Sportpolitik
Kommentar

Lähmender Machtkampf

Von Anno Hecker
© dpa, F.A.Z.

Von den Mannschaftssportarten war die Führung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) bei den Sommerspielen vor einem Jahr in Rio besonders begeistert. Weil die deutschen Teams nicht nur erfolgreich waren, sondern auf ihren steinigen Wegen zu Medaillen eine mitreißende Atmosphäre entwickelten und eine glaubwürdige Botschaft sendeten: Nur gemeinsam ist der höchste Gipfel zu erreichen. Das war auch das zur Schau getragene Motto der Spitzensportreformer. Und so präsentierten sich Bundesinnenminister de Maizière und DOSB-Präsident Hörmann quasi Arm in Arm, als sie ihr nominell so „wichtiges“ Gremium im Mai in Marsch setzten. Am Dienstag ist der Vorsitzende der Potentialanalyse-Kommission (PotAS), Prof. Strauß, zurückgetreten. Eine Kapitulation drei Monate nach der Ernennung am 8. Mai?

Das Innenministerium (BMI) spricht von gesundheitlichen Gründen als Auslöser des Rückzugs. Hörmann lässt, ohne ein Wort des Bedauerns, in einer Mitteilung des DOSB keinen Zweifel an einer inhaltlichen Kritik: „Der DOSB hofft, dass in der neuen Aufstellung nun eine kompetente Arbeitsfähigkeit der wichtigen Kommission im Sinne des gemeinsamen Erfolges der Leistungssportreform gesichert werden kann.“ Was im Umkehrschluss wohl sagen soll: Die Inkompetenz ist von Bord.

So erbarmungslos hart gehen die Sportkameraden eigentlich nicht miteinander um. Es sei denn, es geht um Machtfragen: Hinter dem Fall Strauß steckt also mehr als die (ungeklärte) Frage nach der Kompetenz. Das Potentialanalyse-System ist vom BMI durchgedrückt worden. Obwohl der DOSB es fast zu 100 Prozent per Wahl im vergangenen Dezember annahm, betrachten es viele seiner maßgeblichen Fachverbände sehr skeptisch. Sie glauben nicht, dass ein Computer 60 Attribute zu Sportarten und Verbänden umrechnen kann in eine sinnvolle, überzeugende Hackordnung als Grundlage künftiger Förderung.

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Manche der erfolgreichen Praktiker verweisen kopfschüttelnd auf die Unwägbarkeiten im Sport. Und nicht zuletzt auf die im PotAS mehr oder weniger unberücksichtigte Doping-Problematik. Saubere deutsche Gewichtheber haben zum Beispiel international keine Chance: Wer in die erste Förderklasse will, muss aber Medaillenkandidat sein.

Um die ehemalige Sportnation wieder richtig in Schwung zu bekommen, hätte es eine große Reform geben müssen, die beim verkümmerten Schulsport ansetzt. Der Weg zur kleinen Lösung, der Versuch, den Sport zu goldener Effizienz zu trimmen, damit der Bund etwas mehr Geld herausrückt, hat vorerst zu einem Durcheinander, zu Verunsicherung bei Trainern und Athleten geführt. Und zu einem lähmenden Machtkampf: Die DOSB-Spitze versucht, den streitbaren Abteilungsleiter des BMI, Böhm, loszuwerden. Mit dem Rückzug des Böhm-Kandidaten Strauß mag sie einen Punktgewinn erzielt haben. Bei einer Reform zum Wohle der Athleten aber kommt man nur gemeinsam voran. Wie im Mannschaftssport.

Quelle: F.A.Z.
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