Missbrauch im Sport

Das Recht auf eine Grenze

Von Hannah Bethke
 - 08:51

Es geschah in Zinnowitz, einem kleinen Ort auf der Insel Usedom. Die Mauer war noch nicht gefallen, die DDR ließ ihre Auswahl der Rhythmischen Sportgymnastik dort trainieren. 1987 kam ein neuer Verbandsarzt nach Zinnowitz. „Der war irgendwie immer überall dabei, in der Turnhalle, bei der Physiotherapie, beim Training, auf dem Gelände, ständig tauchte der auf“, erinnert sich Susann Scheller. Seit ihrem neunten Lebensjahr war sie auf der Sportschule, mit vierzehn kam sie nach Zinnowitz. Abends mussten die Mädchen einzeln zu dem Verbandsarzt. Sie sollten von ihm untersucht werden. Mit welcher Begründung die Untersuchungen durchgeführt wurden, wer die Termine gemacht hat und warum sie allein dorthin gehen mussten, wissen sie nicht. Und die, die es wissen könnten, sagen es ihnen nicht. „Ich erinnere mich, dass ich im Dunkeln zu ihm musste, allein übers Gelände“, sagt Susann Scheller. „Er hatte damals sein Arztzimmer im Turnhallenbereich, da waren keine Sportler mehr, und dann musste ich durch die dunkle Turnhalle und habe am Ende das Licht zu seinem Zimmer gesehen. Ich sollte die Tür zumachen und mich ausziehen. Ich wollte das nicht und habe auch nicht verstanden, warum.“ Mehr weiß sie nicht. Ihre Erinnerung ist ausgelöscht. „Ich habe keine Ahnung, wie es weiterging, das ist weg. Da komme ich nicht ran.“

So wie Susann Scheller geht es vielen der damaligen Sportlerinnen. Wenn sie versuchen, sich an Zinnowitz zu erinnern, geht es ihnen damit sehr schlecht. Sobald es konkret wird, versagt ihr Gedächtnis. „Die meisten von uns wissen noch, wie wir zu dem Arzt gekommen sind, aber wir können uns nicht an den Rückweg erinnern, wie sich das angefühlt hat und wie das war, ob wir jemanden getroffen haben – und was in der Untersuchung vorgefallen ist, wir wissen es nicht.“ Manche erinnern sich an vereinzelte Untersuchungsmethoden des Arztes. Die Mädchen, manche waren zwölf, andere vielleicht dreizehn oder vierzehn, mussten sich auf die Pritsche setzen und die Füße ans Ende legen. Der Arzt gab vor, eine Funktionsprüfung an den Füßen zu machen. „Er stellte sich dabei so hin“, erzählt Susann Scheller, „dass die Mädchen gar nicht umhinkamen, seinen Genitalbereich mit den Füßen zu berühren.“ Zu den Trainingseinheiten gehörten auch Entspannungsbäder, die die Mädchen nehmen mussten – zur Muskelentspannung, wurde ihnen gesagt. Beim Baden waren sie nackt. „Und da kam der Arzt einfach rein und hat um die Ecke geguckt und sich lustig gemacht und ihnen zugerufen: ,hihi, na, geht’s euch gut?‘.“ Morgens vor dem Frühstück sollten alle Sportler einen Strandlauf machen und sich danach ausziehen und nackt ins Wasser gehen. „Die Jüngeren haben erzählt“, sagt Susann Scheller, „dass sie dann den Arzt und noch jemand anderen hinter den Dünen gesehen haben. Die haben die Mädchen beobachtet.“

Vor zwei Jahren bekam Susann Scheller völlig unerwartet eine schwere Panikattacke. „Du bist posttraumatisch“, habe daraufhin jemand zu ihr gesagt. Das war für sie der Auslöser, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen – im Alter von 43, fast dreißig Jahre später. Sie hatte das Gefühl, dass die Panikattacke irgendetwas mit Zinnowitz zu tun hat. Scheller suchte den Kontakt zu ihren damaligen Sportkameradinnen. Die Frauen gründeten eine Chat-Gruppe und suchten nach etwas, das sie am meisten brauchten: Klarheit. „Vor zwei Jahren war das noch alles so wie in Watte gepackt“, sagt Susann Scheller. „Ich konnte mich kaum an konkrete Sachen erinnern, aber ich hatte ein ganz dumpfes, unangenehmes Gefühl.“ Die Frauen erstellten eine Chronologie, um sich ihre Erinnerung zurückzuholen. Wenn einer etwas von damals einfiel, stellte sie es in den Chat-Raum, dann erinnerten sich auch andere, und so bildeten sie im Laufe der Zeit Assoziationsketten, um ihre schmerzhafte Vergangenheit aufzuarbeiten. Von den damaligen Verantwortlichen bekämen sie kaum Hilfe, sagt Susann Scheller. Die meisten stritten alles ab, verweigerten den Kontakt, der Arzt sei nicht belangt worden.

