Makoto Azuma

Von FLORIAN SIEBECK
Foto: AMKK

29.05.2018 · Makoto Azuma schießt Bonsai ins All und versenkt Blumen auf dem Meeresboden – um die fragile Schönheit der Natur einzufangen.

R aumtemperatur 20 Grad, Luftfeuchte 40 Prozent. An den Wänden Beton, der Tisch aus Edelstahl: Das ist die Welt, die Makoto Azuma jeden Morgen um fünf Uhr betritt. „Ich lege großen Wert darauf, dass es angenehm für die Blumen ist“, sagt der Japaner. „Sie stehen im Mittelpunkt.“ Seit 13 Jahren schlägt er jeden Morgen hier auf, selbst am Wochenende, 365 Tage im Jahr. „Die Blumen nehmen sich ja auch nicht frei.“ Er steht mit den Blumen auf, und er legt die Arbeit nieder, wenn sie schlafen gehen. „Die Arbeit ist am Vormittag beendet, am Nachmittag schlafen die Pflanzen. Es kommt immer auf die Art der Pflanze an, aber bei den meisten ist es so, dass sie eine bessere Performance zeigen, wenn man morgens mit ihnen arbeitet.“

Stilwechsel: Eigentlich wollte Makoto Azuma Rockstar werden. Dann entdeckte er Blumen als Kunstform. Foto: AMKK

Viel gibt es nicht, was den Blick in seinem klinisch anmutenden Atelier im Tokioter Stadtteil Aoyama von der Farbenpracht der Blüten ablenkt. Makoto Azuma trägt einen weißen Laborkittel mit eingesticktem Logo, während neben ihm zwei Mitarbeiterinnen am Tisch stehen und Blätter einer Schusterpalme in kunstvolle Formen falten, die sie zuvor mit einem Skalpell seziert haben. Alles für diesen einen, magischen Moment.

Die Lieferung vom Tokioter Blumengroßmarkt kommt dreimal die Woche, montags, mittwochs und freitags. Die ankommende Blütenpracht wird in einen großen Kühlschrank verfrachtet, der auf zehn Grad temperiert ist, was das Wachstum in Grenzen hält und die Pflanzen länger frisch bleiben lässt. Die Beleuchtung ist dem natürlichen Sonnenlicht nachempfunden. Das ist wichtig, wenn es um die Wirkung von so schwierigen Farben wie Gelb oder Rot geht, mit denen Makoto Azuma hier hantiert, wenn er seiner Arbeit nachgeht. Die lautet: Blumen so zu arrangieren, dass dem Betrachter der Atem stockt. Zeugnisse der Schönheit der Erde zu schaffen.

„Ich bin häufig in Europa unterwegs, wo meine Werke als neue Art des Ikebana bezeichnet werden“, sagt er. „Das ist es aber nicht.“ Was dann? „Ikebana dient primär der Darstellung der eigenen Gefühlswelt. In meiner Arbeit geht es darum, mit der Blume etwas auszudrücken, sie vor immer neue Herausforderungen zu stellen und dadurch der Pflanze einen neuen Wert, eine neue Qualität zu geben.“

Stille Momente voller Zerbrechlichkeit: Für Makoto Azuma sind Blumen das dankbarste Medium. Foto: AMKK

Makoto Azuma, 41 Jahre alt, war eigentlich nach Tokio gekommen, um Rockstar zu werden. Da war er 17. Wie viele Rockstars merkte er bald, dass sein Ehrgeiz ihn nicht auf die ganz großen Bühnen bringen würde – und heuerte in einem Blumenladen an. Botanische Berührungspunkte hatte er vorher kaum gehabt, obwohl er in Fukuoka aufwuchs, wo die Menschen eine innigere Bindung zur Natur pflegen als etwa in Tokio oder Osaka. Doch der Tokioter Blumenmarkt, der zu den größten der Welt zählt, sollte ihn nachhaltig beeindrucken. „Die Fülle an Blumen, der ich jeden Tag begegnet bin, hat mich einfach umgehauen.“ Irgendwann entdeckte er, dass er Blumen wie Musik nutzen kann – als Kunstform, als Mittel, sich selbst auszudrücken.

