Roger Federer

Der Wimbledonsieg als Nonplusultra

Von Peter Hess, Stuttgart
 - 11:21

Als Rafael Nadal am Sonntag zum elften Mal in Paris triumphierte, stand Roger Federer auf einem Rasenplatz der Anlage des Stuttgarter Weißenhofs und trainierte. „Ich habe fast nichts vom Finale gesehen, das musste ich aber auch nicht, um zu wissen, wie stark Rafa auf Sand ist. Elfmal in Paris zu gewinnen ist unglaublich, da bleiben nur Superlative, um es zu beschreiben. Aber ich hatte es erwartet.“

Mit fast 37 Jahren hat es der Schweizer Tennis-Star längst gelernt, den lieben Konkurrenten Erfolge zu gönnen. Und darüber hinaus hat er sich angeeignet, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu tolerieren. Zum zweiten Mal in seiner Karriere verzichtete Federer in diesem Jahr freiwillig darauf, Nadal den Titel Sandplatzkönig streitig zu machen. Stattdessen legte er nach dem Turnier in Miami eine zweieinhalbmonatige Wettkampfpause ein, um für den Rest der Saison, vor allem für den Höhepunkt in Wimbledon, in bestmöglicher Verfassung zu sein. Ob es mittlerweile nicht die größere Herausforderung wäre, Nadal in Paris zu besiegen, als zum wiederholten Mal Wimbledon zu gewinnen, wurde Federer im Stuttgart gefragt. Der Schweizer verneinte: „Für mich bleibt der Wimbledonsieg das Nonplusultra auf der Tour. Wenn ich die Wahl hätte, noch einmal Rafa auf Sand zu schlagen oder noch mal Wimbledon zu gewinnen, würde ich immer Wimbledon nehmen.“

Die Erklärung, die er hinterherschickte, klang überzeugend. „Eine mögliche French-Open-Schlacht mit Nadal wäre auch schön, aber es geht bei mir um viel mehr als um die direkte Begegnung mit Rafa, es geht um Gesundheit und darum, die Freude am Tennis zu behalten. Ich habe auch noch vier Kinder, das vergessen viele Leute. Bei mir ist viel los zu Hause, da brauche ich auch mal meine Ruhe.“

Urlaub statt roten Sandes

Die Erfahrungen des vergangenen Jahres bestätigten ihn. Damals entschied er sich erst im letzten Moment dazu, für Paris abzusagen, weil er seinen Körper spürte und er es nicht „witzig gefunden hätte“, nur so mitzuspielen und nicht das Turnier gewinnen zu können. „Diese Pause im letzten Jahr hat mir wunderbar gutgetan. Ich sammelte genug Energie für den Rest der Saison.“

Vor allem für die Rasensaison, an deren Ende er seinen achten Triumph in Wimbledon realisierte. Deshalb stand es diesmal früh für ihn fest, wieder im April und Mai zu pausieren. Statt auf rotem Sand dem Ball hinterherzujagen, machte Federer zweimal mit der Familie Urlaub und nahm Termine für seine Stiftung in Afrika, der Schweiz und in Frankreich wahr. Dazwischen lag ein erster Block für den Konditionsaufbau. Die vergangenen vier Wochen gestaltete das Team Federer wie einen Saisonaufbau. Wo er genau steht, weiß der Schweizer vor seinem ersten Match nach der Pause am Mittwoch gegen den Deutschen Mischa Zverev (Beginn nicht vor 15 Uhr) beim Mercedes Cup noch nicht. „Aber ich fühle mich frisch und gesund. Ich konnte die ganze Zeit ohne Rückschläge durchtrainieren.“ Falls er irgendwelche Defizite an seinem Spiel in Stuttgart entdecken würde, wäre das auch kein Problem. „Bis zum Start in Wimbledon am 2. Juli ist genug Zeit, um daran zu arbeiten.“

Eine Erstrundenniederlage in Stuttgart wäre sogar ein gutes Omen. 2017 schied Federer gleich in der ersten Runde gegen Tommy Haas aus, verlor danach jedoch keinen einzigen Satz mehr auf Rasen und gewann die Turniere in Halle/Westfalen und Wimbledon. Dennoch würde den Schweizer eine frühe Niederlage in Stuttgart empfindlich stören. Denn es geht bei diesem vergleichsweise unbedeutenden Turnier der 250er Serie der ATP um die Weltranglistenposition eins. Nadals Vorsprung vor dem alten Rivalen beträgt genau 100 Punkte. Da der Spanier eine kurze Pause nach den Anstrengungen auf Sand einlegt, würde ihn Federer bei einem Finaleinzug in Stuttgart verdrängen. „Das ist schon ein bisschen Extramotivation“, behauptet der Schweizer.

Auch in Wimbledon hält er Rafael Nadal für seinen größten Widersacher. „Rafa ist viel mehr als nur der Sandplatzkönig, als den ihn viele nach Paris sehen. Er hat Wimbledon zweimal gewonnen und wird dort sicher topfit auftauchen.“ Ansonsten nennt Federer Cilic und del Potro als ernstzunehmende Konkurrenten um den Titel. „Und ich hoffe, Novak (Djokovic, d. Red.) kommt stark zurück, wofür es einige Anzeichen gibt – und Stan (Wawrinka, d. Red.) und Murray.“

Und was ist mit Alexander Zverev? „Den habe ich vergessen zu nennen. Er wird jetzt ein gutes Jahr haben. Er hat eine sehr gute Sandplatzsaison gespielt und wird durch die drei Fünfsatzsiege in Paris viel gelernt haben. Ich erwarte viel von ihm. Er hat schon gezeigt, dass er auf Rasen spielen kann. Mit seinem Aufschlag und seinem Return ist alles für ihn möglich.“

Der große Favorit für Wimbledon, Federer würde es nie so sagen, ist jedoch der Rasenkönig aus der Schweiz. Auch mit fast 37. Und so schnell wird er den Thron nicht räumen. „Es ist klar: Das Ende meiner Karriere ist näher als jemals zuvor. Aber ich weiß immer noch nicht, wann es vorbei ist.“ Solange er Freude am Spiel und am Reisen habe, werde er weitermachen. Angst vor dem Nichts nach dem Tennis habe er nicht. „Ich weiß, es wird witzig und interessant mit den Kindern werden. Ich bin überzeugt: Der Sprung ins Danach wird okay sein.“

Quelle: F.A.Z.
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