Tournee-Legende Hannawald

„Stoch ist ein außergewöhnlicher Sportler. Und er hat es verdient“

Von Marc Heinrich, Bischofshofen
 - 03:05
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Alle vier Springen bei der Vierschanzentournee zu gewinnen, diese Kunststück ist nun auch Kamil Stoch geglückt – 16 Jahre nach Ihrem Grand Slam. Wie bewerten Sie seinen Erfolg?

In der Vergangenheit hatte ich schon öfters gedacht, dass mir jemand nachfolgen würde. Da habe ich mich stets geirrt. Jetzt gehörte ich selbstverständlich noch in Bischofshofen zu den Ersten, die Kamil am Samstag gratuliert haben. Er ist ein außergewöhnlicher Sportler. Und er hat es verdient.

Was ist der entscheidende Faktor, um bei der Tournee zu triumphieren?

Bei mir war es so, als ob mit jedem Sieg die Wand vor mir noch einen Tick höher geworden wäre. Das Gefühl war nicht so vergnüglich, und ich wollte es schnell loswerden. So bin ich mit Entschlossenheit ran an die Sache. Grundsätzlich gibt es in meinen Augen keine Geheimnisse: Die Tournee muss man Schritt für Schritt in Angriff nehmen, alles andere hat keinen Sinn, weil doch vieles anders kommt, als man es sich vorgestellt hat. Nicht jeder kommt mit der Situation klar und hat deswegen einen Wackler drin, der alles auf einen Schlag zunichtemachen kann.

Welche Relevanz hat ein Tournee-Sieg?

Für mich hat er einen enormen Stellenwert. Es gibt glückliche Olympia-Sieger, weil es überraschend klappen kann, an einem Tag unter günstigen Umständen der Beste von allen zu werden. Aber es gibt keinen glücklichen Tournee-Sieger. Wer am Schluss in Bischofshofen den Goldenen Adler in Empfang nehmen darf, hat sich über zehn Tage durchgebissen und eine Leistung gezeigt, die wirklich herausragend ist.

Ihr Fazit dieser Tournee?

Sie hat mir sehr gut gefallen. Das Interesse war so hoch wie lange nicht mehr. Durch die vielen deutschen Topplazierungen in den Wochen zuvor sind gerade in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen die Zuschauer in Massen geströmt. Das ist positiv für die Sportart, die mir einfach am Herzen liegt. Mittlerweile bin ich froh, dass ich als Kommentator für Eurosport dabei bin. Früher war der Deutsche Skiverband eine Art Zweitfamilie für mich, jetzt sind es meine Kollegen beim Fernsehen. Wir haben eine tolle Truppe zusammen, es ist ein großer Spaß, wieder etwas gemeinsam mit Martin Schmitt zu machen. Wir sind offen für Ideen und gehen innovativ an unsere Aufgabe heran. Mir gefällt die Kreativität in diesem Job und dass man manches, was einem von früher vertraut ist, heute aus einer anderen Perspektive erlebt.

Richard Freitag hat nach seinem Sturz in Innsbruck auf das letzte Springen in Bischofshofen verzichtet. Wie beurteilen Sie seinen Ausstieg?

Mit einer Verletzung, bei der man merkt, dass der Körper oder der Bewegungsapparat nicht ganz frei ist, wäre die Gefahr groß, dass man seinen gewohnten, erfolgreichen Sprungablauf durcheinanderbringt und so Schwierigkeiten hat, den Ablauf neu zu lernen. Besonders im Hinblick auf die Skiflug-WM und Olympia ist es ein zu hohes Risiko. Zwar ist es bitter für Richard, aber es war die richtige Entscheidung, nicht weiter zu springen. Das Wichtigste ist, dass er so schnell wie möglich wieder frei ist von allem und den ganzen Frust, der sich anstaut, abbauen kann.

Was bedeutet das Abschneiden bei der Tournee für den Saisonverlauf?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Den Erfolg nimmt man natürlich gerne mit: Jeder steht lieber oben als in der Position, dass er aufholen muss. Richard Freitag war vor der Tournee das Maß aller Dinge im Weltcup, und die Konkurrenten, allen voran Kamil Stoch, haben die Situation genutzt, um durch viel Fleiß den Abstand zu verkleinern. Genauso wird es nun auch weitergehen. Als Tournee-Sieger steht man in den Wochen danach im Fokus, während die anderen darauf hinarbeiten, demnächst am Kulm, bei der Skiflug-WM in Oberstdorf oder bei Olympia zu glänzen. Es bleibt spannend, und das ist gut so.

