Drinnen & Draußen
Untergrund im Bad

Anstoß zur Bodenreform

Von Judith Lembke
© Mutina, F.A.S.
WhatsAppFacebookTwitterGoogle+
WhatsApp
Neue Vielfalt: Im Bad liegt nicht mehr nur noch Fliese. Holz, Naturstein und Beton werden immer populärer

Eine Chaiselongue, gegenüber vom Waschbecken postiert, macht das Bad noch nicht zum Wohnzimmer. Denn wer von dort aus auf die kaltweißen Baumarktfliesen an der Wand gegenüber blickt, fühlt sich an den letzten Krankenhausaufenthalt erinnert und entspannt nicht – sondern beeilt sich. Dafür, ob das Bad zum erweiterten Wohnraum wird, sind nicht in erster Linie Möbel und Objekte entscheidend, sondern Wand und Boden: Behaglich sollen die Oberflächen sein, nicht mehr nur zweckmäßig.

Doch trotz aller Wohnlichkeit bleibt das Bad Nasszelle, wo Wasser an die Wand spritzt und auch einmal auf dem Boden stehenbleibt. Das Zimmer wird feucht und trocknet, es wird geheizt und kühlt wieder ab. Das verlangt den Materialien einiges ab. Zudem sollen sie nicht nur schön aussehen, sondern sich auch gut anfühlen. Denn der Badnutzer ist die meiste Zeit nackt, läuft barfuß und kommt dadurch viel direkter in Kontakt mit den Oberflächen als in Wohnzimmer oder Küche, wo den Körper noch mindestens eine Stoffschicht umhüllt.

„Einen Bodenbelag kann man nicht über ein Bild aussuchen. Den muss man anfassen“, sagt Stephan Krischer vom Kölner Badstudio Ultramarin. Die Sehnsucht nach mehr Behaglichkeit hat dazu geführt, dass Materialien ins Bad eingezogen sind, die dort früher nicht eingesetzt wurden: Holz zum Beispiel, Tapeten oder auch Leder und Textilien. Doch trotz aller Vielfalt kommen in Deutschland immer noch in erster Linie Fliesen auf den Boden. Wer bei dem Wort erst einmal zusammenzuckt und an die traurigen Keramikquadrate seiner Kindheit denkt, der sei beruhigt: Sie existieren in den dunklen Ecken der Fliesenmärkte zwar noch immer, aber daneben auch noch Tausende andere Möglichkeiten.

Feinsteinzeug: Ein Wunderstoff für's Bad

Die Fliesen von heute bestehen zum Großteil aus Feinsteinzeug, einem Material, das unter hohem Druck gepresst, bei bis zu 1300 Grad gebrannt und über eine besonders niedrige Wasseraufnahme von weniger als 0,5 Prozent verfügt. Dieser Wunderstoff kann fast alles: aussehen wir Naturstein, eine reliefartige Struktur bekommen, mondän glänzen oder sich matt im Hintergrund halten, und das alles in Formaten von felsengroß bis mosaiksteinklein. Kein Wunder, dass die unendlichen Möglichkeiten auch immer mehr bekannte Designer reizen, sich mit der Fliese zu beschäftigen. Für den italienischen Hersteller Mutina haben schon viele große Namen entworfen – von Patricia Urquiola über Konstantin Grcic bis zu den Gebrüdern Bouroullec. Überhaupt, die Italiener. „Die interessantesten Hersteller kommen meiner Ansicht nach aus Italien“, sagt Krischer. Sie seien technisch extrem gut, was sich vor allem in den vielfältigen Oberflächenstrukturen zeige. Auch der Hersteller Brix stammt von dort. Brix stellt nicht nur die Micromosaiksteinchen im Maße 5 mal 5 Millimeter her, wohl die kleinsten Fliesen der Welt, sondern auch Fliesen mit Oberflächen aus Schiefer oder Sandstein.

Ein Glasmosaik wie ein Drogenrausch.
© Bisazza, F.A.S.

