Skifahrer Thomas Dreßen

Immer locker bleiben

Von Achim Dreis
 - 12:33

„Jawoiii!!!“, schrieb Thomas Dreßen nach seinem Erfolg beim Abfahrtslauf in Kvitfjell, mit drei I und drei Ausrufezeichen: „Geiler Tag heute mit meinem zweiten Sieg.“ So viel alpenländischer Dialekt muss beim Ausdruck größtmöglicher Freude erlaubt sein, zumal in den sozialen Netzwerken. Der Skirennläufer aus dem Werdenfelser Land, der zwar in Bayern geboren ist, aber in Österreich zur Ski-Schule ging und der Liebe wegen dort auch wohnt, pflegt seinen ganz eigenen Stil. Sprachlich und sportlich.

Im alpinen Skiweltcup hat sich der 24-Jährige binnen kürzester Zeit als famoser Abfahrer einen Namen gemacht, der einerseits nichts und niemanden fürchtet, aber andererseits noch immer bodenständig und bescheiden auftritt. Eine Mischung, die ihn gleichermaßen beliebt wie erfolgreich macht: Dank seiner einhundert Kilogramm Körpergewicht bringt Dreßen die nötige Wucht mit, um schnellstmöglich zu Tal zu rasen. Noch wichtiger erscheint sein ausgeprägtes Feingefühl, das ihn schon in seiner zweiten vollständigen Weltcup-Saison zu einem Siegfahrer heranwachsen ließ. Dazu kommt das nötige Wissen, wie es geht: „Ganz ohne Schädel“, wie Dreßen das Denken bezeichnet, „darf man auch nicht Ski fahren.“ Und vor allem sei wichtig, „dass man sich die Lockerheit behält“.

Diese Lockerheit zeichnet Dreßen tatsächlich wie keinen Zweiten aus, seit ihm in diesem Winter der größtmögliche Coup gelungen war, sein Sieg Mitte Januar auf der Streif in Kitzbühel – der schwersten Abfahrtsstrecke der Welt, wie sie gemeinhin genannt wird. Als Zeichen seiner Selbstsicherheit und seines Könnens darf gewertet werden, dass er den anschließenden Trubel fröhlich mitnahm, sich danach aber eben nicht als One-Hit-Wonder erwies. Stattdessen etablierte er sich in der absoluten Elite. Bestes Beispiel war die Schussfahrt von Kvitfjell, die er an diesem Samstag in 1:49,17 Minuten vor dem Schweizer Weltmeister Beat Feuz (+0,08) und Olympiasieger Aksel Lund Svindal (+0,17) aus Norwegen gewann. Und es spricht für Dreßen, dass er noch immer mit einer gewissen Ehrfurcht nach rechts und links schaut. „Es macht mich stolz, dass ich da mit Aksel und Beat auf dem Podium stehen darf“, sagte er nach der Siegerehrung: „Die zwei sind immer schon Heroes für mich gewesen.“

Dass er selbst freilich in der Mitte stand, und zwar zu Recht, dafür adelte ihn kein Geringerer als der Olympiasieger mit nur fünf wohlgesetzten Worten: „Das ist überhaupt kein Zufall“, sagte Svindal. In Kvitfjell war Dreßen vor Jahresfrist als Sechster zum ersten Mal in die Top Ten gefahren. Nun gewann er an gleicher Stelle, womit er vor der letzten Abfahrt der Saison, dem Weltcup-Finale in Are am Mittwoch, mit 401 Punkten auf Rang drei der Disziplinwertung vorrückte. Nur Feuz (602) und Svindal (562) rangieren noch vor ihm. „Ich hätte mit vielem gerechnet“, bekannte der Aufsteiger der Saison: „aber nicht damit, dass es so gut läuft.“

Schon wird Dreßen, der nebenbei auch Olympia-Fünfter wurde, mit den erfolgreichsten deutschen Abfahrern überhaupt in einem Atemzug genannt. Was aber freilich auch daran liegt, dass sie im alpinen Skiweltcup seit 1967 keine allzu ruhmreiche Rolle gespielt hatten. Zwei Abfahrtssiege im Weltcup gelangen vor Dreßen erst zwei Deutschen: Sepp Ferstl 1978 und 1979, beide Male in Kitzbühel, sowie Markus Wasmeier. Der Doppel-Olympiasieger im Riesenslalom und Super-G hatte 1987 in Wengen und 1992 in Garmisch je einmal ganz oben auf dem Abfahrts-Podest gestanden. Für Dreßen nicht mal eine Erinnerung wert: Der junge Mann ist zwar in Garmisch-Partenkirchen geboren, aber erst 1993.

Dreßen orientiert sich ohnehin lieber an der aktuellen Generation. Und da weiß er mit ehrlichen Aussagen zu punkten. Feuz und Svindal seien seine Vorbilder, nicht nur wegen des Skifahrens, „sondern auch wie sie menschlich sind. Da kann man sich schon eine Scheibe abschneiden.“

Und angesichts seiner eigenen Erfolge wird er nicht müde, immer wieder auf den guten Geist im deutschen Speedteam hinzuweisen. „Ohne euch wäre das nicht möglich“, schrieb er am Samstag an die Adresse der Trainer und Techniker, aber auch an seine Weggefährten Andreas Sander und Josef Ferstl. Die beiden tingeln mit ihm gemeinsam durch die Skiwelt, treiben ihn zu Spitzenleistungen an, können ihn aber derzeit nicht schlagen. Am Sonntag war Sander mal wieder drauf und dran, ein Topresultat herauszufahren. Am Ende wurde er beim Super-G-Sieg des Norwegers Kjetil Jansrud Zehnter – distanziert von Dreßen um 0,01 Sekunden. Der wurde Achter, immerhin das beste Super-G-Resultat seiner Karriere. Zwei Deutsche in den Top Ten, ohne dass es einer besonderen Erwähnung wert wäre. Auch das ist der rasanten Entwicklung dieser Saison geschuldet. Alpin-Direktor Wolfgang Maier erinnert sich noch mit einigem Unbehagen an die Phase davor: „Wir sind ja lange erst gefahren, als die anderen schon Sekt gespritzt haben.“

Quelle: FAZ.NET
Achim Dreis
Sportredakteur.
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