Vegane Sportler

Fleischlos erfolgreich

Von Achim Dreis und Michael Wittershagen
 - 17:53
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Ich befinde mich auf der Mission, Veganer zu werden. Leute, die Grausamkeiten an Tieren, die globale Erwärmung und unsere Gesundheit stehen auf dem Spiel.“ Mit diesen Worten ließ Lewis Hamilton die Welt vor wenigen Wochen via Snapchat wissen, dass er seine Ernährungsweise radikal verändern wolle. Später schickte er Bilder von Schwarzbroten und Avocadoaufstrichen in die digitale Umlaufbahn. Der Formel-1-Pilot zeigte sich zudem erleichtert darüber, dass es seine liebste Pancake-Mischung auch als vegane Variante gebe. Auslöser für sein Umdenken sei der Dokumentarfilm „What the health“ gewesen.

Die Filmemacher Kip Andersen und Keegan Kuhn reisen darin quer durch Amerika, befragen Ärzte, beleuchten Studien und wollen so belegen, dass der Verzehr von tierischen Fetten ähnlich schädlich sei wie das Rauchen von Zigaretten. Die möglichen Folgen: Diabetes, Bluthochdruck, Krebs. „Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt“, sagt der 32 Jahre alte Hamilton: „Ihr wisst, wie sehr ich Tiere liebe. Was wir als Menschen in der Welt anrichten, ist unfassbar. Es wird gesagt, dass unser Mastvieh mehr Schadstoffe erzeugt, als es alle Flüge und Autos produzieren. Verrückt!“

Zwei Monate sind seit Hamiltons Ankündigung vergangen. In dieser Zeit hat er mehrere Grands Prix gewonnen und die Weltmeisterschaft vorzeitig zu seinen Gunsten gegen Sebastian Vettel entschieden. So ist er der erste Formel-1-Weltmeister, der sich vegan ernährt.

Schon Carl Lewis gewann vegan

Andere Sportler sind diesen Weg schon vor ihm gegangen.Einer der Ersten überhaupt war der Leichtathlet Carl Lewis. Anders als Hamilton führt er dafür keine ethischen Gründe an: „Ich habe herausgefunden, dass ein Athlet kein tierisches Eiweiß braucht, um ein erfolgreicher Sportler zu sein“, sagt der heute 56 Jahre alte Amerikaner, der sich seit 1990 vegan ernährt. Zwei Jahre später wurde er in Barcelona Olympiasieger im Weitsprung und mit der Staffel über 4 × 100 Meter. Auch die Tennisspielerinnen Serena und Venus Williams ernähren sich seit einigen Jahren weitestgehend vegan. „Meine Ernährungsumstellung hat einen enormen Unterschied gemacht, ich spüre seitdem viel mehr Energie in mir“, sagt Serena Williams, die in der Weltrangliste insgesamt 316 Wochen als Nummer eins geführt war. Schwergewichtsboxer Mike Tyson hat im Ring sogar einmal ins rechte Ohr seines Gegners Evander Holyfield gebissen, nach seiner Karriere wurde er Veganer. Ebenso wie die Tennisspielerin Martina Navratilova.

Der Ernährungswissenschaftler Hans Braun von der Deutschen Sporthochschule in Köln beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. „Die vegane Ernährung von Sportlern ist zuletzt immer mehr in die Diskussionen gerückt“, sagt er. Befeuert werde diese Entwicklung durch Athleten wie Hamilton, die über soziale Netzwerke mehrere Millionen Menschen erreichen und so auf Veganismus aufmerksam machen. Im Alltag bedeutet das: keine tierischen Produkte, kein Fleisch, kein Fisch, keine Kuhmilch, kein Käse, keine Eier, kein Honig, keine Gelatine. Das ist eine Herausforderung – erst recht für Hochleistungsathleten.

Risiko des Nahrungsmangels

„Manche Sportler, Radfahrer oder Kraftsportler, müssen pro Tag 4000 Kalorien oder mehr zu sich nehmen. Nur über Obst, Gemüse und Getreideprodukte wird das schwierig, weil das Nahrungsvolumen auf dem Teller sehr groß wird, diese Mengen werden häufig nicht gegessen“, sagt Braun, der auch als Ernährungsberater für den Olympia-Stützpunkt Rheinland tätig ist. Und weiter: „Das Risiko eines Nährstoffmangels ist für Veganer sicher höher als für Mischköstler.“

So müssten Veganer etwa auf eine ausreichende Qualität des Proteins achten. 1,2 bis 2 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht sollten Sportler pro Tag zu sich nehmen, das funktioniere auch über Sojabohnen, Mais, Reis oder Haferflocken, sagt Braun. Problematischer verhalte es sich mit dem Vitamin B12: „Das kommt eigentlich nur in tierischen Lebensmitteln vor. Bei Frauen kann zudem die Eisenversorgung kritisch sein.“

Die deutsche Beachvolleyball-Spielerin Margareta Kozuch hat früher mit Dankbarkeit gegessen, was auf den Tisch kam. Wirklich gemocht habe sie das Fleisch aber nicht. Nach und nach hat sie immer weniger davon gegessen. Seit vier Jahren ernährt sie sich vegetarisch, zwischendurch legt sie oft vegane Wochen ein. Es gibt nur eine Ausnahme: frisch gefangenen Fisch aus dem Mittelmeer, zweimal im Jahr.