Jeder Fall ist ein Fall zu viel

Die DDR gibt es nicht mehr. Aber das sind keine Geschichten aus grauen Vorzeiten, mit denen die moderne Gesellschaft nichts mehr zu tun hat. Sexueller Missbrauch ist kein Monopol von Diktaturen. Er findet überall statt, in Amerika, in Österreich, in den Niederlanden – und kürzlich ganz nah, in Frankfurt: Ein 57 Jahre alter Funktionär des Hessischen Fußball-Verbandes soll sich an einem siebzehnjährigen Nachwuchsfußballer vergangen haben. Wie die Frankfurter Staatsanwaltschaft mitteilte, soll der ehemalige Regionalbeauftragte des Fußballkreises Frankfurt den Jugendlichen in seine Wohnung gelockt und körperliche „Untersuchungen“ an ihm durchgeführt haben, „die seiner eigenen sexuellen Stimulation dienten“. Er wurde mittlerweile beurlaubt. Ein 18 Jahre alter Mann, der selbst im Fußball aktiv ist, hat sich ein gefälschtes Instagram-Profil zugelegt, um an Jugendliche aus U-12- und U-13-Mannschaften heranzukommen. Er zwang einen dreizehnjährigen Nachwuchsfußballer dazu, sich ein Video anzuschauen, auf dem er masturbiert. Wie die „Bild“-Zeitung berichtete, gab der Täter vor, der zwölfjährige Sohn von Axel Hellmann zu sein, dem Vorstand von Eintracht Frankfurt. In mindestens einem Fall erstatteten die Eltern der Opfer Anzeige. Der Achtzehnjährige wurde schnell identifiziert und festgenommen. Gegen beide Täter läuft ein Ermittlungsverfahren.

„Wenn man so viele Jahre berät, überrascht einen nichts mehr“, sagt Angelika Ribler. Sie arbeitet seit 1994 als Beraterin in der Sportjugend Hessen im Landessportbund Hessen. Angelika Ribler ist selbst nicht als Therapeutin tätig, sondern sie ist die Anlaufstelle für Erstberatung. Wenn ein Vorfall gemeldet wird, vermittelt sie die Betroffenen und Eltern an zuständige Fachberatungsstellen. Einer der Kooperationspartner der Sportjugend Hessen ist „Pro Familia“, mit Sitz in Dietzenbach. Der Geschäftsführer und ausgebildete Sexualtherapeut Manfred Menzel versteht sich als „eine Art Reflexionsstelle“, die die Berater der Sportjugend wiederum berät. Er übernimmt die Funktion einer Supervision. Für jede Stufe der Aufarbeitung greift ein weiterer Mechanismus der Hilfe und Vorkehrung. Im Falle einer Akutbehandlung, die Menzel bislang aber selten erlebt habe, sei zum Beispiel nicht „Pro Familia“ zuständig, sondern der Kinderschutzbund.

Abgeklärt ist Angelika Ribler trotz ihrer langjährigen Berufserfahrung nicht. Wenn man als Beraterin den Betroffenen zuhört und sie anguckt, wisse man, warum man diese Arbeit macht. „Jeder Fall ist ein Fall zu viel“, sagt sie. Das ist ein Satz, den man bei diesem Thema oft hört. Und es ist gerade viel zu hören: Turnen, Ski, Fechten, Fußball – es gibt kaum noch eine Sportart, in der keine sexuellen Übergriffe gemeldet werden. Ist der Sport besonders gefährdet für Missbrauch? „Nein“, sagt Angelika Ribler, „der Sport ist genauso ein Abbild der Gesellschaft wie andere Bereiche.“ Das bestätigt auch die von der Sporthochschule Köln durchgeführte Studie „Safe Sport“, die im vergangenen Jahr erste Ergebnisse zum sexuellen Missbrauch im Sport präsentierte. Demnach gaben etwa vier von zehn Kaderathletinnen und -athleten an, „bisher mindestens ein Ereignis mit sexualisierter Gewalt im Sportkontext erfahren zu haben“. Diese Zahlen belegten, dass Sportler „sexualisierter Gewalt weder häufiger noch seltener ausgesetzt sind als die Allgemeinbevölkerung“.

