Wimbledon
Tennis-Rekord

Federer endgültig König von Wimbledon

Von Peter Heß, London
© Reuters, FAZ.NET

Roger Federer ist am Ziel aller Wünsche. Der 35 Jahre alte Schweizer gewann am Sonntag seinen achten Einzeltitel in Wimbledon und hat sich damit in der Rekordliste von seinem letzten Widersacher, dem Amerikaner Pete Sampras, abgesetzt. Mit den Umständen seines historischen Triumphes war Gentleman Federer allerdings nicht ganz glücklich. Er gewann gegen einen Gegner, der offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. „Tennis ist manchmal grausam. In einem Finale zu stehen und nicht alles geben zu können, aber du hast so tapfer gekämpft. Marin, du bist ein Held“, tröstete Federer seinen Widersacher nach dem 6:3, 6:1, 6:4 bei der Siegerehrung. Kurz zuvor hatte ihn die Rührung über seinen Sieg übermannt. Beim Warten auf die Trophäe kamen ihm die Tränen. „Es ist unglaublich, was ich erlebe. Wenn man an sich glaubt und träumt, kann man es weit bringen“, sagte er.

Glauben und Träumen half Cilic in diesem Finale nicht weiter. Beim Stand von 3:6, 0:3 blieb der Kroate in der Spielpause länger als es die Regeln eigentlich zulassen auf seinem Stuhl sitzen. Er schlug zunächst die Hände vor das Gesicht, nahm dann sein Handtuch und hängte es sich über den Kopf. Als sein Gesicht wieder zu sehen war, schimmerten Tränen in seinen Augen. Der Turnierarzt und der Turnierphysiotherapeut kamen zu Hilfe, sprachen mit ihm, behandelten Cilic aber zunächst nicht. Der Kroate setzte das Spiel dann fort – mit veränderter Taktik. Mit hohem Risiko versuchte er die Ballwechsel möglichst kurz zu halten. Das gelang ihm, aber nicht mit dem gewünschten Resultat. Federer gewann den zweiten Durchgang 6:1. In der Satzpause ließ sich Cilic dann behandeln. Sein linker Fuß wurde mit einer Salbe eingerieben, dann bekam er eine Schmerztablette verabreicht.

Cilic versuchte es weiter, kampflos wollte er nicht das Feld nicht räumen, zum letzten Mal hatte in Wimbledon 1911 ein Spieler in einem Herrenfinale aufgegeben. „Ich habe noch nie ein Spiel in meiner Karriere aufgegeben, ich wollte nicht hier damit beginnen“, sagte Cilic bei der Siegeszeremonie. Der Start vermittelte dem Kroaten ein bisschen Hoffnung, er brachte seinen Aufschlag zur 1:0-Führung durch. Bis zum 3:3 hielt er mit, bewegte sich auch wieder besser.

Doch als er wieder ein Break zum 3:4 hinnehmen musste, war seine Leidensbereitschaft erschöpft. Wenige Minuten später nutzte Federer seinen zweiten Matchball zum 6:3, 6:1, 6:4. Nur einen einzigen Breakball hatte der Champion abzuwehren, er dagegen nutzte fünf von zehn Gelegenheiten, seinem Gegner den Aufschlag abzunehmen. Cilic hatte in den sechs Spielen bis zum Finale 130 Asse geschlagen, nach dem Amerikaner Sam Querrey (139) die zweitmeisten. Im Endspiel kamen nur noch fünf hinzu.

Aber auch in bester körperlicher Verfassung wäre es sehr fraglich gewesen, ob er Federer hätte ernsthaft herausfordern können. Fünf Jahre nach seinem letzten Triumph an der Church Road präsentierte sich der Rasenkönig in herausragender Form. Ohne Satzverlust drang er in sein elftes Wimbledon-Endspiel vor und dabei blieb es auch. Das war ihm zuvor bei einem Grand-Slam-Turnier bisher nur 2007 in Australien gelungen. Federer also so gut wie vor zehn Jahren? Tomas Berdych, sein Halbfinalgegner vom Freitag, stimmte zu: „Ja! Ich habe in keiner Hinsicht irgendein Anzeichen für sein Alter erkennen können. Er ist so gut und so schnell wie er es immer war.“ Ob er irgendeine Schwäche am Schweizer erkannt habe, wurde der Tscheche noch gefragt.

Auch Prinz William und seine Kate wollten sich das Finale nicht entgehen lassen.
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Und tatsächlich fand er eine: „Bei den Challenges.“ Federer hatte von allen Spitzenspielern die schlechteste Erfolgsquote, wenn er die Videokamera zur Überprüfung einer Schiedsrichterentscheidung heranziehen ließ. Aber häufiger lag Federer so weit daneben, dass man schon wieder annehmen darf, dass er auch fehlschlagende „Challenges“ als taktisches Mittel einsetzt. Um zusätzliche Pausen bis zum nächsten Ballwechsel zu gewinnen – sei es, um den Rhythmus des Gegners zu unterbrechen, oder sich wieder zu sammeln. Federer wird für seine Eleganz geliebt, bei seinen Schlägen und seinen Bewegungen. Aber auch sein taktisches Vermögen, die Kunst, ein Spiel zu lesen, hebt ihn von der Konkurrenz ab. Fähigkeiten, die auch im hohen Tennisalter bleiben.

Es gibt keinen Grund für Federer, nach seinem 19. Grand-Slam-Titel aufzuhören. Bei der Siegerehrung äußerte er seine Hoffnung, im nächsten Jahr seinen Titel verteidigen zu können. Freiwillig jedenfalls wird er nicht auf diese Möglichkeit verzichten. „Es wird immer besser. Und wenn es so läuft, dann komme ich gerne noch ein paarmal zurück“, sagte der Schweizer. Und nichts wäre den Fans in Wimbledon vermutlich lieber.

Hingis holt Mixed-Titel in Wimbledon mit Jamie Murray

Die Schweizer Tennisspielerin Martina Hingis hat gemeinsam mit Jamie Murray den Wimbledon-Titel im Mixed gewonnen. Die 36-Jährige setzte sich mit dem ein Jahr älteren Bruder von Andy Murray am Sonntag gegen das finnisch-britische Duo Henri Kontinen/Heather Watson mit 6:4, 6:4 durch. Für Hingis war der Erfolg gegen die Titelverteidiger der sechste Wimbledon-Titel nach den Siegen 1997 im Einzel, 1996, 1998 und 2015 im Doppel sowie 2015 schon einmal im Mixed. Die frühere Weltranglisten-Erste hat ihre Einzel-Karriere beendet. (dpa)

Quelle: FAZ.NET
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