Jetzt lebt er ausgerechnet in Tokio, in dieser lauten Stadt, die nie innehält, und schafft in sich gekehrte Kunstwerke, die stille Momente voller Zerbrechlichkeit zeigen. „Das Leben in dieser Betonwüste löst in mir umso stärker den Wunsch aus, mich mit Blumen zu umgeben.“ 2002 gründete er „Jardin des Fleurs“, ein Geschäft irgendwo zwischen Haute-Couture-Blumenladen und Botaniklabor, das keine Stereotypen liefert, sondern kunstvoll arrangierte Blumen-Feuerwerke. 10.000 Yen kostet ein mittelgroßes Gesteck, das sind etwa 70 Euro, und die Warteliste ist lang – mehr als 20 Stück werden am Tag nicht produziert. 2005 fing Makoto Azuma an, größer zu denken: Seine „Botanischen Skulpturen“, Feste der Vergänglichkeit, reisen von New York nach Paris, nach Düsseldorf, nach Mailand, nach Schanghai und nach Mexiko.

Foto: AMKK

Für ihn sind Blumen in ihrer Formenvielfalt das dankbarste Medium. „Außerdem gibt es nur wenige Menschen, die Blumen nicht mögen.“ In einem Interview war einmal zu lesen, Azuma halte Rosen für überbewertet. „Das ist so nicht richtig“, sagt er. „Ich verstehe nur nicht, warum sie so herausgestellt werden. Für mich sind alle Pflanzen gleichberechtigt.“ Aber auch er hat seine saisonalen Lieblinge. Im Frühjahr arbeitet er gern mit Tulpen und Kirschblüten, im Sommer mit der Frühblühenden Prachtglocke, im Herbst mit Lilien und Chrysanthemen, im Winter mit Amaryllis. Für seine Arbeit sichtet er Pflanzen in aller Welt, er besucht Botanische Gärten und Regenwälder, begleitet Forscher auf Amazonas-Expeditionen.

In der Mode, wo die Blume ein wiederkehrendes Motiv ist, hat er über die Jahre viele Freunde gewonnen. Ob er für Salvatore Ferragamo ganze Wände begrünt, für Hermès Blumen in Gläser abfüllt oder einen ganzen Baum in einen Fendi-Flagshipstore verpflanzt: Der Prozess beginnt immer ähnlich. „Ich setze mich mit der Geschichte der Marke auseinander und dechiffriere Farben und Codes. Ich schaue mir die aktuellen Kollektionen an, und erst wenn ich alle Zusammenhänge verstehe, kann ich ein darauf abgestimmtes Werk schaffen.“

Als er für Dries Van Notens Frühjahr-/ Sommer-Kollektion 2017 fast zwei Dutzend Bouquets in riesige, strahlende Eisblöcke einfror, schaute die ganze Modewelt auf ihn. „Das war sehr aufwendig“, sagt er bedächtig und fügt an, wie schwierig die Suche nach einem geeigneten Partner war. „Man kann Blumen nicht einfach hinlegen und einfrieren, so geht das nicht.“ Er fand eine Firma in Belgien, da aber gab es nicht genügend Schnittblumen. Allein die Suche nach den richtigen Pflanzen im Holländer Blumengroßmarkt dauerte mehr als eine Woche.

Dries Van Notens Frühjahr-/ Sommer-Kollektion 2017 Foto: AMKK

„Der Strauß wird sehr langsam von unten nach oben gefroren, es kommt auf die richtige Geschwindigkeit an und auf die Wassertemperatur.“ Insgesamt dauerte es drei Wochen, bis alles stimmte – und nur 30 Stunden, bis alles wieder geschmolzen war. Gerade genug Zeit, dass Van Noten seine Models mit Leinenkleidern in Blumendrucken zwischen den Blöcken hindurch schicken konnte. Zwischen all den floralen Kunstwerken zeigte er Entwürfe mit viktorianischen wie japanischen Einflüssen. Viele haben seither versucht, Makoto Azumas Installation zu kopieren, keiner hat es wirklich hinbekommen. Oft war das Eis zu trüb. Wie Azuma es geschafft hat? Betriebsgeheimnis. „Aber wenn man die Belgier lieb fragt“, sagt er lächelnd, „würden die das bestimmt noch einmal machen.“

