Aus dem Gleichgewicht?

Eiskanal-Spezialisten auf dem Prüfstand

 - 08:53

Bob, Skeleton und Rodeln gut? Einen Monat vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Südkorea wächst der Erwartungsdruck im Lager der deutschen Eiskanal-Spezialisten. Der deutsche Verband (BSD) ist zum Siegen verdammt, falls er seine Plazierung an der Spitze der staatlichen Förderliste behalten will. Sieben Medaillen sollen es schon sein. Bei den Weltcup-Wettbewerben in der Heimat am Wochenende sind die Deutschen jedoch hier und da aus dem Gleichgewicht geraten.

Sonntag am Königssee: Der Olympia-Sieger im Rennrodeln startet auf seiner Hausbahn als Schnellster des ersten Durchgangs, den dritten Weltcup-Sieg der Saison vor Augen. Was soll da schon passieren? Er fährt die Bahn mit verschlossenen Augen, wenn es sein muss. Einfacher kann es kaum sein für den Star der Szene. Und dann passiert es doch. Felix Loch versteuert sich, er kippt fast von seinem Schlitten, hält sich zwar auf dem Untersatz, fällt aber auf Rang elf zurück. Ein Desaster – für ihn, an diesem Tag: „Ärgerlich, ich habe keine Worte dafür.“

Aber dafür einen Hinweis zu rechten Zeit erhalten. Auch die Olympia-Bahn von Pyeongchang bietet keine besondere Herausforderung. Nur eine Kurve (Nummer 9) wird gefürchtet. Dort kann alles kippen, was sich Loch und Kollegen aufgebaut haben in den vergangenen vier Jahren.

Die Konkurrenz wartet auf Fehler und nutzt sie. Am Sonntag siegte Weltmeister Wolfgang Kindl aus Österreich. Und später Italien im Team-Wettbewerb, weil den Deutschen ein Frühstart unterlief. Allerdings sieht der Cheftrainer und Vater des Olympia-Siegers, Norbert Loch, keinen Grund, seine Ruhe zu verlieren. In den Doppelsitzer- und Damen-Wettbewerben fuhren die Deutschen Schlitten mit ihrer Konkurrenz: Erst ließen Tobias Wendl/Tobias Arlt ihre nationalen Gegner auf den Rängen zwei und drei hinter sich, dann siegte Natalie Geisenberger vor Dajana Eitberger und Junioren-Weltmeisterin Jessica Tiebel. Das war der erste Hinweis auf die Ersetzbarkeit der gegenwärtig ersten Riege, die ohne die verletzte Olympia-Siegerin Tatjana Hüfner am Königssee auftrat. Tiebel ist das Versprechen für Peking 2022. Im Rennrodel-Lager scheint doch sehr viel im Gleichgewicht.

Wiewohl das systematische Doping-System Russlands auch die Bahngemeinschaft am Königssee erschütterte. Die vom IOC lebenslang gesperrte Russin Tatjana Iwanowa durfte zwar starten, weil die Disziplinar-Kommission des Internationalen Rodel-Verbandes die Beweisevorlage des IOC für nicht ausreichend erachtete. Aber der Empfang der Russin fiel kühl aus. Kaum jemand habe sie begrüßen, geschweige denn mit ihr reden wollen, hieß es gegenüber der F.A.Z. Iwanowa beteuert ihre Unschuld.

Die Hände werden auch in der Bob-Szene gehoben. Gleiches Urteil, gleiches Verfahren: Für Olympia sind ein paar Russen gesperrt, im Weltcup dürfen sie fahren. Mit einem Auge werden auch die Deutschen hinschauen, wenn demnächst vor dem Internationalen Sportgerichtshof letztinstanzlich über eine Olympia-Teilnahme entschieden wird. Denn mit der bestätigten Sperre der Russen würden die Chancen steigen, die „Nullnummer“ während der russischen Manipulation in Sotschi 2014 vergessen zu lassen. Ausgerechnet ein handfester Streit hat diese Aussicht verbessert.

Im Zweikampf um die besten Bobs ist der staatlichen Schmiede FES ein Coup gelungen. Der Zweier-Bob ist so schnell geworden, dass sich der viermalige Weltmeister Francesco Friedrich für einen Wechsel vom privaten Anbieter Wallner zum Staats-Bob entschieden hat. Ein heikles Thema, in der Bahn und außerhalb. Bei Trainingsfahrten in Altenberg war Friedrich gestürzt. Die Umgewöhnung auf das andere Steuersystem hat ihre Tücken. Am Samstag beim Weltcup in Altenberg wurde er Zweiter. Balsam auf die Seele der gescholtenen FES-Strategen. Zumal am Sonntag Nico Walther im Vierer der FES vor Friedrich gewann, während Weltmeister Johannes Lochner im großen Wallner-Bob (nach Rang sechs im kleinen) nur auf Platz fünf landete. Mit drei Weltcup-Siegen in dieser Saison gilt er immer noch als einer der Favoriten für eine Olympia-Medaille. Und ganz rund lief es für die FES auch nicht. Walthers dritter Platz im Zweier-Rennen wurde kassiert – weil die Haube zu dünn war, angeblich um fünf Millimeter. „Ein Vermessungsfehler“, wie die FES der Deutschen Presse-Agentur erklärte. Konkurrenz hat das Geschäft offenbar belebt. Aber für den letzten Schliff vor Olympia ist es höchste Zeit.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFelix LochIOCOlympische WinterspieleOlympiaFrancesco FriedrichSkeleton