Alpiner Skirennsport

Gefährlicher als die Formel 1

Von Achim Dreis
 - 18:35
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„Niederschmetternd“ schreibt Lindsey Vonn. „Herzzerreißend“ empfindet es Felix Neureuther. „So traurig“ ist Anna Veith. Alpine Skirennfahrer aus allen Nationen und Disziplinen reagieren geschockt auf den Tod ihres Kollegen David Poisson. Der 35 Jahre alte Franzose stürzte am Dienstag beim Training in Kanada schwer und starb noch auf der Piste. Einem Bericht des französischen Skiverbands zufolge verlor der Rennläufer bei etwa 100 Kilometern pro Stunde kurz vor dem Ziel auf der Strecke in Nakiska einen Ski, stürzte und rutschte durch zwei Fangzäune in einen direkt angrenzenden Wald. Dort prallte er offenbar gegen einen Baum. Pistenhelfer sollen noch versucht haben, ihn wiederzubeleben, blieben aber erfolglos. „Als wir eintrafen, stellten wir fest, dass er an der Unfallstelle gestorben war“, erklärte ein Sprecher der Rettungskräfte in Calgary gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Warum Poisson durch die Netze rutschen konnte, wird die entscheidende Frage bei den Ermittlungen sein. An der Trainingsstrecke in Kanada, auf der 1988 die alpinen Wettbewerbe der Olympischen Spiele von Calgary ausgetragen wurden, sind nur sogenannte B-Netze aufgestellt worden. Sie sind weniger strapazierfähig als die im Weltcup vorgeschriebenen A-Netze. Die gibt es zum Beispiel an der Strecke in Copper Mountain im amerikanischen Bundesstaat Colorado, wo der amerikanische Verband eine Trainingsstrecke unterhält. In Nakiska trainierten dieser Tage neben den Franzosen auch die Rennläufer aus der Schweiz.

Üble Stürze sind im alpinen Skirennsport keine Seltenheit. Besonders die Abfahrer leben gefährlich, schließlich rasen sie auf künstlich vereisten, mit Höchstschwierigkeiten gespickten Rennstrecken in atemraubenden Geschwindigkeiten auf zwei schmalen Kunststofflatten ins Tal – und haben als Knautschzone nicht viel mehr als ihren dünnen Rennanzug, ein paar Protektoren und im besten Fall eine kompakte Muskelmasse anzubieten. „Abfahrt ist gefährlicher als Formel 1“, sagte nun Michel Vion, früher selbst Rennfahrer und mittlerweile Präsident des Französischen Skiverbandes: „Wir zahlen einen hohen Preis. Davids Tod ist ein Desaster.“

News like this are heartbreaking and not to describe with words! My condolences go out to the family and his loved ones. R.I.P David

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Immer wieder kommt es zu schlimmen Unfällen, einige mit verheerenden Wirkungen: 2008 zog sich der Österreicher Matthias Lanzinger beim Super-G in Kvitfjell einen offenen Unterschenkelbruch zu. Weil die Rettungskette nicht reibungslos funktionierte, musste ihm später der linke Unterschenkel amputiert werden. 2001 war der Schweizer Silvano Beltrametti in Val d’Isère schwer gestürzt. Die messerscharf geschliffenen Kanten seiner Ski durchtrennten zwei Fangnetze, er rutschte über Geröll, dabei brachen ihm zwei Brustwirbel. Er ist seitdem querschnittsgelähmt. Im selben Jahr hatte es auch die letzte Tote im Weltcup gegeben: die Französin Regine Cavagnoud stieß beim Training im Pitztal 2001 mit dem deutschen Trainer Markus Anwander zusammen. Ein Kommunikationsfehler war hier die Ursache. Im Jahr 1994 war die zweimalige Weltmeisterin Ulrike Maier aus Österreich bei der Abfahrt in Garmisch kurz vor dem Ziel gestürzt und gegen einen Holzpfosten geprallt. Dabei brach ihr das Genick. Nachwuchsfahrer Gernot Reinstadler war drei Jahre zuvor an inneren Verletzungen gestorben, nachdem er in Wengen in einen Fangzaun geflogen war.

Aufgrund stark verbesserter Sicherheitsbedingungen gehen die meisten Stürze nicht mehr so dramatisch aus – zumindest nicht in den Rennen. Doch Brüche, Muskelverletzungen und Prellungen sind häufige Kollateralschäden der Vollgas-Veranstaltungen. Kreuzbandrisse gehören schon fast zu einer Skifahrer-Biographie dazu. Sie passieren häufig aber auch in Slalom und Riesenslalom – aufgrund zu starker Fliehkräfte, die auf die Knie als Schwachstelle des Körpers einwirken. Als bester Schutz für den Leib der Skifahrer gilt deshalb ein robuster Körper, mit einem Body-Mass-Index weit jenseits der Alltags-Empfehlungen.

Auch David Poisson war ein bäriger Typ: nur 1,72 Meter groß, aber 87 Kilo schwer. In der Szene nannten sie ihn „Caillou“ (Kieselstein, aber auch Glatzkopf) wegen seines kraftvollen Stils. Wenn er erst einmal ins Rollen gekommen war, konnte er nur schwer aufgehalten werden. Poisson fuhr fast ausschließlich Abfahrten, gelegentlich startete er im Super-G. Der kahlköpfiger Franzose war kein Siegfahrer, aber er liebte seinen Job und war beliebt: Nicht nur der Amerikaner Travis Ganong nannte ihn einen „echten Freund und großartige Person.“ In 13 Weltcup-Jahren mit fast 150 Rennen ergatterte Poisson nur einmal einen Platz auf dem Siegerpodesten – in der Abfahrt von Santa Caterina Ende Dezember 2015. Zweieinhalb Jahre zuvor hatte er seine persönliche Sternstunde erlebt, als er bei der WM 2013 in Schladming die Bronzemedaille gewann.

In der nun anlaufenden Saison stehen am 25. und 26. November die ersten beiden Speedrennen auf dem Kalender: Super-G und Abfahrt in Lake Louise. Ein Teilnehmer, der seit 2004 immer dabei war, wird eine Lücke hinterlassen. „Dein Lächeln wird uns fehlen“, schreibt Lara Gut. Nicht nur ihr. David Poisson war Vater eines eineinhalb Jahre alten Sohnes. Sein eigener Vater war erst vor zwei Wochen an Krebs gestorben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dreis, Achim (ad)
Achim Dreis
Sportredakteur.
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