Gut gekühlt Foto: AMKK
Für eine Schau von Dries Van Noten fror Makoto Azuma 2016 Blumen-Bouquets in riesige Eisblöcke ein. Foto: AMKK

Er hat sich längst anderen Dingen zugewandt. Mehreren 50 Jahre alten Bonsai in Metallrahmen etwa, die er in die ganze Welt schickt – in die Arktis, 8.000 Meter tief auf den Meeresgrund oder 30.000 Meter hoch in die Stratosphäre. „Man setzt also eine Pflanze in ein Umfeld, in dem normal keine Blumen wachsen, in unfruchtbaren Raum, und schafft so einen Kontext, der so ungewohnt ist für das Auge, dass unser ästhetisches Bewusstsein herausgefordert wird und wir die Pflanze ganz neu erfassen können.“

Beim Fotografieren hilft ihm Shunsuke Shiinoki, ein alter Schulfreund, der gelernter Florist ist. Oft sind Bilder das einzige, was von seiner Arbeit bleibt und das Thema einem größeren Publikum überhaupt erst zugänglich macht. Macht das den Reiz für ihn aus? „Die Fotos sind das eine, aber was zählt, ist der Moment“, sagt Azuma. „Die Pflanze blüht auf, und sie verschwindet wieder. Was viele nicht verstehen: Auch das Vergängliche, leicht Melancholische, ist eine Qualität der Pflanze.“ Anders als in der Malerei oder Bildhauerei interessierten ihn nicht Momente, die bleiben, sondern jene, die vergehen. „Ein Blumenarrangement ist niemals gleich, in ein bis zwei Stunden hat es sich schon verändert.“ Ihn fasziniert nicht nur der Moment, in dem die Blüte ihre Schönheit zeigt – er findet auch Gefallen am Welken. Diese Art des Denkens ist es, die andere an ihm fasziniert.

Ganz oben... Foto: AMKK
...ganz unten: Makoto Azuma verpflanzt Blumen in Weltraum und Tiefsee – und verändert so unser Bild von der Welt. Foto: AMKK

Eine seiner jüngsten Ideen: gigantische Blumenteppiche von 20 Metern Durchmesser, ein Projekt, das er „Back to the Earth“ genannt hat. „Eine Schnittblume durchlebt ihre kurze Existenz in ständigem Wandel und ganz still, ohne ein Wort der Klage“, sagt Azuma. „Sie beginnt als Zwiebel, blüht auf und wird wieder zum Nährboden für neue Pflanzen.“ Zehntausende Schnittblumen arrangiert er in dem Projekt auf einer grünen Wiese, bedeckt sie mit Gras und lässt die Natur sie vereinnahmen – ein Lehrstück über Leben und Tod in mehreren Akten.

„Meine Aufgabe ist es, der Pflanze ein erfülltes Leben zu ermöglichen, wenn sie es schon mir überlässt“, sagt Azuma. Seine Werke, die mitunter aussehen wie Stillleben aus der Zeit des niederländischen Barocks, hat er mittlerweile in mehreren Enzyklopädien festgehalten, „als Huldigung an das kurze Leben jeder einzelnen Blume, mit der ich gearbeitet habe“. Allein die reine Existenz dieser natürlichen Schönheit berühre viele Menschen tief in ihrem Inneren, ist er sich sicher, auch wenn es Unterschiede gebe. „Europäer haben zu Pflanzen ein eher freundliches Verhältnis“, sagt er. „Japaner nicht. Hier sind die Blumen höher gestellt, fast göttlich, im shintoistischen Sinne. Die Verbundenheit mit der Natur ist nicht die gleiche wie im Westen, hier sind Pflanzen Wesen, zu denen man mit einer gewissen Distanz aufblickt.“ Seine Arbeit folgt einem Prinzip der japanischen Ästhetik – der tiefen Traurigkeit über die vergängliche Schönheit, gepaart mit dem Glück, deren Zeuge gewesen zu sein. „Mono no aware“ heißt das in Japan: die Seele der Dinge.

In sich gekehrte Kunstwerke: Azuma interessieren Momente, die vergehen, nicht jene, die bleiben. Foto: AMKK
Quelle: F.A.Z.-Magazin