Deutsche Eigenheit

Buddha im Baumarkt

Von Antje Schmelcher
 - 10:04

Zu Buddha kann man sitzend finden, so versuchen es die meisten, mit gefalteten Händen, oder mit einer Hand auf der Erde, um Verbundenheit auszudrücken. Man kann auch liegen, das ist weniger anstrengend, aber beklemmend, weil man dabei an die Position von Sterbenden denken soll. Stehen geht auch. Oder man rollt sich zu einer Kugel zusammen und weint dabei. Falls vorhanden, kann man auch seinen Bauch umarmen oder sich einen Gymnastikball unter das Meditationsshirt stecken – und Tränen lachen. Irgendwann kommt dann die Erleuchtung. Doch selbst bei Siddhartha Gautama hat das Jahre gedauert bis er Buddha wurde.

Schneller findet man zu Buddha in deutschen Baumärkten. Dort sind sie in großer Zahl im Angebot, in vielfältigen Materialien von Polyresin bis Naturstein, UV- und frostbeständig und in allen oben genannten Positionen. Buddha, der Erleuchtete, geht gut über die Ladentheke. Wer kauft so was? Die Verkäufer beteuern, dass die Käufer ganz normal aussehen, jedenfalls nicht wie Buddhisten. Aber was qualifiziert einen Baumarkt zu einem solchen Angebot? Nicht einmal in Lateinamerika, wo man christliche Devotionalien kiloweise und gern auch aus Plastik erwerben kann, findet man sie in Baumärkten. Wissen denn die Verkäufer, worauf sie sich da einlassen, wenn sie Erleuchtung statt Beleuchtung feilbieten?

Den Gartenzwerg verdrängt

Bei Rasendünger kann man den Kunden immerhin warnen, dass es an den Füßen brennt, wenn man den Rasen nach dem Düngen barfuß betritt. Der Rasendünger steht in einer Vitrine, weil er giftig ist. Doch kein deutscher Baumarkt-Fachverkäufer kann vorhersagen, was geschieht, wenn ein Buddha auf dem Rasen steht. Ein Buddha wird im Baumarkt ohne Beipackzettel verkauft, als hätte er keine Nebenwirkungen. Als ginge es hier nicht um die Befreiung der geknechteten Seele. Manchen Baumärkten scheint das unheimlich zu sein. Jedenfalls tun sie so, als würden sie gar keine Buddhas verkaufen. „Bauhaus“ verspricht in seiner Werbung, Gartenfiguren machten jeden Garten einzigartig. Ist Buddha eine Gartenfigur? Jedenfalls kann man ihn unter der Rubrik kaufen. Weiter steht dort: „Mit Gartenfiguren wird Ihr Garten in jedem Fall zum Hingucker für Ihre Gäste, und Sie können all die possierlichen Vögel, Engel oder Zwerge auch in Ruhe von Ihrem Liegestuhl aus betrachten.“ Doch Zwerge sind hier gar nicht im Angebot, dafür aber ein meditierender Frosch. Und eben Buddhas, vom Teelichthalter für 3,99 bis zum Steinkopf für knapp 50 Euro. Als Hingucker. Buddhisten schauen eher angewidert weg. Denn abgeschlagene Buddha-Köpfe kamen zur Kaiserzeit als Trophäen nach Deutschland. Irgendwo blieb dann eine kopflose Statue zurück. Heute sind es zwar nur serienmäßig hergestellte Kopien von Buddhas Kopf, doch ein postkolonialer Touch ist geblieben. In der Öffentlichkeit stört das kaum jemanden. Dabei wurde noch vor zehn Jahren die Inszenierung einer Mozart-Oper in der Hauptstadt vom Spielplan genommen, weil dort göttliche Köpfe rollten. Geköpft wurden Poseidon, Mohammed, Jesus und Buddha. Allerdings war nicht der geköpfte Buddha der Grund, warum die Inszenierung nicht mehr gezeigt werden sollte. Und so haben heute eben auch die Baumärkte keine Angst vor Racheakten.

Im buddhistischen Devotionalien-Fachhandel gibt es nur Köpfe mit Statuen dran. Die günstigeren Buddhas sind übrigens kaum teurer als im Baumarkt. Das Versandhaus „Klang und Stille“ etwa verschickt seine Statuen sogar mit Augenbinde. Erst im neuen Zuhause wird sie abgenommen. Was Buddha in Baumärkten dagegen alles sehen muss, ist kaum zu beschreiben. Eine Sprecherin der Deutschen Buddhistischen Union berichtet von ihrem Einsatz gegen Buddhaköpfe auf Badematten, Klodeckeln oder Taschentuchspendern. Für gläubige Buddhisten sind manche Ecken in Baumärkten der schiere Frevel. Wer also kauft den Kitsch – und warum?

