Feminismus der Sechziger Jahre

Sie wollten ihre eigene Sprache finden

Von Helene Bubrowski
 - 13:01

Im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ging es immer und immer wieder um die Unterdrückten und Entrechteten. Doch Frauen waren damit nicht gemeint. Dabei war die Gleichberechtigung der Geschlechter Mitte der sechziger Jahre keineswegs vollendet. Der Mann war das Oberhaupt der Familie, hatte Vorrechte bei der Kindererziehung. Ohne das Einverständnis der Männer durften Frauen nicht arbeiten. Das Recht des Mannes, den Arbeitsvertrag seiner Frau fristlos zu kündigen, war gerade erst abgeschafft worden. Viele junge Frauen fühlten sich bevormundet und wollten die Rolle der treu sorgenden Ehefrau und Mutter endlich überwinden. Doch im Kampf gegen die herrschende Klasse war für diese Themen kein Platz – und dabei gaben die Männer den Ton an.

In einer Sitzung des SDS im September 1968 in Frankfurt wurde es der Filmstudentin Helke Sander schließlich zu bunt. Sie wollte über die Ausbeutung der Frauen im privaten Bereich diskutieren, aber die Delegierten weigerten sich. „Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig“, rief sie. Nicht einmal nach diesem Ausruf war ihr die Aufmerksamkeit sicher. Also warf Sigrid Rüger Tomaten auf die Bühne. Die Männer spotteten, aber der Wurf gilt als Auftakt der Frauenbewegung in der Bundesrepublik. In Frankfurt gründeten Frauen noch am selben Tag den „Weiberrat“. Weitere Frauenräte, Frauenzentren, Frauencafés in ganz Deutschland folgten, feministische Verlage wurden gegründet, Publikationen von und für Frauen erschienen.

Diese Räume für Frauen sollten dabei helfen, sich von der männlichen Dominanz loszusagen. Kritiker meinen, die Achtundsechziger hätten Ehe und Familie diskreditiert und zurückgedrängt. Die Feministinnen aber wollten ihre eigene Sprache und ihre eigenen Themen finden.

„Mein Bauch gehört mir“

Aus heutiger Sicht klingt das altbacken. Emanzipierte Frauen unterscheiden nicht mehr zwischen Männer- und Frauenthemen, sondern wollen selbstverständlich in jeder politischen und gesellschaftlichen Debatte gleichberechtigt mitreden. Doch mussten Frauen Themen, die sie angehen, überhaupt erst besetzen. Lesbische Liebe, Rechte von Prostituierten, Vergewaltigung in der Ehe – im gesellschaftlichen Diskurs spielte das keine Rolle. Über Geburt und Abtreibung tauschten sich Fachleute aus, also Männer, die Meinung von Frauen spielte kaum eine Rolle. Frauen, die mit ihrem Gynäkologen über die Methoden der sanften Geburt sprechen wollten, mussten sich anhören: „Ich habe schon 100 Kinder auf die Welt gebracht, Sie noch keins.“

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Viele Frauen wollten sich das nicht länger gefallen lassen, sondern selbst bestimmen – nicht nur wie, sondern auch ob sie ein Kind auf die Welt bringen. „Mein Bauch gehört mir“, so lautete der Slogan, mit dem Frauen für eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen stritten. „Wir haben abgetrieben“, titelte der „Stern“ 1971 und veröffentlichte die Selbstbezichtigungen von 374 Frauen – Studentinnen, Berufstätige, Hausfrauen, Mütter. Waren sie stolz auf ihre Entscheidung gegen das Kind? Die meisten sicher nicht. Doch die Aktivistinnen wollten den Anschein erwecken, als gingen sie mit dem Thema leichtfertig um, als seien die körperlichen und psychologischen Risiken von Abtreibungen einfach zu ignorieren. Die Kampagne war eine Provokation, die Positionierung extrem – gegen die herrschende Sexualmoral, gegen Kirchen und Konservative. Die Folge: eine kontroverse gesellschaftliche Debatte und eine Kompromisslösung Mitte der siebziger Jahre.