Das Gefühl für den Körper fehlt

Gleichwohl ist der Sport in einer besonderen Weise gefordert. Sport hat viel mit dem Körper zu tun, erklärt Angelika Ribler, „mit Körperlichkeit, mit Nähe, mit Distanz, mit Hilfestellung“. Ein erhöhtes Risiko besteht vor allem außerhalb der Trainingshalle – in der Umkleidekabine, in der Dusche, in Trainingslagern. Dennoch täuscht der Eindruck, dass es sich um neue Phänomene handelt. „Es gibt keine Zunahme der Fälle, sondern die Fälle werden endlich bekannt“, sagt Ursula Enders. Die Diplompädagogin und ausgebildete Traumatherapeutin leitet die Beratungsstelle „Zart-bitter“ in Köln, eine „Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen“. Das Problembewusstsein sei im Sport endlich angekommen. Auch Ribler beobachtet Wellen der Aufmerksamkeit, die das Thema immer wieder erfährt. Zurzeit finde ein Sensibilisierungsschub statt. Susann Scheller hilft es, dass es mittlerweile eine stärkere Öffentlichkeit dafür gibt. Wie vielen Opfern fällt es ihr schwer, an sich selbst zu erkennen, dass sie missbraucht worden ist. Sie hat Schuldgefühle. „Ich brauche bis heute eine Bewertung von außen für das, was mir passiert ist“, sagt sie. „Ich kann das selber nicht so richtig als Missbrauch fühlen. Ich weiß nur, dass es nicht richtig war.“

Als die Aufmerksamkeit besonders hoch war und den sexuellen Übergriffen in der Odenwaldschule und der katholischen Kirche galt, verabschiedete der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Münchener Erklärung, in der die Organisation sich zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt verpflichtete. Ausgerufen wurde eine „Kultur des Hinsehens“, die sich nach Einschätzung der Studie „Safe Sport“ im Sport erst langsam entwickelt hat. Ursula Enders erzählt von gewalttätigen Aufnahmeritualen wie erzwungenen öffentlichen Rasuren im Genitalbereich, die es in vielen Mannschaften lange Zeit gegeben habe. Inzwischen habe das deutlich abgenommen. Gängige Praxis sei aber durchaus noch, Neulinge in einer Mannschaft dazu zu zwingen, sich Pornos anzuschauen, um ihre Reaktion darauf zu testen.

Wo von Missbrauch die Rede ist, geht es um Grenzen und Grenzüberschreitungen. „Wir kannten unsere Grenze nicht“, sagt Susann Scheller. „Das Gefühl für den Körper fehlte.“ Doch Missbrauch beginnt nicht erst mit körperlichen Übergriffen. Von ihren Trainerinnen seien die Mädchen aufs übelste drangsaliert, zu Hungerkuren gezwungen und, das ist zumindest ihre Vermutung, auch zwangsgedopt worden. „So fett, wie deine Beine sind, da müssen doch deine Hosen aufgescheuert sein“, habe eine Trainerin mal ein Mädchen angeschrien. Oder, an alle Mädchen gerichtet: „Aus Scheiße kann man kein Gold machen.“

Prävention stärkt Rechte der Kinder

Die Studie der Sporthochschule Köln unterscheidet zwischen „sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt“, „sexuellen Grenzverletzungen“ und „sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt“. Seitens der Täter finde eine „Desensibilisierung gegenüber Grenzverletzungen“ statt, erklärt Ursula Enders. Das kann schon dort beginnen, wo ein Trainer freundschaftlich gesinnt privaten Kontakt zu den Jugendlichen sucht, sie nach Hause fährt oder nachts von der Disco abholt. Wenn so etwas passiert, müsse dem Trainer natürlich eine Ansage gemacht werden, sagt Angelika Ribler: „Das darf der nicht, das ist ganz klar.“ Dennoch ist ihr ein konstruktiver Umgang mit der Situation wichtig.