„Manche Trainer hatten ein Problem damit“, sagt die 31-Jährige, die lange Kapitänin der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft war und während ihrer Hallenkarriere auch für Vereine in Italien, Polen, Russland, Aserbaidschan und China gespielt hat. „Du brauchst Kraft“, hieß es oft als Universalargument für Fleisch. Und Kozuch spürte zunächst den Druck, sich konform zu verhalten. „Irgendwann habe ich dagegengehalten“, sagt sie: „Ich habe viel gelesen, mich informiert, aber vor allem auf meinen Körper geachtet.“ Gesundheitliche Probleme habe sie seither keine, im Gegenteil: „Ich habe gespürt, dass ich mich mental besser gefühlt habe.“

Ernährungswissenschaftler Braun kennt Aussagen wie diese. Andere Sportler behaupten, dass sich ihre Regenerationsphasen seit der Umstellung auf eine vegane Ernährung erheblich verkürzt hätten. „Als Wissenschaftler würde ich das erst einmal hinterfragen. Man weiß nie, aus welcher Ernährungssituation diese Sportler kamen, ob sie sich vielleicht vorher eher einseitig ernährt haben. Da ist eine vegane Ernährung natürlich eine Verbesserung, die viele Athleten spüren. Auch mental mag sich ein subjektiv positives Empfinden einstellen“, sagt Braun: „Außerdem stecken in Obst und Gemüse viele sekundäre Pflanzenstoffe. Sie werden in Zusammenhang mit der Reduzierung von trainingsbedingten Entzündungsreaktionen oder einer Stimulierung des Immunsystems gebracht. Entsprechend sollten auch Sportler versuchen, täglich etwa 400 Gramm Gemüse und circa 250 Gramm Obst zu essen.“

Nahrungsergänzungsmittel für Veganer

Für die Beachvolleyballspielerin Kozuch ist das kein Problem. Den Drang nach Junk-Food verspürt die 1,88 Meter große Sportlerin kaum noch. Dennoch erfordert eine Ernährung nach eigenem Gusto „viel Disziplin“. Als Leistungssportlerin reist sie sehr viel, mittlerweile nicht mehr mit einer großen Mannschaft, sondern nur noch mit Beach-Partnerin Karla Borger und dem kleinen Betreuerteam. Da sie nicht immer alles mitnehmen kann, muss sie auch unterwegs einkaufen gehen, auswählen und abwägen. „Was wir essen, ist, was wir uns wert sind“, sagt sie. Und wenn sie doch einmal etwas schwer Verdauliches gegessen hat, weil es auf ihren Reisen rund um die Welt nicht anders möglich war, dann merkt sie sofort den Unterschied. „Ich spüre, dass ich unausgeglichen werde“, sagt sie. Ihr Traum wäre ein eigener Gemüsegarten. Denn Ernährung ist für Margareta Kozuch eine Form der persönlichen Wertschätzung: „Die Antworten sind bei uns selbst“, sagt sie.

Inzwischen kommen immer mehr Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt, die sich speziell an Veganer richten. Insgesamt wurden hierzulande im vergangenen Jahr Nahrungsergänzungsmittel im Wert von mehr als einer Milliarde Euro verkauft. Ernährungswissenschaftler Braun kann diesen durchaus etwas abgewinnen, er sagt: „Sicherlich können Nahrungsergänzungsmittel hilfreich sein. Da geht es allerdings nicht um eine Leistungsverbesserung, sondern um eine angepasste Nährstoffversorgung.“ Das Risiko: Einige Produkte sind verunreinigt, können so im schlimmsten Fall eine positive Doping-Probe zur Folge haben.

Die Verantwortlichen von Mercedes wollen nicht eingreifen in die Ernährungsweise ihres Fahrers Hamilton. Das sei Mikromanagement und liege damit allein in der Verantwortung jener Spezialisten, die mit Hamilton zusammenarbeiten. Ende dieser Woche verschickte der Brite via Instagram einen ersten Zwischenbericht seines Veganerseins. „Seit vier Wochen esse ich hauptsächlich Gemüse und Obst. Und ich fühle mich so gut, wie ich mich in meinen 32 Jahren noch nie gefühlt habe. Mein Energielevel ist unglaublich hoch, im Fitnessstudio kann ich viel mehr Gewicht stemmen, meine Haut ist in einem besseren Zustand. Ich fühle mich leicht, überhaupt nicht aufgebläht, frisch. Es ist schwer, etwas zu essen zu finden, was ich richtig liebe, und trotzdem mache ich weiter. Ich bin angewidert von dem, was in unserem Essen ist, vor allem im Fleisch.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dreis, Achim (ad)Michael Wittershagen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Achim Dreis
Michael Wittershagen
Sportredakteur. Sportredakteur.
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