Die sexuelle Befreiung hatte aber auch Seiten, die im Widerspruch zu den Emanzipationsbestrebungen standen. Zwar hielten sich die wenigsten an den Spruch „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Doch in einem Buch berichtete die Journalistin Tissy Bruns, welch ein Druck auf jungen Frauen lastete, sexuelle Abenteuer zu wagen. Nicht jede Frau sehnte sich danach, nackt durch die Wohngemeinschaft zu springen und jede Nacht in ein anderes Bett zu schlüpfen - zumal sich das Leben in den Kommunen oft nach den Wünschen der Männer richtete. In der Me-too-Debatte melden sich in diesen Tagen nun laufend Frauen zu Wort, denen es nicht gelungen ist, Männern eine Abfuhr zu erteilen - weil sie Angst hatten oder einfach nicht bieder rüberkommen wollten. Und das war ungleich schwieriger in einer Zeit, in der eine Generation sich die Befreiung von der spießigen Sexualmoral ihrer Eltern auf die Fahnen schrieb.

Die Beschäftigung mit der eigenen Sexualität brachte der Achtundsechziger-Bewegung auch den Vorwurf ein, die falschen Prioritäten zu setzen. „Es spricht vieles für die Theorie, dass es gerade die 68er-Frauen waren, die aus einer ursprünglich knallhart politischen Bewegung eine ayurvedische Wellness-Kur mit eingebauter Orgasmus-vorfahrt gemacht haben“, schrieb die „Berliner Zeitung“ vor einigen Jahren über die Frauenbewegung. Wenn das Private politisch ist, dann ist alles politisch, auch der Sex.

Ein Meilenstein für alle Frauen

Aber bei manchen Aktionen kann man sich fragen, was die Frauen eigentlich bezwecken wollten – und ob sie sich darüber überhaupt Gedanken gemacht haben. So sagte Helke Sander vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen in ihrer Rede zur Delegiertenkonferenz des SDS 1968: „Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten? Ist das kein Thema für den SDS?“ Die Grünen-Politikerin Waltraud Schoppe sagte später im Bundestag: „Eine wirkliche Wende wäre es, wenn hier oben zum Beispiel ein Kanzler stehen und die Menschen darauf hinweisen würde, dass es Formen des Liebesspiels gibt, die lustvoll sind, und die die Möglichkeit einer Schwangerschaft gänzlich ausschließen.“

Solcher Hedonismus war den Frauenrechtlerinnen aus dem 19. Jahrhundert fremd. Ihre Themen lauteten: Recht auf freie Meinungsäußerung, Wahlrecht für Frauen, Arbeitsschutz, Zugang zu Bildung, Abschaffung der Sklaverei. Von den Forderungen der Achtundsechziger-Frauen hätten die Feministinnen knapp 100 Jahre früher nicht zu träumen gewagt. Eine Feministin etwa, die bei Wahlen in New York einen Stimmzettel in die Wahlurne warf, wurde sofort verhaftet. Traurige Berühmtheit erlangte auch der Vorfall in einer New Yorker Textilfabrik: Die Arbeiterinnen streikten für bessere Arbeitsbedingungen, die Fabrikbesitzer schlossen die Frauen ein, damit sich die anderen Angestellten nicht mit ihnen solidarisierten. Ein Brand brach aus, und 129 Arbeiterinnen kamen ums Leben.

Auch in den Sechzigern litten noch viele Frauen, vor allem Gastarbeiterinnen, unter schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen. Aber die Feministinnen hatten ein eher abstraktes Verständnis davon: Sie bewegten sich in studentischen und parlamentarischen Kreisen, fernab der Fabriken. Arbeiter spotteten über Studenten, die ihnen Flugblätter über Arbeiterrechte in die Hand drückten. Und doch wäre es falsch, die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts gegen die des 20. Jahrhunderts in Stellung zu bringen. Jede Zeit hat ihre eigenen Themen - und die neuen Feministinnen wollten sich bewusst von historischen Vorbildern abgrenzen und eigene Erfahrungen zum Thema machen.

Heute ist es wieder ganz anders. Juristisch ist die Gleichstellung erreicht, und doch ist Diskriminierung weiter an der Tagesordnung. Bis zum Beginn der Me-too-Debatte war das wichtigste Thema von Frauenrechtlerinnen in den vergangenen Jahren die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Frauenquote für Aufsichtsräte, Karriere mit Kind – auch das sind Themen für die Privilegierten. Mit dem Weinstein-Skandal rückten sexuelle Belästigung und Übergriffe in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Noch ist der Kampf für die Sache der Frauen nicht zu Ende. Aber die jungen Frauen von heute haben den feministischen Kämpferinnen früherer Jahre einiges zu verdanken. Der beste Beweis dafür sind die Wortmeldungen selbstbewusster Frauen, die das Thema für überflüssig halten.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Helene Bubrowski
Politische Korrespondentin in Berlin.
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