Olympische Winterspiele

Tauwetter im koreanischen Winter

Von Patrick Welter, Tokio
 - 22:07
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An diesem Dienstag kommen Vertreter Süd- und Nordkoreas zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren zu einem offiziellen Gespräch zusammen. Im Grenzort Panmunjom, an dem sich mehr als 60 Jahre nach dem Korea-Krieg Soldaten beider Staaten ohne Friedensvertrag direkt gegenüberstehen, geht es zuvörderst um die mögliche Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen. Diese beginnen am 9. Februar im südkoreanischen Pyeongchang. Fast auf die letzte Minute hat Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un das Interesse seines Landes signalisiert.

Im Juli 2015 feierten in Gwangju, im Südwesten Südkoreas, fast 13.000 studentische Sportler die Universiade. Für Südkorea war es das zweite Mal, dass es die Universiade austrug, die nach den Olympischen Spielen zu den größten internationalen Sportereignissen gehört. Die Begeisterung war groß. 143 Nationen hatten Athleten nach Gwangju entsandt. Ein Land, das der Gastgeber sehnlichst erwartet hatte, fehlte: Nordkorea. Noch im Frühjahr 2015 hatte Pjöngjang die Teilnahme von 75 Sportlern und 33 Begleitern angekündigt, kurz vor den Spielen aber abgesagt. Als Grund nannten die Nordkoreaner die bevorstehende Öffnung eines Büros der Vereinten Nationen in Seoul, das Menschenrechtsverletzungen des Regimes von Kim Jong-un dokumentieren soll. Die Teilnahme an der Universiade ist aber wohl nicht nur an Nordkorea gescheitert. Die damalige Präsidentin Park Geun-hye, eine eingefleischte Konservative, soll im Geheimen angeordnet haben, dass es bei der Universiade kein gemeinsames Team von Nord und Süd geben dürfe.

Darauf deutet eine Anweisung aus dem Blauen Haus, dem präsidialen Amtssitz, die jetzt öffentlich wurde. Das Papier wurde im März 2015 direkt nach der Ankündigung Pjöngjangs verfasst, an der Universiade teilzunehmen, und widersprach dem erklärten Willen des Organisationskomitees. Die Regierungsspitze fürchtete, dass mit einer gemeinsamen Mannschaft linke politische Elemente in Südkorea gestärkt würden. Park waren noch die Asien-Spiele 2014 im Gedächtnis, die Nordkorea propagandistisch geschickt ausgeschlachtet hatte. Laut jammerte Pjöngjang damals und warf Südkorea Politisierung vor, weil Seoul anders als noch bei den Asien-Spielen 2002 in Busan die Rechnung für die Anreise eines mehr als hundertköpfigen Fanballetts nicht mehr übernehmen wollte. Das Cheering-Team der schönen Nordkoreanerinnen blieb zu Hause, und Nordkorea fand mit seinen Klagen teils auch im Süden Verständnis. Zudem brachte das Regime in Pjöngjang mit dem kurzfristigen Besuch einer hochrangigen politischen Delegation zur Abschlussfeier das unvorbereitete Südkorea in Verlegenheit. Solche Unbill wollte Park augenscheinlich vermeiden.

Wende in der südkoreanischen Sportpolitik

Im Gegensatz zu ihrer ablehnenden Haltung steht ihr Nachfolger, der linksliberale Präsident Moon Jae-in, der innerkoreanischen Sportdiplomatie sehr offen gegenüber. Moon hofft, dass die Gespräche beider Staaten an diesem Dienstag nicht nur den Weg zur Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang im Februar öffnen, sondern auch zu weiteren Gesprächen über Familienzusammenführungen oder zu Militärkontakten, um Spannungen und Zwischenfälle an der innerkoreanischen Grenze zu minimieren. Schon vergangenen Sommer hatte Moons Regierung dem Norden die Teilnahme an den Winterspielen und die Bildung gemeinsamer Teams vorgeschlagen. Dafür ist es nun zu spät, nachdem Nordkorea sich mit einer Antwort bis zum Neujahrstag Zeit ließ.

Die neue Öffnung des Südens für die sportliche Zusammenarbeit mit Nordkorea zeigt, wie sehr ein Regierungswechsel die Sportdiplomatie lenkt. „Der Sport für sich genommen ist nicht stark genug, um Politik zu beeinflussen“, sagt der Sportsoziologe Udo Merkel von der Universität Brighton in England, der die innerkoreanische Sportdiplomatie studiert hat. „Er kann aber Vertrauen schaffen und als Test dienen, ob ein Wandel der Außenpolitik von der Bevölkerung angenommen wird.“ Aktuelle Umfragen zeigen eine hohe Zustimmung zur Politik Moons, mit dem Norden wieder ins Gespräch zu kommen.

