Drinnen & Draußen
Bergsteiger-Archiv

„Hat ja keinen Sinn, sich Sorgen zu machen“

Von Stephanie Geiger
© Alex Treadway , Frankfurter Allgemeine Archiv

Billi Bierling steckt der Tag in den Knochen. Es ist erst früher Abend, aber es liegen schon viele zehrende Stunden hinter ihr. Seit dem Morgen ist sie kreuz und quer durch Kathmandu unterwegs. Erst seit einer Woche ist die Neunundvierzigjährige wieder in Nepal, und jeder Tag war anstrengend. Bald brechen die Expeditionen zu den höchsten Bergen der Welt auf. Vorher will sie die Bergsteiger noch befragen. Wen sie in diesen April-Tagen nicht trifft, den hat sie vielleicht für immer aus den Augen verloren. Eine Lawine, ein Eisschlag, die Höhenkrankheit – Bergsteiger setzen sich vielen Risiken aus.

Billi Bierling, Schlabber-Shirt, Flip-Flops, Stecker in der Nase, unterstützt seit 2004 die Himalaja-Chronistin Elizabeth Hawley. Die Amerikanerin hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten ein Archiv des Expeditionsgeschehens in Nepal aufgebaut. Ihre „Himalayan Database“ ist ein Geschichtsbuch des Bergsteigens. Sie enthält mehr als 9000 Expeditionen mit fast 70.000 Teilnehmern an 453 Gipfeln in Nepal – darunter die acht Achttausender, die in Nepal oder an der Grenze des Landes liegen, beliebte Gipfel wie die Ama Dablam (6814 Meter) und selten begangene wie der Putha Hiunchuli (7246 Meter).

Fortführung des Himalayan Database

Vergangenes Jahr erklärte die 93 Jahre alte Miss Hawley, sie werde keine Expeditionen mehr befragen. Die Verantwortung für die Fortführung ihres Lebenswerks legte sie in die Hände von Billi Bierling. Es war eine gute Wahl. Während Elizabeth Hawley nie auch nur versuchte, zum Basislager des Mount Everest (8848 Meter) aufzusteigen, hat die durchtrainierte Frau aus Garmisch als ambitionierte Bergsteigerin selbst fünf Achttausender bestiegen. Ihr erster war 2009 gleich der höchste. Sie war die erste Deutsche, die über die Südroute auf den Gipfel des Mount Everest und zurück gelangte. Und sie ist überhaupt erst die vierte deutsche Frau, die den höchsten Punkt der Welt erreicht hat.

Im Jahr 2010 stand sie als erste deutsche Bergsteigerin auf dem Gipfel des Manaslu (8163 Meter), 2011 erreichte sie den Lhotse (8516 Meter). Während sie bei ihren ersten drei Achttausender-Erfolgen jeweils mit Flaschensauerstoff unterwegs war, verzichtete sie im Herbst 2011 am Manaslu erstmals auf die Atemmaske – und erreichte wieder den Gipfel. Im Mai 2014 gelangte sie mit Flaschensauerstoff auf den Gipfel des Makalu (8485 Meter). Und im vergangenen Oktober war sie ohne Sauerstoffmaske am Cho Oyu (8201 Meter) erfolgreich. Noch mindestens zwei weitere Achttausender sollen hinzukommen. Wieso sie sich ausgerechnet sieben zum Ziel gesetzt hat? „Ich bin nur eine halb so gute Bergsteigerin wie die wirklich guten. Deshalb will ich nur die Hälfte der 14 Achttausender besteigen.“

Erklimmen für immer verewigt

Die Aufgabe von Billi Bierling bei der „Himalayan Database“ ist verantwortungsvoll. Wer es dort zu einem Eintrag gebracht hat, hat sich für immer verewigt. Name, Geschlecht, Herkunft, Besteigung mit oder ohne Sauerstoff, Erfolg oder Misserfolg – all das ist hier aufgelistet. Die Datenbank hat Gewicht. Nur was dort erfasst wird, zählt in der Bergsteigerwelt. Harte Diskussionen bleiben deshalb nicht aus.