Wahre Nachahmungskünstler sind die Hersteller Atlas Concorde und Living Ceramics. Ihre Oberflächen sind poliert wie Marmor, stumpf wie Granit oder rau wie Beton – dabei sind sie alle aus Feinsteinzeug, imitieren die Vorbilder aber nahezu perfekt. Doch warum sollte man sich ein Mimikry auf den Boden legen, wenn die Auswahl an schönen Natursteinen riesig ist? Krischer nennt dafür zwei Gründe: Preis und Pflege. „Für 100 Euro je Quadratmeter bekommt man schon eine gute Auswahl an hochwertigen Fliesen. Naturstein kostet locker das Doppelte.“ Zudem sei Naturstein zwangsläufig dicker, der Bodenaufbau somit höher. Daher scheitert der Einsatz des Materials bei einer Renovierung oft am Bodenniveau. Und dann sind da noch die praktischen Aspekte. Denn die meisten Deutschen sind Pflegemuffel, die Boden und Wand nicht jedes Mal nach dem Duschen trockenwischen mögen, damit es keine Flecken gibt. Auch auf scharfe Putzmittel reagieren die meisten Natursteine allergisch, weswegen der Kampf gegen Kalk nicht ganz so einfach ist wie bei Fliesen aus Steinzeug, die deutlich mehr verzeihen.

Ähnlich anspruchsvoll wie Naturstein sind auch Fliesen aus Glasmosaik oder Zement. Da die Fugen zwischen den Glassteinchen nicht hundertprozentig dicht sind, kann Feuchtigkeit eintreten und Flecken bilden. Deswegen sind Glasmosaike, zum Beispiel von Bisazza (ebenfalls aus Italien), kaum am Boden, sondern vor allem an der Wand zu finden. Auch die Zementfliesen, die man in der Regel aus den Eingängen von Gründerzeithäusern kennt und die in den vergangenen Jahren wieder in Mode gekommen sind, haben im Bad ihre Tücken. Selbst wenn sie gut imprägniert sind, verändert sich ihre Optik durch die Nutzung, vor allem im Nassbereich.

Holz verleiht Wärme

Und trotzdem: „Ich habe immer wieder Kunden, für die nur Naturstein in Frage kommt“, berichtet Krischer. Die meisten griffen dann jedoch zu Steinen in Sandtönen oder einem hellen Grau, von Krischer auch „die Version für Mutlose“ genannt. Ausdrucksstarke Farben und starke Maserungen trauten sich am Ende nur wenige, auch wenn viele in der Bad-Ausstellung erst einmal begeistert davon seien.

Ähnlich verhält es sich mit Holz, einem Material, dass man zunächst nicht auf dem Badezimmerboden vermutet, dort aber beliebter wird. Denn kaum ein Bodenbelag versprüht mehr Behaglichkeit und Wärme, gerade wenn keine Fußbodenheizung im Einsatz ist, und bildet damit die perfekte Basis für die Wohraumwerdung der Nasszelle. Die alte Regel, dass Wasser und Holz sich partout nicht vertragen, gilt so kategorisch nicht mehr – sofern man ein paar Regeln beachtet. Am besten eignen sich für den Einsatz im Bad harte Hölzer wie Eiche oder Nussbaum, aber auch Tropenhölzer. Kleine Pfützen auf dem Boden sind im Bad nicht zu vermeiden und sollten auch kein Problem sein, sofern sie schnell aufgewischt werden. Zudem sollte der Boden immer gut geölt sein. Trotzdem rät Krischer von einem Holzboden in einem Badezimmer, das Kinder regelmäßig nutzen, ab. „Da hat man keine Freude.“ Bei einem Bad en suite, das direkt an ein Schlafzimmer angeschlossen ist und meist auch nur von zwei Erwachsenen aufgesucht wird, sieht er jedoch kein Problem.

Marmor erlebt ein Comeback – auch im Bad.
© ddp Images, F.A.S.

Auch ein anderer Trend aus den Wohnräumen findet im Badezimmer seinen Widerhall: Fugenlose Böden, die eine große plane Fläche bilden, sieht man zunehmend in Neubauten. Warum sollte mit der Grenzenlosigkeit an der Badezimmertür Schluss sein, scheinen sich viele zu fragen und setzen auch dort auf einen gespachtelten Boden, der auf den Unterboden aufgetragen wird, oder auf einen sogenannten Sichtestrich. Dabei dient der geschliffene und veredelte Estrich direkt als Boden. Die industrielle Loft-Optik reicht also bis ins Bad. Nur kuschelig wirkt das dann nicht mehr.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Untergrund