Es heißt unter den Aktiven, wem es gelänge, „ganz bei sich zu sein“, der lande am weitesten vorne. Wie funktioniert das konkret?

Es ist wie im normalen Berufsleben: Viele machen sich vor wichtigen Terminen einen Plan, an dem sie sich orientieren, wenn es stressig wird. Und diese Agenda arbeitet man am besten gezielt ab, auch wenn von rechts und links plötzlich Hindernisse auftauchen, mit denen man nicht gerechnet hatte. So ist das auch beim Skispringen. Jeder Athlet schnürt mit seinem Trainer gedanklich ein Paket, in das alles rein muss, von dem man glaubt, dass es einem hilft – und dann wird es Stück für Stück mit einer gewissen Flexibilität ausgepackt. Außerdem muss man bereit sein, Aufgaben abgeben zu können. Früher wurden die Ski noch selbst gewachst oder die Anzüge eigenhändig genäht, während es heute für alles Spezialisten gibt. Man muss den Ärzten, Betreuern, Physiotherapeuten oder Materialfachleuten, die einem helfen wollen, vertrauen. Kleine Dinge können in so einer komplexen Sportart wie Skispringen große Unterschiede machen.

Wie geht man mit der Nervosität um, wenn man oben auf dem Balken sitzt und unten den Trubel, gerade auf den Tribünen der Tournee, erlebt?

Man muss sie zulassen. Zu viel Ruhe, so habe ich das immer empfunden, kann einen bremsen. Aufregung ist dagegen eine extreme Motivation, sie kann übermenschliche Kräfte freisetzen. Ich konnte damit immer gut wettmachen, wenn es mir mal im Bein gezwickt hat oder ich mich generell müde gefühlt habe.

Denken Sie oft an Ihren Sieg zurück?

Ich stehe mit beiden Beinen im Leben, und das findet im Hier und Jetzt statt. Natürlich ist es ein Teil meines Lebens, das mir auch immer wieder präsent ist. Gerade in Tagen wie diesen, wenn Skispringen in aller Munde ist. Ich kann mittlerweile viel besser einordnen und wahrnehmen, was bei einer Tournee so alles an Trubel los ist. Das ganze Drumherum wird mir jetzt in meinem Job bei Eurosport erst so richtig bewusst, weil früher mein Sichtfeld nicht so weit war. Viele Menschen sagen mir nach wie vor, wie schön sie es fanden, als ich damals gewonnen habe. Und mich macht meine Leistung auch bis heute stolz.

Sie gehören zum Eurosport-Kommentatoren-Team für Olympia. Welche Erwartungen verbinden Sie mit den Winterspielen in Pyeongchang?

Ich glaube, es wird ein tolles Erlebnis. Auch die politische Entwicklung geht mittlerweile ja in eine Richtung, die mich optimistisch stimmt. 2002 war ich in Salt Lake City als Aktiver am Start, wenige Monate nach den Anschlägen in New York. Da gab es im Vorfeld auch Befürchtungen und Stimmen, die das Schlimmste prophezeit hatten. Doch in Sachen Sicherheit wurde alles getan, um sich gut aufgehoben zu fühlen. So wird es in Südkorea unter Garantie auch sein.

Im Winter stehen Sie vor der Fernsehkamera. Und im Sommer – was macht Ihre Begeisterung für den Motorsport?

Ich bin mit Leidenschaft bei den ADAC GT Masters mitgefahren. Und ich verfolge die Entwicklungen in der Szene weiterhin mit großem Interesse. Ich habe das aber gemacht, als ich noch nicht genau wusste, wohin ich mich beruflich entwickeln würde. Mittlerweile sind das Fernsehen und die Unternehmensberatung, die ich 2016 zusammen mit Sven Ehricht gegründet habe, Standbeine. Dabei halte ich unter anderem Vorträge über „Erfolg in Balance“, und wir veranstalten Seminare, bei denen ich meine persönliche Geschichte weitergebe. Es geht um Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout, die durch Stress ausgelöst werden können – und wie man helfen oder vorbeugen kann, dass es gar nicht erst so weit kommt. Das ist unter anderem für Führungskräfte in der Wirtschaft ein großes Thema, und ich kann glaubhaft darüber sprechen, weil ich es am eigenen Leib erlebt habe.

Quelle: F.A.S.
Marc Heinrich  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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