Japanischer Stil

Welche Schönheit wollen wir?

Von Birte Carolin Sebastian, Teshima
 - 14:28

Vor einiger Zeit wurde im japanischen Kyoto eine Ausstellung eröffnet, die den Titel „Future Beauty“ trug. Sie brachte einen Begriff zurück, der lange aus dem kulturellen Schaffen des aktuellen Japan verschwunden war. Die Architektur und das aktuelle Design wurden für ihre innovativen Raumkonzepte, ihre konzentrierte Form, ihre Antworten auf Fragen der alternden Gesellschaft gefeiert. Aber „Schönheit“?

Im Zuge einer Besinnung auf die Hochphase japanischen Designs wird jetzt wieder auf die formalen Erfindungen einer Generation japanischer Designer wie Yohji Yamamoto, Issey Miyake oder Kenzo Takada geschaut. Designer, die in den siebziger und achtziger Jahren die ganze Welt, insbesondere aber Europa inspiriert haben, und zwar nicht nur auf ihrem Feld, sondern auch in Kunst und Architektur, die von ihrem Umgang mit Stoffen, mit Grenzen zwischen Körper und Raum, viel lernten und heute wieder lernen sollen von den ungewöhnlichen Schnitten, eigenwilligen Formen, neu erfundenen Falt- und Knittertechniken und besonderen Materialien.

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Diese Rückbesinnung findet in einem Moment der Krise statt. Nach einer Welle japanischer Architektur, die weit außerhalb Japans, etwa mit dem New Museum in Manhattan und der Louvre-Filiale in Lens von Sanaa Architects, für Furore sorgte, stockt die ästhetische Innovationsmaschine. Japan sechs Jahre nach der Atomkatastrophe Fukushima, im Moment des nordkoreanischen Aufstiegs zur Atommacht: Wie hat sich das Land verändert? Hat es sich überhaupt spürbar verändert? Woran und wie zeigen sich diese Veränderungen? Und gibt es eine neue Generation innovativer Designer, die die Stimmung verarbeiten – oder in eine neue Richtung bewegen? Man hört Namen wie „Antagonist Agonist“, „Nukeme“, „Natra“. Es gibt eine neue Designer- Generation, die aber im Wesentlichen lokal arbeitet, nicht mehr international. Auf die Frage, warum das so sei, schaut man in ratlose Gesichter. Japan habe sich verändert, sich in gewisser Weise zurückgezogen, aus der Welt. Ob das mit Fukushima zusammenhänge, will ich wissen, oder dem wirtschaftlichen Niedergang, der alternden Gesellschaft? Ein unsicheres Schulterzucken, ein leises Nicken. Unterschwellig schwingt die Angst vor einer eventuellen Wiederholung der Katastrophe oder einer neuen, einem Erdbeben, einer militärischen Aggression, immer mit in den Gesprächen mit Intellektuellen, Geschäftsmännern, Architekten, Menschen aus der Modewelt, ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Es gab Fukushima. Informationen bekommt die Bevölkerung kaum. Wir bekommen den Hinweis, darauf zu achten, möglichst kein Leitungswasser zu trinken, aufgrund des überhöhten Cäsiumgehalts. Dieser Hinweis kommt von einem im Ausland lebenden Japaner drei Tage nach unserer Ankunft. Kann man versuchen, die Krise als Chance zu begreifen? Und wenn ja, worin bestünde diese Chance, wie könnte sie aussehen? Was müsste grundlegend geändert werden?

Wir treffen Herrn Soichiro Fukutake, den Direktor und Vorsitzenden eines Unternehmens für Bildung und Erziehung, zu dem unter anderem sämtliche Berlitz-Schulen weltweit gehören. Er spricht Englisch, lässt sich die Details aber zusätzlich von einer Dolmetscherin übersetzen. Hier wird ein weiterer Aspekt der gefühlten Isolation Japans spürbar. Die Sprachbarriere. Die Sprachhürde trägt zu einem Rückzug ins Innere, einem Rückzug ins Nationale und Lokale bei.

