Psychische Erkrankungen im Sport

„Die Hemmschwelle ist gesunken“

 - 10:19

Jüngst hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe eine Umfrage veröffentlicht, deren Ergebnisse erschreckend anmuten. Von 1154 anonym befragten Athleten gaben sechs Prozent an, regelmäßig zu dopen. Neun Prozent waren an Manipulationen von Wettkämpfen beteiligt, mehr als neun Prozent litten unter depressiven Erkrankungen. Professor Frank Schneider hat als Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen viele Leistungssportler behandelt. Von Schneider, Kuratoriumsmitglied der Robert-Enke-Stiftung, ist soeben das Ratgeberbuch „Depressionen im Sport“ im Herbig Verlag erschienen.

Nach der Sporthilfe-Umfrage litten mehr als neun Prozent der Athleten unter depressiven Erkrankungen. Haben Sie die Zahlen überrascht?

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ist sehr aktiv und macht gute Sachen. Von deren Zahlen war ich nicht sehr überrascht. Im Prinzip hat jeder gesunde Mensch ein Risiko von 25 Prozent, im Laufe seines Lebens an einer schweren Depression zu erkranken. Sogar knapp die Hälfte erkrankt an irgendeiner psychischen Erkrankung. So gesehen wären zehn Prozent relativ wenig.

Was aber hat es zu bedeuten, dass knapp 40 Prozent der Befragten keine Angaben machen wollten?

Die hier verwendete Methode ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber in den Sozialwissenschaften gut etabliert. Die Frage dabei ist aber: Wie kann man jemanden dazu bringen, darauf zu vertrauen, dass die Daten, die man in den Computer eingibt, nicht weitergegeben werden? Aber dass viele dopen oder depressiv sind oder Burnout haben, war schon vorher klar.

Aber es erscheint wie ein großer Schritt vorwärts, dass der organisierte Sport die Probleme der Athleten öffentlich macht.

Ganz klar. Ich sage immer, dass ein Ruck durch Deutschland gegangen ist, nachdem Robert Enke sich 2009 das Leben genommen hat. Dass damals 50 000 Menschen bei Hannover 96 im Stadion saßen, weinten und Kerzen entzündeten, hat es nirgendwo auf der Welt schon einmal gegeben für jemanden, der sich suizidiert hat. Wir merken in der deutschen Psychiatrie und Psychotherapie, dass die Hemmschwelle, zu einer psychischen Erkrankung zu stehen, seither deutlich gesunken ist. Es vergeht kaum eine Woche, dass nicht ein Patient zu uns kommt und sagt: Ich will nicht so enden wie Enke, ich kann das wieder in den Griff bekommen.

Was sollte ein Sportler tun, wenn er sich psychisch krank fühlt?

Wir haben in unserer wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGPPN ein Referat Sportpsychiatrie aufgebaut und an acht deutschen Universitätskliniken Zentren für Sportler etabliert. Dort bekommen Sportler qualifizierte Hilfe, dort arbeiten Leute, die das Umfeld der Sportler kennen. Zunächst ist eine Depression eines Leistungssportlers nicht anders als eine von einem Spitzenmanager, einem Oberbürgermeister oder einem Busfahrer. Bei Leistungssportlern ist es insofern ein wenig anders, weil zum Beispiel speziellen Trainingsplänen zu folgen ist und es Doping-Richtlinien gibt und nicht alle Psychopharmaka verabreicht werden können.

Inwieweit ist die Behandlung durch die Richtlinien der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) eingeschränkt?

Die meisten Mittel, die wir in der Psychiatrie verabreichen, kann ein Leistungssportler problemlos nehmen. Es gibt aber einige, die schlecht wären. Aber die Sportler schauen ja selbst bei der Nada auf der Liste nach und sehen, was geht.

Stellt die Meldung von Psychopharmaka bei der Nada nicht eine Hürde dar, weil sich ein Sportler dadurch zu seiner psychischen Erkrankung bekennen muss?

Es gibt tatsächlich einige Patienten, die sagen, ich möchte Medikamente, die man im Blut nicht nachweisen kann. Dann sage ich: Die haben wir nicht. Dann ist es Aufgabe des Psychiaters und Psychotherapeuten, zu verdeutlichen, dass es sich um eine Krankheit handelt wie jede andere, die Menschen kriegen können. Aber das ist nicht immer einfach vermittelbar. Es gibt natürlich noch eine Stigmatisierung . . .

