Biathlon

Verschenktes Heimspiel

Von Claus Dieterle, Oberhof
 - 18:17

Am Sonntag ist der Winter in den Thüringer Wald zurückgekehrt. Aber er hatte auch den berüchtigten Oberhofer Nebel im Gepäck, und die 20 100 Zuschauer in der Biathlon-Arena am Grenzadler konnten nur noch erahnen, was in der Männerstaffel da unten am Schießstand vor sich ging. Auch den meisten Schützen fehlte bisweilen vollkommen der Durchblick – so ein Fehlschuss- und Strafrundenfestival hat es lange nicht gegeben. Kein Team kam ungeschoren davon. „Ein irreguläres Rennen“, befand Bundestrainer Mark Kirchner. Johannes Kühn, der fünfmal in die Strafrunde musste, sagte: „Wenn ich nix sehe, weiß ich nicht, worauf ich schießen soll.“ Auf Verdacht? Am Ende der 4 mal 7,5 Kilometer waren es beim Sieg der Schweden dann insgesamt zehn Strafrunden und Platz sechs – eine Farce. Warum die Jury ein Rennen ohne jeden sportlichen Wert bis zum Ende durchzog, bleibt ihr Geheimnis.

Drei Stunden zuvor war noch alles mit rechten Dingen zugegangen, als Kirchners Kollege Gerald Hönig sich über den zweiten Platz seines Damen-Quartetts hinter Frankreich freute – ohne die geschonten Laura Dahlmeier und Franziska Hildebrand. Aber Vanessa Hinz, Denise Herrmann, Franziska Preuß und Maren Hammerschmidt sorgten trotz zweier Strafrunden für einen versöhnlichen Abschluss im Thüringer Wald. Denn Heim-Weltcups sind so eine Sache. Irgendwo zwischen Lust und Last. Für die deutschen Biathleten sind sie jedenfalls kein Zuckerschlecken, weil neben der allgemeinen Erwartungshaltung eben noch eine Menge Nebentätigkeiten auf dem Programm stehen: Sponsorentermine, VIP-Zeltbesuche, Medientermine. Auf diese zusätzlichen Stressfaktoren jenseits des Wettkampfdrucks weisen die deutschen Trainer gerne hin, vor allem, wenn es nicht rundläuft.

Hildebrand als tragische Figur

Kein einziger Podestplatz im Einzel, das forderte Hönig schon ein wenig zum Angriff heraus: „Ich bin schon gespannt auf die Schlagzeilen: Deutsche Biathletinnen ohne Chance.“ Ohne Chance ganz sicher nicht, aber immer wenn sich eine auftat, blieb sie ungenutzt. Wobei Franziska Hildebrand die tragische Figur in Oberhof war. Schon im Sprint hatten der 30 Jahre alten Skijägerin nur sieben Sekunden zu Platz drei gefehlt. In der Verfolgung lag sie bis zum letzten Schießen auf Kurs, aber dann „passiert mir dieser knappe Fehler links hoch“, sagte sie. Platz elf statt Rang zwei.

Auch Laura Dahlmeier hinterließ am Grenzadler nicht den frischesten Eindruck. Nach der Verbesserung von Platz 13 im Sprint auf Rang 7 in der Verfolgung saß sie kreidebleich im Schnee und brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen. „Ich habe versucht, von Anfang an alles zu geben. Leider ist mir am Schluss die Puste ausgegangen. Für mich überwiegt aber die Freude, dass es insgesamt recht gut gegangen ist“, sagte sie. Und was ist mit Olympia? „Wird schon werden“, antwortete Laura Dahlmeier.

Natürlich kann die fünfmalige Weltmeisterin von Hochfilzen nach dem Infekt noch nicht wieder in Hochform sein. Und die anderen? Denise Herrmann ist, wenn sie am Schießstand zurechtkommt, dank ihrer läuferischen Klasse immer für einen Platz auf dem Podium gut. Sie lieferte eine überragende Vorstellung in der Staffel, genau wie Franziska Preuß, die nach langer Krankheit deutlich aufsteigende Tendenz zeigt. Aber insgesamt fehlt vor allem die Konstanz. Was gestern noch gelang, geht heute daneben, wie bei Vanessa Hinz und Maren Hammerschmidt mit den Strafrunden in der Staffel.

„Wir brauchen die nächsten Rennen noch ganz dringend“, erklärte Hönig. „Wir haben über Weihnachten Basistraining gemacht, da ist das wettkampfspezifische Training etwas in die zweite Reihe gerückt. Wir können noch gar nicht bei 100 Prozent sein. Wir können noch zulegen.“ Das ist dringend notwendig, denn wer sagt, dass die auch in Oberhof mit zwei Siegen dominierende Slowakin Anastasia Kuzmina oder gestandene Biathletinnen wie Kaisa Mäkäräinen, Justine Braisaz und Darja Domratschewa schon ihr Optimum erreicht haben. Auch deren Vorbereitung ist ganz auf Olympia ausgerichtet. Mit dem Unterschied, dass sie sich mit jedem Platz auf dem Treppchen etwas ganz Elementares holen – Selbstvertrauen.

Bei den Männern ist das kein bisschen anders. Biathlon-Krösus Martin Fourcade gegen halb Norwegen, vor allen aber gegen seinen Herausforderer Johannes Thingnes Bö, das war auch in Oberhof die Fortsetzung einer hochspannenden Auseinandersetzung auf höchstem Niveau. Wobei sich der in die Enge getriebene Franzose mit seinen Weltcupsiegen 64 und 65 fürs Erste aus der Umklammerung befreite. Für die Deutschen blieben auch da nur Nebenrollen übrig. Wobei Oberhof nur bedingt als Maßstab taugt, zumal Lokalmatador Erik Lesser wegen Erkältung nicht ins Geschehen eingreifen konnte. Ohne den 29 Jahre alten Thüringer, mit seinen Schnellfeuereinlagen und zwei dritten Plätzen der einzige deutsche Skijäger, der es in dieser Saison überhaupt auf das Podium geschafft hat, und mit einem gehandicapten Massenstart-Weltmeister Simon Schempp, der wegen Rückenproblemen nach dem Sprint wieder nach Hause fuhr, reichte es für die deutschen Biathleten nur zu zwei Top-Ten-Plätzen.

Wobei sich Sprint-Weltmeister Benedikt Doll nach Platz neun in der Verfolgung immerhin über eine 95-prozentige Trefferquote – bei ihm ein rares Ereignis – freuen durfte. Und Arnd Peiffer ärgerte sich nach Rang zehn, weil er sich bei seinen zwei Fehlern im letzten Schießen habe ablenken lassen: „Ich habe sicher fünf Plätze verschenkt.“ Ja, sie verschenken noch zu viel, sie leisten sich zu viele individuelle Fehler. Gerade, wenn es darauf ankommt. Kirchner begegnet dem Status quo mit einer gewissen Gelassenheit. „Ich sehe uns nach wie vor auf einem guten Weg. Wir sind schon noch im Plan.“ Man kann nur hoffen, dass er auch aufgeht.

Quelle: F.A.Z.
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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