Aus für Zverev und Kerber

Klarer Blick

Von Peter Heß
 - 22:11

Das Viertelfinale ohne deutsche Beteiligung – ein Wimbledon zum Vergessen? Nein. 2017 wird zwar nicht als deutsches Erfolgsjahr in die Annalen eingehen, aber vielleicht als wichtiges Datum für die Karrieren der Spitzenspieler Angelique Kerber und Alexander Zverev. Der 20 Jahre alte Hamburger vermochte seine Enttäuschung nach der Fünfsatzniederlage gegen den Kanadier Milos Raonic im Achtelfinale nur schwer in Zaum zu halten.

Aber festzuhalten bleibt: Es war sein erstes Spiel in der Runde der letzten 16 eines Grand-Slam-Turnieres, seine stetige Entwicklung erfuhr keine Unterbrechung, die Niederlage stellt keinen Rückschlag dar, nur eine verpasste Gelegenheit, zwei Schritte auf einmal zu nehmen.

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Bis Ende des vierten Satzes war Zverev der bessere Spieler, was bei einem Gegner, der die Nummer sieben der Welt ist und im vergangenen Jahr im Endspiel von Wimbledon stand, eine Menge über sein Potential sagt. Das einzige, was Raonic seinem jungen Kollegen voraus hatte, war seine Erfahrung im Umgang mit entscheidenden Momenten, wenn ein Spiel auf der Kippe steht.

In diesen Augenblicken wirkte der Kanadier besonders konzentriert und aggressiv, in diesen Augenblicken konnte er sich zuverlässig auf seinen ersten Aufschlag verlassen. Das war bei Zverev nicht so. Er agierte bei Breakchancen eher einen Tick fahriger und vorsichtiger als sonst.

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Und doch hätte es für ihn zum Sieg reichen können, wenn nicht ein glücklicher Lob mit dem Schlägerrahmen Raonic aus der Bedrängnis geholfen hätte, was Zverev ziemlich irritierte und wohl auch ablenkte. Er wird die Lehren daraus ziehen und nicht daran verzweifeln. Dafür sorgt schon seine Familie, die ihm nicht nur Rückhalt gibt, sondern auch mit Expertenratschlägen versorgt. Der Vater trainiert ihn, die Mutter trainierte ihn in der Jugend und Bruder Mischa, Nummer 30 der Welt, ist der höchstqualifizierte Dauer-Sparringspartner, den man auf der Tour finden kann. Sogar die Oma kennt sich im Tennis aus.

Alles bestens also bei Alexander Zverev. Das konnte Angelique Kerber in den vergangenen Monaten nicht von sich behaupten. Die 29 Jahre alte Kielerin hat auch ein funktionierendes Team um sich, aber sie macht die Dinge lieber mit sich selbst aus. Nun aber hat sie offensichtlich die richtigen Schlüsse aus den Rückschlägen gezogen, die sie in den vergangenen Monaten ereilt hatten: Konzentrieren auf das Wesentliche.

Das ist bei ihr zuallererst die Fitness und die Athletik. Darauf basiert ihr ganzes Spiel. Die Ablenkungen, Anforderungen und Erwartungen, die an den Status der Nummer eins geknüpft sind, hatten sie aus ihrer inneren Mitte gerissen. Nun endlich hat sie sich in dem zwar verlorenen, aber hochklassigen Match am Montag gegen Garbiñe Muguruza bewiesen, dass sie ähnlich gut Tennis spielen kann wie in ihrem phänomenalen Jahr 2016.

Erst jetzt, da sie Platz eins in der Weltrangliste endgültig verloren hat, nachdem sehr lange keine andere Spielerin in Abwesenheit der schwangeren Serena Williams einen Führungsanspruch im Damen-Tennis realisieren konnte, werden Kerbers überragende Leistungen des Vorjahres so richtig bewusst.

Sie erreichte bei den sechs größten Veranstaltungen (vier Grand Slams, Olympia und WTA-WM) fünf Endspiele, von denen sie zwei gewann. Diese einmalige Bilanz und der Spuk um ihren Weltranglistenplatz eins haben den Blick auf ihr wahres Potential und ihre Position auf der Damen-Tour zeitweise vernebelt. Nach Wimbledon ist der Blick wieder klar. Das kann mehr wert sein als ein gewonnenes Achtelfinale.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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