. . . die so weit führt, dass sich prominente Patienten unter Perücken verbergen, wenn sie zu Ihnen in die Uniklinik kommen, um nicht erkannt zu werden . . .

Es ist weniger geworden. Die Perücke hat es schon einige Zeit nicht mehr gegeben, ebenso wie diejenigen, die im Dunkeln zu uns zu kommen. Als Leistungssportler wird man ja normalerweise nicht erkannt, wenn einer nicht wie Boris Becker aussieht. Manchmal passiert es, dass Sportler sagen: Hier, ich bezahle Ihnen die Behandlungskosten bar auf die Hand, weil ich nicht will, dass meine Krankenkasse und mein Verband davon erfahren.

Würden Sie Athleten raten, sich zunächst an Sportpsychologen in Vereinen oder Verbänden zu wenden?

Das Problem bei Sportpsychologen ist, dass sie in der Regel keine therapeutische Ausbildung haben. Das ist soweit okay, weil sie andere Aufgaben haben, nämlich die sportliche Karriere und Leistung zu fördern. Von denen kann man aber nicht verlangen, eine Depression oder eine Suchterkrankung zu behandeln. Zudem ist „Sportpsychologe“ kein gesetzlich geschützter Begriff. Darunter sammelt sich neben einem diplomierten Psychologen auch ein „Coach“, ein „Mentaltrainer“ und einige schräge Sachen.

Die häufigste psychische Erkrankung ist die Angststörung. Was kann ein Fußballprofi tun, wenn er Panik hat, in einem voll besetzten Stadion zu spielen?

Das ist gar nicht so schwer zu behandeln, denn für Angstkrankheiten gibt es gute therapeutische Regime. Man kann verhaltenstherapeutisch arbeiten, mit bestimmten Konditionierungsverfahren. Aber im Einzelfall sagt sich das leichter, als es manchmal ist. Wenn 50 000 Menschen auf einen schauen, während man einläuft, und wenn dann manche noch pöbeln, dann ist das tough. Da geht man auch an die Grenzen von Therapeuten.

Macht es einen Unterschied, ob ein Sportler vor 200 oder vor 20 000 Zuschauern auftritt?

Die Anzahl der Menschen macht gar nichts. Es kann sein, dass nur eine Fernsehkamera auf sie zukommt oder dass sie die Idee haben, jeder beobachtet sie. Das ist dann irrational, das hat mit der wirklichen Umwelt nichts mehr zu tun.

Kann man mit einer Angststörung weiterspielen, oder ist eine Pause nötig?

Viele prominente Spitzensportler haben gesagt, sie hätten ihre Erkrankung behandelt und weitergespielt. Aber es gibt natürlich Zeiten, in denen nichts mehr geht. In denen Sportler so in ihrer depressiven Welt gefesselt sind, dass sie alles nur noch schwarz sehen und alles nur noch schrecklich erscheint.

Wie sehr hilft ein intaktes soziales Netzwerk?

Ein gutes Netzwerk ist wichtig. Was wir bei Sportlern immer bemerken: Wenn sie weit weg sind von zu Hause, allein und isoliert, wenn das Umfeld nur auf den Verein geprägt ist und sie nur ab und zu nach Hause kommen, ist es ein Riesenproblem. Wenn jemand als Fußballspieler vielleicht immer nur für ein, zwei Jahre bei einem Verein ist, dann können auch keine großen Freundschaften entstehen.

Ein Problem für die vielen Ausländer, die fernab ihrer Heimat in der Bundesliga spielen?

Migration ist in diesem Zusammenhang kaum erforscht und wenig als Thema anerkannt. Wenn jemand aus seinem Lebensumfeld herausgerissen wird und hier bei einem Verein spielt, kann diese Entwurzelung sehr viel dazu beitragen, dass psychische Erkrankungen leichter auftreten.

Hat sich in den etwas mehr als drei Jahren seit Enkes Tod der Umgang mit psychischen Erkrankungen verändert bei Trainern und Funktionären?

