor einen anderen Weg beschritten hatte, steckte darin zugleich ein Akt der Emanzipation. Jetzt, in Pyeongchang, werden 30 „neutrale“ Athleten aus Putins Reich starten, die sich von denjenigen, die vor ein paar Wochen bei Olympia dabei waren, zwar nominell dadurch unterscheiden, dass sie nicht einmal den Zusatz „aus Russland“ tragen dürfen – einen großen Unterschied macht das letztlich aber auch nicht.

Der Wind beim IPC, das seit September von Andrew Parsons angeführt wird, hat sich gedreht, vermutlich auch, weil den Paralympiern ein scharfer von Seiten des IOC und dessen Präsident Thomas Bach ins Gesicht geweht war (der nun übrigens zur Eröffnungsfeier erwartet wird, während er 2016 überhaupt nicht nach Rio gekommen war). Im Deutschen Behindertensportverband ist der einstige Stolz deshalb in Unverständnis und auch Wut umgeschlagen. Von einem „Schlag ins Gesicht“ spricht Friedhelm Julius Beucher, der Verbandschef. Verena Bentele, die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und fünfmalige Paralympics-Siegerin von Vancouver 2010, formuliert es diplomatischer, aber im Kern nicht minder deutlich: „Das ist kein Weg, der nachhaltig für Veränderungen sorgen kann.“

So wirkt es vor der Eröffnungsfeier an diesem Freitag, als habe das IPC sich kleiner gemacht, als es schon mal war. Nicht wie der schwarze Bär, das Maskottchen, das doch für Tapferkeit stehen soll. Für manche scheint hier eher der olympische Dackelschwanz zu wedeln.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
Google+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenIPCParalympicsPyeongchangOlympiaIOC