Angelika Ribler gefällt der Begriff des Täters bei diesem Thema nicht; er suggeriere, dass es sich um ein Monster handelt. „Und die Monster sind immer die anderen, aber es sind eben nicht immer die anderen.“ Wenn es nicht – wie in den aktuellen Frankfurter Fällen – um justitiable Formen des Missbrauchs geht, rät sie nicht nur zu einem Gespräch mit den Opfern, sondern auch mit denen, die im Verdacht stehen, Abhängigkeiten auszunutzen, Grenzen zu verletzen, Missbrauch zu begehen. Angelika Ribler warnt davor, überzureagieren; das schütze die Kinder gerade nicht. Manchmal gebe es auch falsche Verdächtigungen. Die Psychologin spricht aus, wovor manche sich scheuen würden: Welchen Anteil haben die Betroffenen selbst an einer problematischen Situation mit dem verdächtigen Trainer? Niemals hat jemand selbst Schuld, wenn er missbraucht wird, davon rückt auch Angelika Ribler nicht ab. Aber das Gespräch über das Verhalten aller Beteiligten müsse trotzdem gesucht werden. „Da gibt es auch Mädchen, die sind fünfzehn oder sechzehn“, erzählt sie, „die machen manchmal auch Sachen, um dem Trainer zu gefallen.“ Das entschuldige kein unangemessenes Verhalten auf Seiten des Trainers; aber sich dessen bewusst zu werden mache die Situation transparenter.

Im Bereich der Präventionsarbeit ist die Sportjugend Hessen nicht untätig geblieben. Der Verband führt rund 70 Präventionsveranstaltungen im Jahr durch und hat einen Verhaltenskodex zum Kindeswohl aufgestellt. So ist etwa das Duschen und Übernachten allein mit einzelnen Kindern untersagt, und es gilt im Fall von Einzeltrainings das „Sechs-Augen-Prinzip“ oder das „Prinzip der offenen Tür“: „Wenn ein Trainer Einzeltraining für erforderlich hält, muss eine weitere Person anwesend sein. Ist dies nicht möglich, sind alle Türen bis zur Eingangstür offen zu lassen.“ Die Präventionsarbeit zielt darauf, die Rechte der Kinder zu stärken, aufzuklären, Grenzen aufzuzeigen. Manfred Menzel von „Pro Familia“ erzählt, dass das Thema in den Sportverbänden lange Zeit abgewehrt worden sei: „Missbrauch? So etwas gibt es bei uns nicht!“ Inzwischen habe aber ein Umdenken stattgefunden. Verschwiegenheit werde schneller durchbrochen, die Bereitschaft, präventiv etwas gegen Missbrauch zu tun, sei in den meisten Fällen hoch. Aber reicht es denn aus, wenn hinterher aufgearbeitet und darüber geredet wird? Wäre es nicht viel besser, es müsste erst gar nicht zu einer Aufarbeitung kommen? Das würde wohl kaum jemand in Abrede stellen. „Aber wenn die Fälle bekanntgemacht werden und ein Wille des Aufdeckens vorhanden ist“, sagt Ursula Enders, „dann melden sich auch mehr Jugendliche und Kinder, die von Missbrauch betroffen sind.“ Je stärker die Mechanismen hier greifen, desto mehr wird das geschaffen, was oft als „täterunfreundliches Umfeld“ bezeichnet wird. Nach Einschätzung von Menzel trägt die Arbeit der Landessportbünde wesentlich dazu bei. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Studie „Safe Sport“, die den Landessportbünden eine vorbildliche Arbeit im Bereich der Prävention attestiert. Die Spitzenverbände schnitten demgegenüber deutlich schlechter ab.

Susann Scheller findet auch, dass sich im Sport vieles geändert und verbessert hat, aber ihr ist das noch immer zu wenig. „Wir wünschen uns eine Entschädigung und eine Entschuldigung.“ Der heutige Verband der Rhythmischen Sportgymnastik trage mindestens eine moralische Verantwortung. Und mit einmaligen Entschädigungszahlungen sei es nicht getan. Trotzdem ist es ihr wichtig, zu erkennen, „dass wir auch eine Zukunft haben“. Es sei ein harter Weg, doch sie möchte es sich nicht nehmen lassen, das Leben auch wieder positiv zu sehen und erst mal das Gute im Menschen anzunehmen. Angelika Ribler ist es wichtig, dass alle Beteiligten, Trainer, Eltern und Kinder, miteinander sprechen. Sie wünscht sich, dass die Trainer erklären, was sie tun, dass sie also zum Beispiel sagen: „Pass auf, ich muss dich jetzt am Rücken anfassen, wenn du einen Bogengang rückwärts machst, und es kann sein, dass ich dann auch deinen Po berühren muss.“ Menschen haben eine unterschiedliche Distanzwahrnehmung, erklärt Angelika Ribler. „Für manche ist ein Meter zu wenig, für andere ist das in Ordnung. Und darüber muss man sprechen.“ Jeder Mensch hat eine Grenze. Und niemand hat das Recht, diese Grenze zu überschreiten.

Quelle: F.A.Z.
Hannah Bethke
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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