Gletschersterben

Auf dem Rückzug

Von Bernd Steinle, München
 - 19:35

Das Bild macht klar, worum es geht: Reihe man die jährlich aufgenommenen Fotos des Vernagtferners im Zeitraffer aneinander, sagt Ludwig Braun, dann sehe das aus, „als ob einem einer die Bettdecke wegziehen würde, und die Füße kommen raus“. Inzwischen kommen aber nicht mehr nur die Füße raus. Jetzt ist die Frage nur noch, wann die Bettdecke vielleicht irgendwann einmal ganz verschwunden sein wird.

Zum ersten Mal haben wir Ludwig Braun vor 14 Jahren getroffen, nach dem Jahrhundertsommer 2003 in Deutschland. Einem Sommer, der wunderbar war für die Menschen – und verheerend für die Gletscher. So viel Schmelze wie im Sommer 2003 hatten die Forscher um Braun an ihrem Untersuchungsobjekt, dem Vernagtferner in den Ötztaler Alpen in Tirol, noch nie gemessen. Braun war damals wissenschaftlicher Leiter in der Kommission für Glaziologie (KfG) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Seit 1. Dezember ist er nun im Ruhestand – den Rückzug der Gletscher aber verfolgt er weiter. Denn die Situation hat sich seit 2003 weiter verschärft. „Die Gletscher werden vor unseren Augen verschwinden.“

Dramatische Auswirkungen

„2003 waren wir einfach nur verblüfft“, erinnert sich Markus Weber, der damals für die KfG arbeitete und heute als Projektmitarbeiter der TU München an der Akademie der Wissenschaften tätig ist. „Dass so viel Schmelze kam, hätten wir im Leben nicht für möglich gehalten.“ Heute wissen sie genau, was damals passiert ist. 2003 gab es mehr Hitzetage als sonst, doch die hohen Abflüsse am Vernagtferner hatten offenbar gar nicht so sehr mit den Temperaturen zu tun, sondern eher mit der außergewöhnlich intensiven Sonnenstrahlung. Seither untersuchten die Forscher weitere Faktoren, die zur starken Eisschmelze beitragen: die höhere Luftfeuchtigkeit über dem Gletscher etwa und die zurückgehende Eisbewegung, aufgrund deren sich das Eis an der Gletscherzunge nicht mehr erneuern kann. Zudem vermag der schrumpfende Vernagtferner immer weniger Sonnenstrahlung zu reflektieren. Die eisfreien dunklen Moränen neben den Eisflächen absorbieren rund 85 Prozent der Sonnenstrahlung. Im Zehrgebiet des Gletschers, wo das Gletschereis abschmilzt, sind es nicht viel weniger – entsprechend stark heizt sich der Untergrund auf. Nur in den schneeweißen Flächen ganz oben, im Nährgebiet, werden 60 bis 80 Prozent der Sonnenstrahlung reflektiert. Aber dieses Nährgebiet schwindet immer weiter – das ist beim Blick auf die Webcam an einem Sommertag (http://geo.badw.de/vernagtferner-digital/webcam.html) erkennbar. Das Zusammenwirken all dieser Faktoren hat zur Folge, dass Gletscher wie der Vernagtferner allein zwischen 2010 und 2020 zwei Drittel ihrer Masse verloren haben werden.

Der Klimawandel, beeinflusst durch den Treibhauseffekt, wirkt sich im gesamten Hochgebirgsraum dramatisch aus. Vielerorts taut der Permafrostboden, es kommt vermehrt zu Steinschlägen und Felsstürzen, wie zuletzt über dem Schweizer Dorf Bondo. Auch am Vernagtferner schossen die Temperaturwerte in die Höhe. Die regelmäßigen Temperaturschwankungen, die das Klima seit 1850 gekennzeichnet hatten und die dem Gletscher immer wieder zugutegekommen waren, sind seit 1980 verschwunden. Seither geht die Kurve bergauf – so stark, dass sich die örtlichen Werte sogar vom steigenden globalen Temperaturmittel immer weiter entfernten. Der Temperaturanstieg in den Alpen war etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt auf der ganzen Welt.

Auch deshalb sind die Münchner Wissenschaftler vorsichtiger geworden, was die Quantifizierung des vom Menschen verursachten Einflusses auf den Gletscherschwund angeht. „Wir können diese Entwicklung nicht nur mit der Zunahme des Treibhauseffekts erklären“, sagt Braun. Eine wichtige Rolle spielt auch die Veränderung der Großwetterlagen, wenngleich es zu den Ursachen dieser Veränderung noch viele Fragen gibt. Die Münchner Forscher fanden zudem Hinweise darauf, dass das lokale Klimasystem am Gletscher eine Eigendynamik entwickelt hat, die selbst bei einem radikalen Gegensteuern des Menschen in Sachen Kohlendioxidemissionen nicht mehr rechtzeitig zu stoppen wäre. Selbst wenn die Emissionen von morgen an drastisch zurückgeschraubt würden – vielen Gletschern würde das nicht mehr helfen. Der Vernagtferner verschwindet so oder so.

