Spott über Merkel

Die alten Wanderschuhe der Kanzlerin

Von Friederike Haupt
© EPA, F.A.S.

Angela Merkel ist aus dem Urlaub zurück. Sie befasst sich jetzt wieder mit Politik, andere befassen sich mit ihrem Urlaub. Die „Bild“-Zeitung etwa entsandte den Leiter ihres Parlamentsbüros in den Gebirgsort, in dem die Kanzlerin Ferien gemacht hat. Seine Recherche absolvierte er in dem gleichen Outfit, in dem Merkel dort zuvor von Fotografen aufgespürt worden war: beige Schirmmütze, rot-weiß kariertes Hemd, schwarze Fleece-Jacke, beige Dreiviertelhose, hellbraune Socken, dunkelbraune Wanderschuhe. Die „Bild“ zeigte ihren Büroleiter, der sich das Outfit nachgekauft hatte, wie er unter Zuhilfenahme eines Gesichtsausdrucks, den er wohl für merkelig hielt und der jedenfalls deutlich zu seriös wirkte für seine Clownsaktion, im Lift den Berg rauffuhr. Wie die Kanzlerin zuvor den Berg raufgefahren war. In alten Wanderklamotten. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Die Idee, dass man sich über Merkels Kleidungsstil lustig machen könnte, ist uralt und war Anfang des Monats mal wieder von britischen Boulevardzeitungen aufgewärmt worden. Die hatten festgestellt und dann auch mit ihrer Meinung nach eindrucksvollen Bilderstrecken belegt, dass die Kanzlerin im Wanderurlaub schon fünf Jahre in Folge dasselbe Wanderoutfit trägt. Darüber lacht oder schimpft, wer den unbedingten Wunsch hat, über Angela Merkel zu lachen oder zu schimpfen. Der Rest eher nicht. Nachdem zum Beispiel der deutsche Publizist Jakob Augstein die Collage der Urlaubsfotos auf Twitter verbreitet hatte, übernahmen die Nutzer die Kommentierung: „Absolut überzeugende Werbung für die Kanzlerin – null korrumpiert, uneitel, bescheiden und authentisch. Schafft keine Werbeagentur“, schrieb einer, eine andere: „Offensichtlich hat sie sich Kleidung von guter Qualität gekauft, die lange hält. Oder was wollten Sie jetzt damit sagen?“ Interessante Deutung. Sollte es vielleicht sogar so sein, dass die Kanzlerin grundsätzlich an Dingen festhält, die sich als nützlich erwiesen haben, die ihren Zweck statt die Wünsche anderer erfüllen, dass sie tut, was ihr richtig erscheint, und alles andere lässt?

Lustigerweise ist die Kanzlerin im Gegensatz zu ihren Spöttern gerade groß in der amerikanischen „Vogue“ erschienen. Zur Illustration des Artikels hat die Künstlerin Elizabeth Peyton Merkel in Öl gemalt. Sie malt sonst Popstars wie David Bowie, ausnahmsweise auch mal Obama. Der Artikel in der Zeitschrift („Wie Angela Merkel die mächtigste Frau der Welt wurde“) lobt die Politik der Kanzlerin, auch ihren Verzicht darauf, sich im hypermedialen Zeitalter fortwährend durch Tweets, Beefs und sonst was in den Mittelpunkt zu spielen. Merkel ist eine Frau, die von allen Männern – und Frauen – angeschaut wird, ohne dass sie etwas dafür tut. Sie tut etwas, das reicht.

Wer Merkel verspottet, hebt ihre Stärken hervor

Wer mit dem, was sie tut, nicht einverstanden ist, sucht nach Angriffsflächen. In der Flüchtlingspolitik soll Merkel zu emotional sein, in der Türkeipolitik zu zögerlich, in der Europapolitik zu machtgierig. Trotzdem scheint sich unter immerhin sechzig Millionen erwachsenen Deutschen derzeit niemand zu finden, der es besser kann und der davon dann auch noch hinreichend viele seiner Landsleute zu überzeugen vermag. Der Sohn des AfD-Gründers Bernd Lucke, Friedrich Lucke, hat gerade dem „Zeit“-Magazin gesagt, er werde bei der Bundestagswahl „vermutlich Merkel“ wählen. Denn: „Ich finde es okay, wenn Deutschland erst mal so weiterregiert wird.“

Friedrich Lucke war eines der ersten AfD-Mitglieder. Wie sein Vater ist er längst ausgetreten. Andere junge Menschen sind der CDU beigetreten, zum Beispiel die nach altbewährten Männermaßstäben extrem attraktive 27 Jahre alte Schauspielerin Sophia Thomalla. Sie ist, wie sie gerade dem „Stern“ sagte, schon seit fünf Jahren Mitglied der CDU, unter anderem, weil die Kanzlerin „eine gewisse Sicherheit“ biete und Ausbrüche wie Steinbrücks ausgestreckter Mittelfinger von ihr nicht zu erwarten seien. Auf die Entgegnung, dass Merkel als langweilig gelte, antwortet Thomalla, die ihrerseits im gegenteiligen Ruf steht: „Sie wird sich immer im Griff haben und ist absolut skandalfrei. Das finde ich großartig für eine Kanzlerin.“

Es scheint, als seien Unterhaltsamkeit und modische Unterhemden, wie sie andere Politiker im Wahlkampf einsetzen, nicht die Maßstäbe, nach denen die Mehrheit der Deutschen beurteilt, wer das Land regieren soll. Es scheint sogar, als sei das Gegenteil der Fall. Merkels Mut, gerade das nicht zu tun, was der Konvention entspräche, wirkt selbstverständlich, nicht angeberisch. Vor wenigen Tagen besuchte die Bundeskanzlerin die Salzburger Festspiele. Sie trug einen Kimono, den sie, wie Beobachtern auffiel, schon seit zwanzig Jahren immer mal wieder anzieht. Die Zeitschrift „Brigitte“ lobt ihn aus diesem Anlass als „Kult-Kimono“. Wer Merkel verspottet, hebt ihre Stärken hervor.

Quelle: F.A.S.
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