Jedenfalls ist besagter Herr Fukutake der Schöpfer und Verfechter eines Gegenentwurfs zur prosaischen Realität: Er erklärt uns, dass er schon vor Jahren festgestellt habe, wie sehr Menschen sich in Großstädten voneinander entfernen, wie isoliert sie lebten. Insbesondere die Ausgrenzung der Natur spiele dabei eine erhebliche Rolle. Eine neue Gemeinschaft wollte er auf der südlich von Osaka und Okayama liegenden Insel Naoshima aufbauen. Die zeitgenössische Kunst spielt dabei in Fukutakes Augen eine entscheidende Rolle. Die zeitgenössische Kunst habe das Potential, Menschen aufzuwecken und eine Gemeinschaft zum Positiven hin zu verändern. Auf der malerisch anmutenden Insel Naoshima hat er von Tadao Ando ein unterirdisches Museum bauen lassen, das Chichu Museum, außerdem ein Hotel, das ebenfalls wie ein Museum mit seiner privaten Sammlung bestückt ist, dazu „Künstlerhäuser“ – alte Häuser, die er vor dem Verfallen gerettet hat, indem er sie renoviert und von Künstlern wie Rei Naito und James Turrell gestalteten ließ. In einem weiteren Schritt geht es ihm darum, die Insel-Gemeinschaft kulturell zu beteiligen. Sie sollen aktiv mitgestalten. Seit Jahren wächst diese Gemeinschaft und bringt immer wieder neue, oft bloß temporäre Orte hervor.

Allerdings ist der Besucher dieser atemberaubend schönen Insel auch einer anderen Realität ausgesetzt: einem alles durchdringenden, beinahe nicht auszuhaltenden Geruch. Einem Geruch, oder treffender einem Gestank, dem man sich unmöglich zu entziehen vermag, der alles durchdringt, auch einen wohlduftenden vor die Nase gehaltenen Schal. Es riecht nach einer Mischung aus Abwasser und Urin wie in manchen Unterführungen. Je nach Windrichtung ist dieser Geruch schneidender oder erträglicher, weg ist er nie. Im Hotel bleiben die Fenster geschlossen, den Blick will man ungestört genießen. Alle tun, als bemerkten sie diese Gerüche nicht. Erst auf explizite Nachfrage, die einem selbst unangenehm ist, denn man weist mit der Frage auf einen Missstand inmitten der japanischen Perfektion hin und nimmt dieser damit ihre Substanz, kommt heraus, dass sich ganz in der Nähe ein Mitsubishi-Werk befinde. Industrie inmitten der Natur-Idylle. Was so riecht, kann nicht gesund sein. Hier kommen die Gedanken an Fukushima zurück. Die Idylle ist trügerisch und wird dadurch geradezu unheimlich. Diese nicht zu ignorierende Realität steht ganz und gar im Gegensatz zu der sonst kaum zu übertreffenden malerischen Perfektion der Insel.

Teshima, die ärmere der beiden Inseln, wirkt authentischer, weniger artifiziell und damit lebendiger. Auch der unangenehme Geruch dringt nicht bis hierher. Teshima heißt übersetzt „reiche Insel“. Reich aufgrund einer natürlichen Wasser-Quelle. In Teshimas Kunstmuseum, das von Ryue Nishizawa, dem Mitgründer von SANAA, in Form eines Wassertropfens mit Blick auf das Meer gebaut ist, befindet sich eines der poetischsten Kunstwerke der japanischen Künstlerin Rei Naito; eine natürliche Wasser-Quelle lässt durch winzige Löcher im Boden ihr Wasser hervorquellen in Form einzelner Tropfen, die an Tränen erinnern.

Da der Boden leicht abfallend konstruiert ist, lösen sich diese nicht nur aus den Löchern, sondern laufen über den Boden, verbinden sich mit anderen Tropfen, stoßen sie an oder ab, laufen allein weiter und gelangen schließlich zu einem größer werdenden kleinen See, in dem sich der Himmel und die Wolken spiegeln. „Geboren/Wiedergeboren werden“ heißt dieses Kunstwerk, das die poetische Wahrnehmung und Berührung zum, Thema hat und wie eine sehr stille, aber dabei japanisch intensive Aufforderung zum Aufbruch wirkt.

Fukutakes Philosophie für die Bevölkerung des 21. Jahrhunderts lautet: „Das meiste aus dem Vorhandenen zu machen und so zu kreieren, was nicht existiert“; so hat es Japan viele Jahrhunderte hindurch gestaltet. Das Vorhandene zu verfeinern und zu perfektionieren und damit Neues zu kreieren: Das ist die feine, leise Antwort Japans auf die Prediger der großen Disruption, die den Diskurs im Silicon Valley und in Washington bestimmen. So gesehen, sind Japans aktuelles Design und seine neuen, sich ständig wandelnden kulturellen Orte so wichtig wie selten.

Quelle: F.A.Z.
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