Ski alpin

Felix hat jetzt zwei Matildas

Von Achim Dreis
 - 16:15

Als junger Vater relativiert sich alles. Die Prioritäten verschieben sich, der Schlafrhythmus sowieso. Und überhaupt hat das Leben einen neuen Mittelpunkt. Felix Neureuther geht es da nicht anders, als anderen auch. Der Skirennläufer ist seit gut vier Wochen Vater. Und seitdem seine Freundin Miriam Gössner die kleine Matilda zur Welt gebracht hat, fühlt auch er sich wie neu geboren – oder zumindest wie „ein anderer Mensch“. Seinem Beruf geht der Slalomspezialist natürlich dennoch mit großer Leidenschaft nach – und wenn die ersten Eindrücke nicht täuschen, ist er sogar eher noch besser geworden. Beim ersten Weltcup-Rennen der Saison ist Felix Neureuther am Sonntag jedenfalls auf Anhieb zum Sieg gefahren. Es war sein 13. Weltcuperfolg insgesamt, sein erster seit Februar 2016, und er kam für ihn selbst völlig unerwartet. „Es ist großartig“, sagte Neureuther nach dem Slalom im Zielraum von Levi. „Ich hätte nie gedacht, dass ich hier gewinnen kann.“ Und fügte mit glänzenden Augen hinzu, wie viel ihm dieser unerwartete Erfolg bedeutet: „Ich bin jetzt 33 Jahre alt, es ist mein erstes Rennen als Vater.“

In der Addition zweier Durchgänge lag der Partenkirchener in 1:42,83 Minuten knapp vor dem Norweger Henrik Kristoffersen (+0,37 Sekunden) und Mathias Hargin (+0,45) aus Schweden. Dabei profitierte er auch vom Ausscheiden des Engländers Dave Ryding, der nach dem ersten Durchgang geführt hatte und noch nach der Zwischenzeit des zweiten Laufs auf bestem Wege schien, den ersten Weltcup-Sieg seiner Karriere zu bewerkstelligen, ehe ihn ein klassischer Innenskifehler aus der Spur warf. „Ich muss schon sagen, dass ich heute Glück hatte, dass Dave ausgeschieden ist. Er war extrem schnell unterwegs“, räumte Neureuther im ORF ein. Als Geheimnis seines Erfolgs verriet er: „Man muss Risiko eingehen, clever Skifahren und die Chancen nutzen.“ Neben der stolzen Summe von 45.000 Schweizer Franken, die Neureuther als Preisgeld für den Tagessieg erhält, bekommt der Gewinner des Rennens nördlich des Polarkreises auch traditionell ein Rentier geschenkt. Auf die Frage, wie er es denn nennen werde, musste der glückliche Felix nicht lange nachdenken: „Matilda“.

Es scheint, als hätte nun auch in der Betrachtung Neureuthers ein weiterer Perspektivwechsel eingesetzt. Als junger Gipfelstürmer galt er zunächst als „der Sohn von“ – schließlich gehören seine Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther schon seit Jahrzehnten zum deutschen Ski-Adel. Dann schaffte er es dank seiner Erfolge, aber auch seiner lockeren, bodenständigen Art, dass irgendwann er im Mittelpunkt der Betrachtung stand. Olympiasiegerin Rosi und Christian wurden von den bunten Blättern in den zweiten Rang der Promi-Berichterstattung geschoben – als „Mutter und Vater von“. Und jetzt ist eben Felix selbst „der Vater“.

Allerdings müssen sich alle allzu Neugierigen daran gewöhnen, dass er seine Liebsten so gut es geht heraushält aus dem öffentlichen Zirkus. Zwar versteht es Felix Neureuther meisterlich, mit den modernen Medien zu spielen, aber auf den diversen Plattformen wie Instagram oder Facebook zeigt er fast immer nur sich selbst – oder seinen Hund Buddy. Von Matilda postete er ein Bild nach der Geburt, damit alle glücklich sind – und damit soll es auch gut sein. Neureuther möchte, dass sein Töchterchen so normal wie möglich aufwächst. So wie er selbst, dem als Junge erst per Zufall durch ein Olympiabuch gewahr wurde, wie berühmt seine Eltern eigentlich waren und sind.

Als Skifahrer, soviel scheint nicht erst seit diesem Slalom von Levi sicher, ist Felix Neureuther noch lange nicht fertig. Seine Rückenschmerzen, die ihn vor zwei Jahren noch den Gedanken an einen Rücktritt nahelegten, hat er in den Griff bekommen. Gesundheit und Bewegung sind ohnehin zwei Themen, die ihn antreiben. „Beweg dich schlau“ ist ein Projekt, mit dem er Kinder motivieren will, ein aktives Leben zu führen. „Auf die Piste, fertig, los“ heißt sein Kinderbuch, das er im Herbst auf den Markt gebracht hat. Dabei spielen auch seine Liebsten mit: Freund Schweinsteiger als „Basti“, Gegner Hirscher als „Marcello“, Freundin Gössner als „Miri“ und er selbst als „Ixi“. Dabei stellen die Zeichenbuch-Helden fest, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als Siegen. Und dass ein geteilter Sieg ein doppelter Sieg ist.

Im richtigen Leben ist Neureuther mit dem Siegen allerdings noch nicht fertig. Nach drei Slalom-Medaillen bei drei Weltmeisterschaften muss er sich zwar nichts mehr beweisen. Aber Spaß macht es eben immer noch. Und eine Olympiamedaille fehlt ihm. Wegen des Konflikts zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten und der damit verbundenen unklaren Sicherheitslage in Südkorea hält der mündige Athlet sich freilich offen, seinen Start in Pyeongchang abzusagen. Aktuell zählt für ihn aber sowieso erst mal der Moment. Und den konnte er in Levi so richtig genießen. „Wenn man mit daheim telefoniert, die Freundin sieht, die kleine Matilda – dann denkt man sich: Das Leben könnte nicht schöner sein.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dreis, Achim (ad)
Achim Dreis
Sportredakteur.
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