Sport-Macht Saudi-Arabien

Ein aufstrebender Gegner

Von Christoph Becker
 - 12:05

Der tiefere Sinn der Fifa-Weltrangliste ist bis zum heutigen Tag nie vollständig offenbar geworden, aber der Gag, den das Ranking für das Eröffnungsspiel der bevorstehenden Fußball-WM bereithält, ist nicht schlecht: Am Donnerstag spielt in Moskau Russland gegen Saudi-Arabien, mithin unter den 32 teilnehmenden Mannschaften die laut Rangliste schlechteste – Nummer 70, Russland – gegen die zweitschlechteste, Saudi-Arabien, Rang 67. Es ist also ein Sparringspartner, den der DFB an diesem Freitag in Leverkusen (19.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und in der ARD) empfängt – aber nur sportlich gesehen.

Denn das wahhabitische Königreich bewegt sich in der ungeschriebenen, aber weit relevanteren Liste der sportpolitisch einflussreichsten Nationen steil nach oben. Seit einiger Zeit strebt Saudi-Arabien unter der Führung des Kronprinzen Mohammed bin Salman mit Macht und Geld nach Einfluss. Hinter dem ominösen Angebot von 25 Milliarden Dollar für eine ausgeweitete Klub-Weltmeisterschaft und ein weiteres Großturnier, das der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), Gianni Infantino, jüngst mit Verweis auf besondere Dringlichkeit im Fifa-Council durchzudrücken versuchte, steht maßgeblich Saudi-Arabien. Das Projekt wurde auf Eis gelegt, vom Tisch ist es nicht. Die europäischen Klubs wollen sich einstweilen von der Fifa nicht das Geschäft mit der Champions League kannibalisieren lassen. Doch wenn deren Reform ansteht, könnte es durchaus Interesse am saudischen Geld geben. Wie weit Saudi-Arabien bereits gekommen ist, zeigt der Grund für Infantinos jüngsten Besuch in Riad Ende Mai: Er beehrte die Liveschaltung der Internetseite des saudischen Fußballverbands.

Bin Salman orientiert sich offenkundig an der Softpower-Strategie des geographisch kleinen, in der Sportpolitik aber bislang weit mächtigeren Nachbarn Qatar. Das Emirat, WM-Gastgeber 2022, wird seit einem Jahr von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrein und Ägypten boykottiert und blockiert. Der politische Konflikt wird auf vielen Ebenen geführt und reicht immer wieder tief hinein ins Sportgeschäft. Vor vier Wochen legte die „New York Times“ dar, wie die Kanäle des qatarischen Sportsenders „BeIn“ von einem Piratensender namens „BeOutQ“ gekapert werden und europäischer Spitzenfußball unlizenziert auf der arabischen Halbinsel, besonders in Saudi-Arabien, ausgestrahlt wird.

Die internationale Offensive der Saudis zielt auf große Namen – seit einigen Monaten ist die „Oliver Kahn International Academy“ für die Ausbildung saudischer Torhüter zuständig. Möglich sind solche Geschäfte nur, weil bin Salman im Zuge der von ihm „Vision 2030“ genannten Politik wesentliche Bürgerrechte eingeführt hat, besonders für Frauen. Sie dürfen seit Anfang des Jahres Fußballspiele von Männern besuchen – so bleibt der politische Gegner Iran das letzte Land, in dem Frauen in dieser Form diskriminiert werden. Und inzwischen dürfen saudische Frauen auch Auto fahren. Die Herrscher wiesen nach Art des Hauses darauf hin: Auf dem Titel der Juni-Ausgabe der „Vogue Arabia“ ist diesen Monat Prinzessin Hayfa bint Abdullah Al Saud in einem roten Mercedes-Cabrio zu sehen. Sportfunktionäre, die ins Geschäft kommen wollen oder schon sind, verweisen gern auf diesen Wandel. Wie rigide es im Lande der Al Sauds zugeht, ist allerdings eher an den Frauen zu erkennen, die es nicht aufs Cover der Vogue schaffen. Seit dem 15. Mai sind wenigstens zwölf Frauen und Männer verhaftet worden, die sich seit Jahren für mehr Bürgerrechte und das Recht auf Autofahren eingesetzt haben. Ihnen wird Landesverrat vorgeworfen, Loujain Al Lathloul und Eman Al Nafjan, die prominentesten Frauen, sitzen in Isolationshaft.

Video starten

Paukenschlag in Saudi-ArabienFahrerlaubnis für Frauen

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSaudi-ArabienFIFAGianni InfantinoRusslandDFBMohammed bin SalmanFrauen