Tour de France
Deutsches Radteam Sunweb

Im Zeichen von Oranje

Von Rainer Seele, Le Puy-en-Velay
© dpa, F.A.Z.

Der Wunsch nach Ruhe wird immer größer, von Tag zu Tag, der Körper braucht Erholung, aber er muss noch funktionieren, eine Woche lang, wie eine Maschine. „Man spürt die Beine“, sagt Nikias Arndt, „sie werden immer schwerer, und man fängt an, schlecht zu schlafen.“

Das ist der Tribut, den die Tour de France fordert, die Arndt in diesem Sommer zum ersten Mal erlebt, hautnah. Er ist Tour-Debütant im Team Sunweb, kein Mann mit allzu großem Bekanntheitsgrad, aber einer, der einen guten Job macht in seiner Mannschaft, die eine deutsche Lizenz besitzt und einen Hauptsponsor mit Sitz in der Schweiz. Und trotz aller Strapazen ist Arndt alles andere als niedergeschlagen. Schließlich haben sich die Dinge für ihn und sein Team bei der Tour prächtig entwickelt, und so sagt Arndt auch: „Es bringt immer noch unheimlich viel Spaß.“

Das war vor allem in den vergangenen Tagen so, in denen der Rennstall zeigte, dass in ihm ein beträchtliches Potential steckt. Nicht nur, dass der Franzose Warren Barguil am französischen Nationalfeiertag Etappensieger wurde. Die deutsche Equipe legte tags darauf sofort nach, mit dem Australier Michael Matthews, der in Rodez, auf einem Terrain für Klassikerspezialisten, seinem Ruf als tempoharter Radprofi gerecht wurde. „Zwei Tage Champagner“, sagte Simon Geschke lächelnd nach dem zweiten Coup seines Teams, „es könnte schlimmer sein.“ Geschke, der bei der Tour 2015 eine Etappe gewonnen hatte, ist wie Arndt einer der Helfer der Hauptfiguren Barguil und Matthews.

Niederländisches Management, Betreuerstab und Fahrer

Vor zwei Jahren hatte dieses Team, bei dem einst Marcel Kittel und John Degenkolb unter Vertrag standen, noch unter dem Namen Giant-Alpecin firmiert. Nach der vergangenen Saison war der Hauptgeldgeber gewechselt worden, das Touristikunternehmen Sunweb ersetzte Alpecin, das inzwischen das Team Katjuscha alimentiert.

Der Status ist geblieben: deutsch damals, deutsch heute. Und doch irgendwie anders. Weil die Farbe Orange in diesem Team seit jeher dominiert, weil es unter starkem niederländischen Einfluss steht, das Management betreffend, den Betreuerstab, die Gruppe der Rennfahrer. So stehen fünf Niederländer im Tour-Aufgebot, allerdings nicht Tom Dumoulin, der in diesem Jahr den Giro d’Italia für sich entschieden hatte und die Tortur Tour nicht zusätzlich auf sich nehmen sollte.

Laurens Ten Dam (r.) und Nikias Arndt vom Team Sunweb bei einem Ausreißversuch auf der neunten Etappe.
© AFP, F.A.Z.

Die Personalstruktur lässt das Team Sunweb nicht ohne weiteres als eine deutsche Radsport-Formation erscheinen, im Gegensatz zum Team Bora-hansgrohe, das seine Wurzeln in Raubling in Oberbayern hat. Arndt findet die Frage der Identität, wegen der Globalisierung auch des Radsports, einerseits nicht besonders relevant. „Vor ein paar Jahren“, sagt der Tour-Neuling, „hatten wir mal 13 verschiedene Nationen im Team.“ Das stellt sich jetzt nur geringfügig anders dar. „Ich würde sagen, aktuell sind es zehn.“ Und doch wünschte sich Arndt, „dass man uns mehr als deutsches Team sehen würde, das läge mir am Herzen.“

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Das @TeamSunweb fährt zwar vor allem mit Niederländern, sucht aber ein deutsches Rundfahrtalent. #TDF2017

Zumal bei Sunweb einiges für den deutschen Nachwuchs getan werde, „wir machen sehr gute Arbeit in diesem Bereich, das ist ein wichtiger Baustein für die Zukunft. Ich finde, das sollte mehr geschätzt werden“. Teamchef Iwan Spekenbrink hat eine U-23-Auswahl aufgebaut, er veranstaltet zudem einmal im Jahr zusammen mit dem Bund Deutscher Radfahrer einen „Talent Day“, um, wie er sagt, „junge Leute zum Radsport zu inspirieren.“

Die große Suche nach einem deutschen Rundfahrtalent

Der Niederländer Spekenbrink hat ambitionierte Pläne, er möchte einen deutschen Profi herausbringen, der imstande ist, bei großen Rundfahrten in vorderer Reihe mitzumischen. „Das ist die Reise, auf die wir einen deutschen Fahrer mitnehmen wollen. Es ist eine unglaublich schöne Reise“, sagt Spekenbrink. Er glaubt, dass das deutsche Radsport-Publikum sich vor allem an einem Fahrer mit Chancen auf eine glänzende Position in der Gesamtwertung eines Rennens begeistert.

Das Team Sunweb verfügt bereits über aufstrebende Kräfte wie Lennard Kämna oder Phil Bauhaus, der mit einem Etappenerfolg bei der Dauphiné Libéré, der Tour-Generalprobe, überraschte. Sie gelten als Versprechen für das Morgen. Vorläufig aber halten Barguil oder Matthews die Fahne der deutsch-niederländischen Radsport-Combo hoch, die womöglich fette Beute bei dieser Tour macht.

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Barguil trägt das Bergtrikot, er hat gute Chancen, sich damit auch am kommenden Sonntag in Paris zu präsentieren. Matthews sammelt eifrig Punkte im Kampf um das Grüne Trikot, das er jedoch dem Thüringer Kittel vermutlich nicht mehr wird abnehmen können. „Es wird sehr schwer, ins Grüne zu schlüpfen“, sagt Arndt, „Marcel hat grandiose Arbeit geleistet in den letzten Wochen.“

Kittel ist im Flachen eine Macht, die Qualitäten von Matthews hingegen offenbaren sich in erster Linie dann, wenn der Parcours einige Anstiege bereithält wie am Samstag. Darauf hatten der Australier und sein Kompagnon Arndt sich speziell vorbereitet, unter anderem bei einem Höhentrainingslager in Livigno. Eine Strategie, die sich in Rodez auszahlte. „Die Berge“, sagt Arndt, „haben uns nicht so weh getan wie anderen Sprintern.“ Es war eine Fahrt zur Sonne, wieder einmal, mit kluger Taktik und einem ausgeprägtem Gespür dafür, genau in dieser Stunde zu einem großen Schlag ausholen zu können. Im Zeichen von Oranje. Und des deutschen Radsports.

Quelle: F.A.Z.
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John Degenkolb | Marcel Kittel