Finale der Vierschanzentournee

Die gemischten Gefühle der Deutschen

Von Marc Heinrich, Bischofshofen
 - 10:00

Nichts wie weg. Die Delegation des Deutschen Skiverbandes (DSV) hatte es eilig, den Ort zu verlassen, an dem für sie vieles nicht nach Wunsch gelaufen war. Während die Polen, allen voran ihr Dauersieger Kamil Stoch, noch bereitwillig vor den Kameras und Mikrofonen in Innsbruck aufmarschierten, um über ihre Sicht der Dinge auf das anstehende Finalspringen zu plaudern, packten die enttäuschten Kollegen im schwarz-rot-goldenen Outfit ihre Sachen zusammen und machten sich auf den Weg quer durch Österreich zum Schlussort der Vierschanzentournee. In Bischofshofen endet die Veranstaltung an diesem Samstag – und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird sich Stoch dann als strahlender Gewinner von seinen Fans bejubeln lassen dürfen.

Der Titelverteidiger kommt in der Gesamtwertung nach seinen Erfolgen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und am Bergisel auf 833,2 Punkte. Seine am Donnerstag in die Verfolgerposition gerückten Konkurrenten, der Münchner Andreas Wellinger und der Japaner Junshiro Kobayashi, folgen ihm mit deutlichem Abstand. Wellinger ging auf Nummer sicher, um die Ausgangslage aus seiner Sicht korrekt auf den Punkt zu bringen. Er nahm im Pressezentrum in Innsbruck die grüne Ergebnisliste in die Hand, überflog alle Zahlen – und legte sich anschließend fest: „Kamil liegt 65 Punkte vorne. Er ist durch. Er könnte sich nur selbst schlagen. Zum Beispiel, wenn er stürzt. Aber das wünscht ihm keiner.“

„Da waren Emotionen bei mir im Spiel, die scheiße sind“

Sven Hannawald, der vor 16 Jahren als Erster und bis heute Einziger das Meisterstück vollbrachte, bei einer Tournee den Grand Slam mit Siegen an allen vier Standorten zu erreichen, umschrieb es nicht weniger eindeutig: „Kamil müsste jetzt rückwärts springen, um die Tournee nicht mehr zu gewinnen!“ Wellinger räumte vor der Weiterreise ein, sich „zwiegespalten“ zu fühlen nach einem denkwürdigen Wettkampf, dessen Ausgang bei turbulenten Witterungsbedingungen einiges von dem, was der DSV geplant hatte, durcheinanderwirbelte. Ihr bis dahin bester Mann, Richard Freitag, kam beim Versuch, seinen Sprung bei 130 Metern sauber zu landen, zu Fall und stürzte folgenschwer.

Seine Ambitionen, Stoch zu attackieren und auf den Schlussetappen der Tournee vom zweiten Platz des Klassements an die Spitze zu rücken, zerschlugen sich damit. Der Sachse trat zum zweiten Durchgang nicht mehr an und wurde noch am Abend in einer Klinik medizinisch untersucht. Am Freitagvormittag gab er in einer über den DSV verteilten Mitteilung bekannt, dass er wegen seiner Blessuren, die dem Vernehmen nach an der Hüfte am gravierendsten sind, aus dem Wettkampf vor der Qualifikation in Bischofshofen, die der Pole Dawid Kubacki gewann, aussteigt. „Aktuell macht Skispringen keinen Sinn für mich“, ließ sich der Weltcup-Führende zitieren, „das ist zwar bitter, aber da es in dieser Saison noch einiges zu holen gibt, wäre es unklug, nicht auf den eigenen Körper zu hören.“

Freitag war der einzige Teilnehmer im Starterfeld, der bei Regen, Schnee und Wind auf dem Auslauf zu Fall kam. „Da waren Emotionen bei mir im Spiel, die scheiße sind“, beschrieb Wellinger die Szene unverblümt. Er selbst landete zunächst bei 133 Metern, der größten Weite des Tages, und legte anschließend 126 Meter nach, was ihm Platz zwei auf dem Podiums einbrachte – und ihn zugleich auf den zweiten Rang in der Gesamtwertung hievte. Wirklich glücklich wirkte der Bayer, der in Oberstdorf als Zehnter und in Garmisch-Partenkirchen als Elfter weniger vorteilhaft abgeschnitten hatte, darüber nicht. „Ja“, sagte er, bevor der DSV-Tross zum Abmarsch drängte, „meine Sprünge sind gut abgelaufen. Aber es ist sehr schade, was Richard passiert ist.“ Freitag sei in der Form seines Lebens gewesen, und der Fehltritt habe ihn einer großen Möglichkeit beraubt, sagte Wellinger: „Er tut mir leid.“

An der Diskussion, die von Bundestrainer Werner Schuster und dem Sportlichen Leiter des DSV, Horst Hüttel, angestoßen wurde, die beide unisono der Jury eine Mitschuld am Freitags Scheitern gaben, wollte sich der 22-Jährige nicht beteiligen. Er sagte nur, die Sicht sei durch die dunklen Wolken und das in Innsbruck fehlende Flutlicht „nicht optimal“ und der Auslauf mal „ruppig und dann wieder weich“ gewesen. Sein österreichischer Konkurrent Stefan Kraft, der bis kurz vor Silvester noch als Mitfavorit gehandelt wurde und auch am Bergisel mit Platz 24 einen Nackenschlag wegstecken musste, monierte, dass er die Anlage aufgrund der stundenlangen Niederschläge ebenfalls als „nicht perfekt hergerichtet“ empfunden habe.

Für Schuster eine Bestätigung seiner Argumentation, bei der er auf den Technischen Delegierten abzielte, der die Veranstaltung leitete. Der Norweger Geir Steinar Loeng sei ihm schon öfter dadurch aufgefallen, „dass er eine andere Philosophie vom Skispringen“ vertrete. Loeng neige zu einer „offensiven Wettkampfführung“, die bei diesen unwirtlichen Bedingungen aber Risiken für die Sportler mit sich bringe. Hüttel ergänzte: „Unglücklicher Umstand, aber wenn eine Luke weniger Anlauf gegeben wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass so etwas nicht passiert.“ Der Internationale Skiverband ließ die Anschuldigungen unkommentiert.

Schuster selbst hatte den Anlauf bei Aufwind vor Freitag nicht verkürzt, um bei wechselnden Verhältnissen keinen Rückenwind-Sprung mit zu wenig Geschwindigkeit zu riskieren. „Mein Urteil ist sachlich und faktenorientiert“, sagte Schuster und verwies auf Stoch, dessen Landung gleichfalls „auf des Messers Schneide“ gestanden habe. „Das war ein Ritt auf der Rasierklinge, da hat Kamil gezaubert“, meinte der Bundestrainer, der sich den Auftakt ins Olympia-Jahr anders vorgestellt hatte: „Wir wollten eigentlich Geschichte schreiben bei der Tournee.“ Das ist ihnen zwar auf ihre Art gelungen. Aber durch das Innsbrucker Kapitel wird es nun wieder nicht die ersehnte Erfolgsstory.

Quelle: F.A.Z.
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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