Es besteht keine Hoffnung auf Rettung

Der Glaziologe Matthias Huss von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich sagte vor kurzem dem „Tages-Anzeiger“, selbst nach größten Anstrengungen zur Kohlendioxidreduzierung würden 80 bis 90 Prozent der Schweizer Gletscher bis zum Jahr 2100 dahinschmelzen. „Eine Verlangsamung der Erderwärmung kommt für die Schweizer Gletscher zu spät.“ Und das, obwohl viele Schweizer Gletscher in weit besserem Zustand sind als Ostalpen-Gletscher wie der Vernagtferner. Der Aletschgletscher, der längste Gletscher der Alpen, ist noch bis zu 800 Meter dick. Die Eisdicke des Vernagtferners beträgt im Durchschnitt 15 bis 20 Meter.

Nötig wäre eine massive Aufbau- und Nährphase der Gletscher – aber die ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil. „Inzwischen sieht es fast immer aus wie im Jahrhundertsommer“, sagt Weber über die Massenbilanzen der vergangenen Jahre. Auch das Jahr 2017 wird da keine Ausnahme sein. Der Gletscher hat, betriebswirtschaftlich formuliert, nur noch Ausgaben, aber keine Einnahmen mehr. „Für ein finanzielles Gleichgewicht müsste die Einnahmefläche mindestens doppelt so groß sein wie die Ausgabenfläche“, sagt Weber. „Das war zuletzt in den siebziger Jahren der Fall.“ Alle Versuche, die Ausgaben zu reduzieren, sind Tropfen auf den heißen Stein. Die Abdeckung von Gletscherflächen mit Folien etwa, die vor allem in Sommerskigebieten angewendet wird, kann die Schmelze reduzieren – aber bei weitem nicht aufhalten. Zudem ist sie nur auf einem winzigen Teil der Gletscherfläche praktikabel. Und was bleibt sonst? Die Gletscher künstlich beschneien?

Das System ist aus dem Gleichgewicht

„Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten“, sagt Weber, und der Vernagtferner ist da nur ein Beispiel – wenngleich ein außergewöhnlich gut dokumentiertes. „Ich kenne kaum einen anderen Gletscher, von dem es so viel Datenmaterial gibt“, sagt Weber. Er hat inzwischen einen Datensatz von 100.000 Bildern des Gletschers, „vom Beginn der Fotografie bis heute“. Die Abflussmengen werden genau erfasst, eine Messstation auf dem Gletscher überträgt täglich die wichtigsten Daten. Und die werden immer deutlicher: Nachdem sie 2006 die Eisdicke des Gletschers vermessen hatten, wurde vier Jahre später ein Modell vorgestellt, das die Entwicklung des Vernagtferners bis zum Jahr 2030 prognostizierte. Es war ein recht düsteres Szenario, das Modell sah 2030 nur noch einige wenige Restflecken der aktuellen Gletscherfläche vor. Heute, sieben Jahre später, ist selbst dieses düstere Szenario von der Realität überholt worden. Die Ausdehnung des Gletschers, die damals für 2020 vorhergesagt wurde, ist schon heute erreicht. Das Tempo, in dem der Vernagtferner schwindet, hat sich beschleunigt.

„Wir nehmen an“, sagt Braun, „dass der Gletscher in zwei oder drei Jahrzehnten verschwindet.“ Oder nur noch Rudimente davon übrig sein werden. Eine genaue Vorhersage ist schwierig, nicht zuletzt, weil sich die letzten Flecken des Gletschers vermutlich lange halten werden. Denn die wenigen Überreste werden dann dick mit Schutt bedeckt sein, der das Eis vor der Sonnenstrahlung schützt. „Gletscher sterben zäh“, sagt Weber.

„Damals dachte man: Die Gletscher bleiben ewig.“

Aber sie sterben. Mit seinem enormen Verlust an Eismasse liegt der Vernagtferner im Durchschnitt der Werte anderer Gletscher in den Ostalpen. Individuelle Unterschiede zwischen den Gletschern, vor allem bedingt durch ihre Topographie, also die Ausrichtung der Eisflächen, können vielleicht eine Differenz von zehn oder 20Jahren ausmachen, aber nicht das Schicksal abwenden. Die Alpen werden in 30Jahren anders aussehen als heute.

Der Vernagtferner ist nach Süden ausgerichtet und deshalb besonders stark der Sonnenstrahlung ausgesetzt. Dagegen ist zum Beispiel der Höllentalferner an der Zugspitze durch seine Lage in einer Schlucht besser geschützt, und durch die Trichterform sammelt sich dort viel Lawinenschnee an. Den Gletschern an der Zugspitze, sagt Weber, komme auch zugute, dass es am höchsten Berg Deutschlands mehr als doppelt so viel Niederschlag und dadurch Nahrung gibt wie am Vernagtferner. Auch deshalb werden sie andere Alpengletscher überleben.

Am Vernagtferner laufen die Prozesse noch schneller ab als anderswo. „Das macht den Gletscher als Labor besonders interessant“, sagt Weber. Denn dort könnten die Wissenschaftler in ihrer eigenen Lebenszeit die Phasen des Gletschersterbens studieren. „Als ich Ende der siebziger Jahre mit der Gletscherforschung angefangen habe, wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, dass das mal ein Thema sein würde“, sagt Weber. „Damals dachte man: Die Gletscher bleiben ewig.“ Ein Arbeitsleben später ist auch diese Gewissheit dahingeschmolzen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Steinle, Bernd (nle.)
Bernd Steinle
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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