Der Fußballverband Mittelrhein richtet einmal im Jahr hier im Klinikum eine Fortbildung aus, zu der 400 bis 500 Trainer kommen. Typischerweise sind Unfallchirurgie oder plötzlicher Herztod sehr gefragt. Letztes Mal hatten wie auch das Thema psychische Erkrankungen, und das kam unheimlich gut an. Die Trainer haben uns ausgesaugt, sie wollten wissen, woran sie Erkrankungen erkennen können und wie sie sich verhalten können. Das fand ich sehr gut, weil man solche Informationen ja gut vermitteln oder selbst lernen kann. Gut reagiert hat Hannover 96 im Fall des Torhüters Markus Miller. Der Verein hat im Herbst 2011 auf einer Pressekonferenz gesagt: Depression ist gut behandelbar, Miller wird ein paar Wochen weg sein, und dann kehrt er zurück und spielt wieder. Miller müsste man eine Goldmedaille unseres Psychiaterverbandes geben. Denn wir können uns den Mund fransig reden, das glaubt uns keiner. Aber wenn ein Bundesligatorhüter sagt, ich bin jetzt mal weg, und einige Zeit später ist er wieder da und fit, dann hat das eine positive, entstigmatisierende Wirkung.

So etwas wie Miller traut sich nicht jeder.

Muss er auch nicht. Viele Sportler verschwinden für drei Monate und tauchen dann wieder auf. Dann hatten sie eben was anderes, an der Achillesferse oder so. Wir tricksen ja auch manchmal, bitten eine andere Abteilung in unserem Klinikum, die Krankschreibung auszustellen. Aber das ist nicht auf Leistungssportler beschränkt, das ist auch der Fall bei Abgeordneten oder Künstlern, die in der Öffentlichkeit stehen und partout nicht wollen, dass irgendjemand draußen weiß, was sie wirklich bewegt. Wir würden es Patienten auch nicht raten, die Krankheit sofort öffentlich zu machen.

Es kommt ja oft vor, dass jemand den Begriff Depression meidet und lieber von Burn-out spricht . . .

. . . das machen viele, das wird in der Bevölkerung verstanden. Eine Depression kann verschiedene Ursachen haben, da müssen genetische und psychosoziale Faktoren zusammenwirken. Burnout, das keine medizinische Krankheit ist, hat in der öffentlichen Diskussion immer eine klare Ursache: Das bekommen sie nicht, weil sie eine gewisse genetische Disposition oder Stress in der Familie haben, sondern immer nur vom Arbeitsplatz. Dabei gilt: Ich habe mich aufgeopfert, ich habe alles gegeben! Das ist unfair den depressiven Patienten gegenüber, die noch mehr stigmatisiert werden nach dem Motto: Du Depressiver, du hättest dich mal mehr anstrengen müssen!

In Ihrem Buch schreiben Sie, Depression werde als Krankheit der Schwachen wahrgenommen, an Burn-out leiden scheinbar nur die Starken, die Leistungswilligen.

So empfinde ich das. Am meisten hat mich geärgert, als ein Arzt nach Ralf Rangnicks Rücktritt bei Schalke 04 behauptet hat, Depression sei keine reversible Erkrankung, während Burn-out reversibel ist. Das ist völliger Unsinn.

Es gibt Sportarten, die sind darauf angelegt, den Gegner zu verletzen. Müsste Boxen, wo folgenschwere Gehirnerschütterungen das Ziel sind, nicht aus medizinischer Sicht verboten werden?

Es gibt gute Studien, die einen klaren Zusammenhang zeigen zwischen der Anzahl der Gehirnerschütterungen und früher Sterblichkeit oder dem Auftreten von neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen und Demenzen. Wenn manche sich trotzdem prügeln wollen und andere fürs Zuschauen bezahlen, ist das okay. Man muss die Regeln aber so machen, dass es nicht allzu schädigend ist. Beim Amateurboxen gibt es ja den Kopfschutz, auch wenn darüber diskutiert wird, diese Regel wieder rückgängig zu machen. Als Gesellschaft müssen wir damit verantwortungsvoll umgehen und den Verbänden, den Eltern und Sportlern die Konsequenzen aufzeigen. Aber ein Wissenschaftler, der sich für den Kopfschutz im Boxen einsetzt, würde ja gleich geprügelt. Die Leute finden es besser, wenn das Blut spritzt. Wir haben auch als Fachgesellschaft Stellung bezogen, vor einem in Köln geplanten Ultimate- Fighting-Abend und deutlich vorsichtiger zum Boxen. Grundsätzlich sind alle Sportarten, die darauf angelegt sind, dass man eine Gehirnschädigung abkriegt, richtig schlecht. Profiboxen ist jedenfalls nichts, wohin ich meine Kinder oder Enkel schicken und behaupten ANTWORT: würde: Sport ist gesund.

Das Gespräch führte Thomas Klemm.

Quelle: F.A.S.
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