Wintersport
Alpine Ski-WM

Hirscher schlägt zurück

Von Achim Dreis, St. Moritz
© EPA, F.A.Z.

Als Superstar und Seriensieger hat man es auch nicht leicht. Ständig werden weitere Erfolge verlangt, von der Öffentlichkeit, dem Umfeld und natürlich hat man auch eigene Erwartungen. Schon zweite Plätze gelten bisweilen als Niederlage, und wenn wirklich mal ein Rennen daneben geht, kommt die Häme dazu. Marcel Hirscher hat deshalb zurück geschlagen. Erst verbal, dann auf der Piste. Am Mittwoch kritisierte er seine Kritiker, am Freitag gewann der österreichische Super-Techniker bei der Ski-WM in St. Moritz den Riesenslalom.

Bei schwierigen Sichtbedingungen und leichtem Schneefall verteidigte der 27-Jährige seinen Vorsprung aus dem ersten Durchgang und gewann in einer Gesamtzeit von 2:13,31 Minuten mit einer Viertelsekunde Vorsprung auf seinen Landsmann Roland Leitinger, der als Überraschungsmann des Tages mit Startnummer 22 auf Rang zwei fuhr. Bronze gewann der Norweger Leif Kristian Haugen (+0,71). Bester Deutscher wurde Linus Strasser mit 1,38 Sekunden Rückstand auf Rang zwölf, Stefan Luitz und Felix Neureuther folgten knapp dahinter auf den Plätzen 14 und 16. Marcel Hirscher wirkte im Ziel vor allem erleichtert. „Ich bin sehr dankbar für diesen Sieg“, sagte er, „es war eines der härtesten Rennen.“ Die erste Stufe seiner hoch gesteckten, freilich selbst auferlegten Mission „Doppel-Gold“ hat er erfolgreich umgesetzt.

Die deutschen Alpin-Fahrer um Felix Neureuther bleiben in St.Moritz ohne Medaille
© dpa, F.A.Z.

Hirscher ließ sich auch von einem außergewöhnlichen Unfall nicht aus dem Konzept bringen, der dafür gesorgt hatte, dass der zweite Lauf mit halbstündiger Verspätung startete. Ein Flugzeug einer Fliegerstaffel riss bei der Pausen-Show die Seilbahn-Kamera des Fernsehens zu Boden. Das herunterstürzende Kabel samt Kamera landete auf der Piste und legte zudem den Sessellift lahm, der die Fahrer zum Start bringen sollte. Sie wurden mit Quads nach oben gefahren. Andere, die schon im Lift saßen, darunter Neureuther und Hirscher, mussten in der Schwebe ausharren. Verletzt wurde zum Glück niemand. „Ich bin kein Fan von solchen Flugshows“, kritisierte Neureuther. Und vor allem Hirscher war schockiert. Der Österreicher war schon einmal fast von einer herabstürzenden Drohne getroffen worden. Sie war im Dezember 2015 beim Nachtslalom in Madonna di Campiglio knapp hinter ihm auf die Piste gekracht. Damals wurde er trotzdem Zweiter.

Diesmal lief es noch besser für ihn. Der Riesenslalom-Titel fehlte dem fünfmaligen Gesamt-Weltcupsieger bislang in seiner goldenen Sammlung. Einen WM-Slalom hatte er schon 2013 in Schladming gewonnen, 2015 in Vail die Kombination. Beide Male hatte er auch den Titel mit der österreichischen Mixed-Mannschaft geholt. Dass es mit dem Team diesmal nicht zum abermaligen Sieg reichte, hatte auch an ihm gelegen – er hatte am Dienstag überraschend seine beiden Duelle gegen den belgischen Nobody Dries van den Broecke und den Schweden André Myhrer verloren. Danach waren hämische Kommentare über ihn herein gebrochen. Der nach Niederlagen nicht immer souveräne Siegfahrer keilte zurück, erklärte die meisten Kritiker für ahnungslos und legte Wert darauf, dass er im Achtelfinale trotzdem die viertbeste und im Viertelfinale die zweitbeste Zeit gefahren sei – nur nutze das in den K.o.-Duellen nichts. „Ich habe mich echt geärgert“, bekannte er, vielleicht auch über sich selbst: „Trotz meiner Erfolge kann ich nicht einfach darüber stehen.“

Wenn von Hirscher die Rede ist, wird gerne und oft das Bild des akribischen und beinahe manischen Tüftlers gezeichnet, der nichts dem Zufall überlässt. Doch er ist immer noch Mensch geblieben. Und verletzlich. Natürlich sei Marcel mit außergewöhnlichem Talent gesegnet, sagt sein Individual-Trainer Michael Pircher gegenüber derstandard.at. Aber Talent hätten viele. Hirschers spezielle Begabung sei sein Streben nach ständiger Verbesserung; die Kunst, stets noch mehr herauszuholen. Legendär sind seine 50 Paar Ski, die er zu Skirennen mitnimmt. Alle mit leicht unterschiedlichem Schliff und Beschaffenheit. Doch seine Akribie geht weit über das Material hinaus. Seinen Körper pflegt er, auf gute Ernährung und ausreichend Schlaf legt er großen Wert. Wenn ihm in einem Hotel die Matratze nicht passt, lässt er sie austauschen. Nach St. Moritz hat er die eigene mitgebracht.

Bei allem Siegeswillen hat er sogar gelernt, taktische Siege zu feiern. Dass er in der alpinen Kombination um 0,01 Sekunden hinter dem Schweizer Luca Aerni Zweiter wurde, ärgerte ihn nur kurz. Dann beruhigte ihn die Silbermedaille eher: Der Super-Gau für den Super-Skifahrer, eine WM ohne Medaillen, war schon mal abgewendet. Nun hat er den ersten Titel in der Tasche. Nummer zwei soll am Sonntag folgen.

Quelle: F.A.Z.
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