Meilenstein: Olympia 1988

Die Sportbeziehungen beider koreanischen Staaten zeigen ein stetes Auf und Ab. Frühe, erfolglose Gespräche über ein gemeinsames Team für die Olympischen Spiele gab es schon 1963 vor den Spielen in Tokio und 1984 vor den Spielen in Los Angeles. Zum Meilenstein wurden die Olympischen Spiele 1988 in Seoul. Nordkorea forderte eine gleichberechtigte Teilnahme als Veranstalter. Das IOC entgegnete mit dem Angebot, die Wettkämpfe in fünf Sportarten im Norden auszutragen. Doch Nordkorea schlug die Chance aus und boykottierte die Spiele. Während Südkorea sich 1988 als international anerkannten Vertreter Koreas etablierte, gefiel Nordkorea sich in der Rolle des Pariastaates. Zehn Monate vor den Spielen sprengte es Korean-Air-Flug 858 in die Luft und tötete 115 Menschen an Bord, vielleicht um Touristen von der Reise zu den Olympischen Spielen abzuschrecken. Merkel widerspricht der These, dass die Vergabe der Olympischen Spiele 1988 an Südkorea die Demokratisierung des Landes hervorgebracht habe. Die erhöhte internationale Aufmerksamkeit aber habe den Wandel unterstützt, sagt er.

Dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Demokratisierung Südkoreas folgte eine gewisse sportliche Kooperation. 1990 gab es die Fußball-Länderspiele in Pjöngjang und in Seoul. Ein gemeinsames koreanisches Team gewann die Tischtennis-Weltmeisterschaft der Frauen 1991 im japanischen Chiba. Ein gemeinsames Team erreichte bei der Jugendfußball-Weltmeisterschaft in Portugal 1991 das Viertelfinale.

Die Hoch-Zeit der sportlichen Zusammenarbeit kam mit der Sonnenscheinpolitik Kim Dae-jungs von 1998 an, der auf Entspannung mit dem Norden setzte. Bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000, Athen 2004 und den Winterspielen in Turin 2006 und bei anderen internationalen Sportereignissen marschierten beide Staaten gemeinsam in das Stadion ein, wetteiferten aber getrennt. Die Fahne zeigte blau auf weiß die koreanische Halbinsel, als Hymne wurde das Volkslied „Arirang“ gespielt. Der Gedanke der Einheit beider Staaten erlebte eine Blüte. Unter diesem Motto gab es in diesen Jahren Dutzende gemeinsamer Sportereignisse, sagt Sportsoziologe Merkel.

Nordkorea hielt dennoch an Provokationen und trotz Verhandlungen an seinem Atomprogramm fest. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2002, die in Südkorea und Japan ausgetragen wurde, spielte Südkorea am 29. Juni um den dritten Platz. Am selben Tag begann der Norden an der umstrittenen westlichen Seegrenze ein Scharmützel, dem sechs südkoreanische Soldaten zum Opfer fielen.

Vor den Sommerspielen 2008 in Peking verhandelten beide koreanischen Staaten lange über eine gemeinsame Mannschaft. Das scheiterte letztlich allein daran, dass man sich über die Zusammensetzung des Teams nicht einigen konnte, sagt Merkel. Südkorea verlangte eine Auswahl nach Leistung, Nordkorea eine hälftige Quotierung. Das hätte nicht nur die jahrelangen Anstrengungen südkoreanischer Athleten zunichtegemacht, sondern auch die Erfolgschancen der gesamtkoreanischen Mannschaft gemindert. Gemeinsame Sportauftritte oder Einmärsche beider Staaten gab es seither nicht mehr. Die Beziehungen der beiden koreanischen Staaten verschlechterte sich unter den konservativen Präsidenten Lee Myung-bak und Park Geun-hye schnell, der junge Diktator Kim Jong-un musste seine Macht stabilisieren, und der Sport geriet in Mitleidenschaft.

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Moon ist angetreten, diesen Trend umzukehren. Schon im vergangenen Jahr hatten sich die Sportbeziehungen ein wenig erwärmt, trotz der Raketentests des Nordens. Zum ersten Mal seit elf Jahren trafen beide Staaten bei einem Eishockeyspiel aufeinander, im olympischen Eishockeystadion in Gangneung. Südkoreas Eishockeyfrauen gewannen 3:0. Während manche Fans die Fahne eines geeinten Koreas schwenkten, stellten beide Teams sich nach dem Spiel zum gemeinsamen Gruppenfoto. Zwei Tage zuvor hatte Nordkorea eine Mittelstreckenrakete Richtung Japan abgefeuert. Zwei Tage nach dem Treffen auf dem Eis spielten zum ersten Mal die südkoreanischen Fußballfrauen in Pjöngjang in einem Qualifikationsspiel für den Asien-Cup. Südkorea erreichte vor mehr als 40.000 Zuschauern ein 1:1 gegen die Nordkoreanerinnen – einen Achtungserfolg. Im ostasiatischen Fußball-Cup im Dezember in Tokio teilten die koreanischen Teams sich die Titel. Nordkorea gewann bei den Frauen, Südkorea bei den Herren.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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