Russisches Staatsdoping

Der Präzedenzfall

Von Christoph Becker
 - 10:47

An Pathos fehlt es nicht. „Ich bin Alexander Gennadjewitsch Legkow, Ski-Langläufer, Gewinner der Goldmedaille im 50-Kilometer-Massenstart bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi, und meine Medaille ist sauber. Ich stehe aufrecht und kämpfe.“ Das ist nötig, seit das Internationale Olympische Komitee (IOC) am vergangenen Mittwoch bekanntgab, dass Alexander Gennadjewitsch Legkow Zeit seines Lebens Olympischen Spielen fernzubleiben und seine Olympiamedaillen aus Sotschi – Gold über 50 Kilometer, Silber mit der Staffel – zurückzugeben hat. Die Schweizer Denis Oswald und Patrick Baumann und Juan Antonio Samaranch, Sohn des früheren IOC-Präsidenten aus Spanien selben Namens, sehen es als erwiesen an, dass Legkow und sein Mannschaftskollege Jewgenij Below Teil des Systems waren, mit dem die russischen Olympiagastgeber von 2014 die Welt betrogen haben. Noch immer ist offen, ob und wie das IOC den systematischen Betrug unter maßgeblicher Mitwirkung von Organen der russischen Regierung, des Geheimdienstes und des Sportministeriums sanktionieren will (siehe Text auf dieser Seite).

Legkows Name hatte auf der Übersicht gestanden, die Gregorij Rodtschenkow vom Moskauer Sportministerium vor den Spielen von Sotschi bekommen haben will. Das allerdings ist schon länger bekannt. Rodtschenkow hatte den Betrug im Mai 2016 in der „New York Times“ geschildert, Richard McLaren, der Ermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, hatte in zwei Berichten Rodtschenkows Angaben im Wesentlichen bestätigt. Doch das IOC unter seinem Präsidenten Thomas Bach hatte im Sommer 2016, noch vor den Sommerspielen von Rio de Janeiro, zwei eigene Untersuchungskommissionen, eine davon unter Oswalds Führung, eingesetzt.

Im Weltcup startberechtigt, für Olympia gesperrt

Am 22. Dezember 2016, nach der Veröffentlichung von McLarens zweitem Bericht, hatte die Oswald-Kommission sich neben anderen Legkows und Belows Falls angenommen. Der Internationale Sportgerichtshof Cas bestätigte Ende Mai die daraufhin vom Internationalen Skiverband (Fis) ausgesprochene provisorische Sperre. Die lief am 31. Oktober ab. Im Langlauf-Weltcup dürfen die beiden wieder starten. Am Tag darauf verkündete das IOC: Für Olympia sind sie gesperrt.

„Das IOC wollte ganz sicher zeigen: Wir sind handlungsfähig“, sagt Legkows Anwalt Christof Wieschemann, der gegen die Entscheidung Einspruch beim Cas eingelegt hat. Wieschemann wartet auf die Begründung der Entscheidung durch das IOC, doch das Vorgehen der Oswald-Kommission greift der Bochumer Anwalt schon jetzt an: „Die Oswald-Kommission hat im März 2017 ein forensisches Gutachten in Auftrag gegeben und ansonsten nichts getan. Sie hat nicht ermittelt. Keine Analysen, keine Zeugenbefragungen, keine Salzanalyse.“

McLaren hatte festgestellt, dass unter anderem Salz verwendet worden war, um Proben zu manipulieren. Wieschemann hatte DNA-Analysen beantragt, wie es „McLaren empfohlen hatte“. Das IOC verzichtete darauf. Das forensische Gutachten des Schweizer Kriminalisten Christophe Champod beschäftigte sich mit den Spuren am Behälter mit Legkows Doping-Probe aus Sotschi. Sein Ergebnis: Die Spuren stammen von einem normalen Gebrauch der Flasche.

„Im Verfahren zur vorläufigen Fis-Suspendierung haben sich die Cas-Richter damit beschäftigt, welcher Grad der Wahrscheinlichkeit der Mitwirkung des Athleten erforderlich ist“, sagt Wieschemann. „Sie haben festgestellt, dass es sehr wenige Hinweise gibt und die damals bestehenden für eine endgültige Doping-Sperre nicht ausreichen. Die Faktenlage jetzt ist noch schwächer: Die Flaschenmanipulation war normaler Gebrauch; Richter gingen von vorliegender DNA-Probe aus. Die gibt es nicht. Stattdessen einen Schuldspruch des IOC gegen den forensischen Experten.“

Tatsächlich kann das Urteil verblüffen: Mitte September hatte die „New York Times“ berichtet, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur 95 von 96 Verfahren gegen russische Sportler, die Teil des Betrugsprogramms waren, aus Mangel an Beweisen eingestellt hat. „Die Beweise reichten nicht aus“, sagte Olivier Niggli, der Generaldirektor der Wada, damals. „Wir müssen akzeptieren, dass McLaren ein System nachweisen sollte, keine Doping-Verstöße Einzelner.“ Für das IOC aber, dem der McLaren-Bericht nicht ausreicht, eine Sanktion gegen Russland auszusprechen, reicht der Bericht nun offenbar, russische Sportler zu sanktionieren. „Das IOC geht in der Bewertung weit über den Rahmen dessen hinaus, was Richard McLaren untersuchen sollte. Es stellt sich bewusst, aber unerklärt gegen McLaren“, sagt Wieschemann. „Es nimmt an, die Athleten sind die einfacheren Gegner, wäscht seine Hände in Unschuld und reicht das Problem an den Cas weiter.“ Alexander Legkow verweist derweil in seiner Stellungnahme auf die 19 Proben, die in den Monaten vor Sotschi in Lausanne, Köln und Dresden unauffällig geblieben seien. Nie positiv getestet, aber was beweist das schon? Wenn es nichts beweise, warum müssen sich Athleten dem Test-System dann unterwerfen?, fragt Wieschemann.

Entscheidung vor Gericht

Rodtschenkow hatte nach der Einstellung der 95 Untersuchungen durch die Wada über seinen Anwalt beklagt, mit ihm sei nicht gesprochen worden. Einzig eine der beiden IOC-Kommissionen habe sich bei ihm gemeldet, und das erst Anfang September. „Wenn man genau hinschaut“, sagt Wieschemann, „stellt man fest: Das System ist leer, sie finden kaum Individuen, denen sie individuelle Schuld nachweisen können. Diejenigen, die das System ausgefüllt haben, hatten keinen Zugang zu den Athleten. Rodtschenkow hatte keinen Zugang zu den Athleten.“

Rückfragen zum Vorgehen der Oswald-Kommission beantwortet das IOC derzeit mit dem Verweis auf die Entscheidungsbegründung in Sachen Legkow und Below. Sie werde „demnächst“ vorliegen. Wieschemann sagt, er kenne den Rechtsweg – „bis zum Europäischen Gerichtshof“. Fest steht: Die Qualität der Aufarbeitung des Skandals von Sotschi durch das IOC unter ihrem Chefjuristen Bach wird nicht zuletzt vor Gericht festgestellt werden. Die Wada hatte im September mit Blick auf die 95 Einstellungen und die Vorbereitung eines Präzedenzfalles festgehalten: „Mit einem schwachen oder schlecht vorbereiteten Fall zu beginnen könnte negative Auswirkungen auf alle anderen Fälle haben.“

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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