Als Billi Bierling an diesem Abend in den tiefen Polstermöbeln der Lobby des Hotels „Yak & Yeti“ versinkt, wo viele Expeditionen ihren Stützpunkt haben, steht ihr ein schwieriges Gespräch bevor. Mit Santiago Quintero, einem Bergsteiger aus Ecuador, will sie über seine bevorstehende Expedition an den Dhaulagiri (8167 Meter) sprechen.

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Der Ecuadorianer hat den Anspruch, an allen Achttausendern ohne künstliche Hilfsmittel unterwegs zu sein – vom Basislager auf den Gipfel und zurück. Für viele Höhenbergsteiger ist das eine Glaubensfrage. Deshalb will er noch einmal über den Mount Everest reden. 2013 stand Quintero auf dessen Gipfel, nach einem Aufstieg ohne Flaschensauerstoff. Ziel erfüllt. Aber nur zur Hälfte. Denn beim Abstieg gab es gesundheitliche Probleme, die Quintero auf ein von seinem Hausarzt verschriebenes Medikament zurückführt.

Das Archiv hat klare Aufnahmeregeln

Quintero musste Flaschensauerstoff nehmen. Das ist in der Datenbank vermerkt, und daran werde nicht gerüttelt, erklärt ihm Billi Bierling. Quintero wird polemisch: Dann wäre es offenbar besser gewesen, er wäre am Mount Everest beim Abstieg gestorben, ruft er, denn dann wäre vermerkt worden, dass er ohne Flaschensauerstoff aufstieg.

Billi Bierling dokumentiert für das Archiv genau, wer welchen Berg erklimmt.
© Billi Bierling, Frankfurter Allgemeine Archiv

Doch so sind die Regeln. Es geht genau zu bei der „Himalayan Database“. Eine vollständige Statistik ist sie aber nicht. „Wenn wir 90 Prozent der Expeditionen erfassen, ist das viel. Mittlerweile glaube ich, dass es sogar noch weniger sind“, sagt Billi Bierling. Denn erstens werden Grenzberge wie der Everest und der Cho Oyu entweder von beiden Seiten oder nur von Tibet aus bestiegen, und Bierling und ihr Team haben nur Zugang zu den Expeditionen, die über Nepal anreisen. Zweitens gibt es Bergsteiger, die noch nie von der „Himalayan Database“ gehört haben und sich erst gar nicht bemühen, erfasst zu werden. Und schließlich sitzen selbst erfahrene Höhenbergsteiger immer wieder dem Irrglauben auf, das Team um Billi Bierling wüsste selbstverständlich, was sie planen, und käme schon auf sie zu.

Die Entwicklung des Bergsteigens festhalten

Auch wenn die Datenbank nicht vollständig ist: Sie gibt doch einen wichtigen Einblick in die Entwicklungen des Bergsteigens im Himalaja. Ein Trend: Immer mehr Menschen wollen auf die höchsten Berge der Welt. Im Herbst 1978 hatte Liz Hawley nur 26 Expeditionen zu beobachten. Zwischen dem 28. März und dem 13. April 2017 interviewte Billi Bierling mit Hilfe des Deutschen Tobias Pantel, der ihr im Frühjahr 2017 seine Hilfe angeboten hat, 140 Expeditionen. Zwei weitere Kollegen befragen ebenfalls für die Database Expeditionen. Was auch auffällt: Der Anteil der Bergsteiger, die mit Flaschensauerstoff unterwegs sind, wächst weiter.

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Wenn die Bergsteiger von ihren verwegenen Plänen erzählen, ist es Billi Bier-ling nicht immer ganz wohl. Wie etwa bei dem Italiener Simone Moro und der Südtirolerin Tamara Lunger, die an den Kangchendzönga (8586 Meter) reisen. Sie wollen auf einer neuen Route aufsteigen, um dann mehrere Tage lang in der Todeszone den Grat mit vier Achttausender-Gipfeln (Yalung Kang, Kangchendzönga, Kangchendzönga Zentral, Kangchendzönga Süd) zu überschreiten.

Wenn Billi Bierling so etwas hört, ist sie dann eine distanzierte Chronistin oder eine risikobewusste Bergsteigerin? „Normalerweise hab' ich Vertrauen, dass es gut läuft“, sagt sie. „Hat ja auch keinen Sinn, sich Sorgen zu machen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Archiv
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