Der Pfad der Erleuchtung ist dornig, ganz besonders in einem Baumarkt im November. Denn das Ende der Gartensaison naht. Da verkaufen sich die Figuren nicht mehr so gut. Es findet sich einfach niemand, der einen Buddha im Rollwagen an die Kasse fährt. Vielleicht können die vielen deutschen Gartenverbände hier weiterhelfen. Doch niemand kennt dort einen, der einen kennt, der einen Buddha hat. Nicht bei der Deutschen Schreberjugend, nicht bei den verschiedenen Gartenbau- und Kleingartenverbänden, weder auf Bundes- noch auf Landesebene. Und in den Gartenkolonien geht keiner mehr ans Telefon, wie gesagt, im November ist Ende Gelände. Falls es irgendwo Buddhas geben sollte, stehen die spätestens jetzt in der Laube. Nur eine Pressefrau meldet sich noch. Einige Kleingärtner hätten beobachtet, dass es weniger Gartenzwerge gebe, aber mehr LED-Illuminationen.

Ein Andenken aus Asien

Doch dann kommt plötzlich die Erleuchtung um die Ecke. Und zwar in Gestalt von S. mit Hund. S. ist Rentner, mit gepflegtem Schnauzer und Goldkettchen, sein Hund hat nur Augen für ihn. Früher war S. Elektriker. Manchmal, wenn seine Zipperlein es zulassen, hilft er noch in der Nachbarschaft aus. Die einzige Frage, die sich Rentner aus dem Osten wie S. in der letzten Zeit gefallen lassen mussten, war, wen sie gewählt haben. Ganz sicher aber hat ihnen noch niemand die irgendwie irre klingende Frage gestellt: „Guten Tag, Herr S., haben Sie einen Buddha in Ihrem Garten?“ Na ja, sagt S. ohne Umschweife, als die neue Schrankwand kam, da habe er nich mehr rinjepasst. Auch wegen dem Springbrunnen. Und seitdem steht er eben im Jarten. Jenau jesaacht steht er aber nu jrade mit abjeklemmter Pumpe in de Laube.

ER ist Buddha. Und S. spricht einfach weiter, die eine Frage war ihm genug. Buddhisten nennen das KARMA. (Auf Deutsch: Volltreffer). Eigentlich glaubt er an so was gar nicht, sagt S. Aber er reist so gern nach Asien, da gefällt es ihm richtig gut. Und da nimmt er eben ein Reiseandenken mit zurück. Also nicht den Buddha mit Springbrunnen, der sei aus dem Baumarkt, aber zu Hause im Regal habe er noch sechs andere stehen. Wo die genau herkommen, ob aus Ceylon oder Malaysia, das weiß S. nun nicht mehr so genau. Früher, also janz früher, da hatte S. auch Gartenzwerge, die waren damals noch aus Terrakotta. Ist einer umgefallen, war er kaputt. Das war so Mode damals, sagt S. Haste en Jarten, haste en Jartenzwerg. Dann schlendert er weiter, den Hund an seiner Seite, als hätten wir gerade über das Wetter gesprochen.

Deutsche Eigenheit

Nach dem kurzen Austausch mit S. ist klar, dass die Sache mit den Buddhas sehr deutsch ist und sehr paranormal. Vielleicht handelt es sich um ein kollektiv mutiertes Humboldtsches Raubsammler-Gen, das sich auch mit kitschigen Kopien wie einem Schloss oder eben einem Plastik-Buddha zufriedengibt. Spezialistin für diese Art von Geschmacksfragen ist Monia. Sie kommt aus Polen und putzt schon lange bei Deutschen. Monia sieht sogar beim Putzen besser aus als andere in Bürokluft. Das mit den Buddhas ist ihr auch schon aufgefallen. In Polen gibt es das nicht, sagt sie. Und in Schweden auch nicht. Dort putzt ihre Schwester. Monia zückt ihr Handy und ruft per Flatrate in Göteborg an. Die Schwester nimmt sofort ab, und die beiden lachen viel – wahrscheinlich über uns Deutsche. Also die Schweden, sagt Monia schließlich glucksend, die würden auch nach Asien reisen, aber von dort brächten sie höchstens eine Frau mit, keinen Buddha. Den gebe es nicht mal bei Ikea.

Sie schlägt ein empirisches Beweisverfahren vor. Fast alles, was Monias Herz begehrt, kauft sie auf der polnischen Plattform allegro.pl. Gibt man dort „Buddha“ ein, bekommt man 930 Angebote, gibt man „Budda“ ohne h ein, also die polnische Schreibweise, erscheinen 5012 Treffer. Auf Ebay dagegen sind mehr als 130 000 Buddhas im Angebot. Ähnlich ist es beim Obi-Vergleich. Den Baumarkt gibt es auch in Polen. In Deutschland hat er 36 Buddha-Produkte im Angebot: Skulpturen, Köpfe, Töpfe und Bilder. In Polen dagegen führt Obi nur einen 70 Zentimeter langen Deko-Sticker mit Buddha-Motiv.

Die Polen verkaufen dafür Gartenzwerge. Besonders günstig sind sie auf den Märkten an der Grenze. Buddhas gibt es auch dort nicht. Vielleicht haben Katholiken mehr Respekt vor religiösen Symbolen. Oder wehren sich die Polen nur erfolgreich gegen Fremdes? In Deutschland jedenfalls sind Buddhas vogelfrei. Selbst Gartenzwerge sind besser geschützt. Seit 1980 gibt es in Basel die Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge. Davon profitieren auch die etwa 25 Millionen deutschen Gartenzwerge. Wie viele Buddhas in Deutschland schutzlos herumstehen, dat weeß keena.

Quelle: F.A.S.
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