Drinnen & Draußen
Sanitärforscher im Gespräch

„Man redet lieber über Sex als den Toilettenbesuch“

Von Florian Siebeck
© interTOPICS/mptv, F.A.S.

Der Westeuropäer geht laut Statistik sechsmal pro Tag auf die Toilette. Dort bleibt er dann zwischen einer bis fünfzehn Minuten. In Anbetracht der Tatsache, dass wir mindestens ein Jahr unseres Lebens auf der Toilette verbringen, wird über diesen Einrichtungsgegenstand sehr wenig geredet. Zu Unrecht: Die Toilette ist in unserer vernetzten Zeit zu einem Ort der Einkehr geworden, hier ist man noch ganz für sich. Gut, dass es Menschen wie Mete Demiriz, 63, gibt, die sich auch fachlich mit der Materie befassen.

Herr Demiriz, Sie forschen zu einem Thema, über das eigentlich keiner gerne spricht. Woran liegt das eigentlich?

Weil die Toilettenbenutzung das Einzige ist, das man alleine betreibt. Die Toilette als Ort der Einkehr, da ist man ganz für sich, das ist ganz eigen vom Thema her. Man erzählt nichts darüber. Über Sex redet man, da gehören auch zwei dazu. Das ist gesellschaftsfähiger als die Toilettenbenutzung. In Funk und Fernsehen spricht man lieber über Sex als über den Stuhlgang.

Und wie kamen Sie zu Ihrem ungewöhnlichen Forschungsgebiet?

Schon als Kind habe ich mich für Sanitärtechnik interessiert. Wenn bei uns ein Installateur im Haus war und etwas repariert hat, habe ich begeistert daneben gestanden. Als promovierter Verfahrenstechniker bin ich seit 1993 an der Hochschule Gelsenkirchen Professor für Sanitärtechnik und forsche auch gern, was in meinem Fachgebiet sehr selten ist. Ich bin wahrscheinlich der einzige international anerkannte Sanitärforscher, der ernsthaft akademische Forschung betreibt und damit auch einige Erfolge vorzuweisen hat.

Im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit testen Sie auch Toiletten. Wie machen Sie das?

Es gibt eine EU-Standardnorm für Toilettentests. Wir füllen Kunstdärme mit Wasser, je 40 Gramm, und geben drei Stück dieser künstlichen Fäkalien von einer Standardposition aus einer Standardfallhöhe in den Verschluss der Toilette. Anschließend kommen 12 Blatt Klopapier hinein. Wenn wir spülen, zeichnen wir auf, wann das letzte Würstchen die Toilette verlässt und wie viel Wasser am Ende noch im Spülkasten verbleibt. Wichtig ist, dass diese Norm-Fäkalien auch in der Kanalisation weitertreiben und nicht im Rohr liegen bleiben. Wir bestreichen sie mit Pflaumenmus, um eine realistische Konsistenz zu erzeugen. Auf diese Weise lässt sich auch erkennen, wo in der Toilette sich die sogenannten Bremsspuren etablieren.

Ist das der „Gelsenkirchener Pflaumenmustest“?

Es gibt Normreihen, wo man zum Beispiel Sägemehl in das Toilettenbecken hineingibt und spült und guckt, ob alle Bereiche gut durchspült werden. Diesen Test haben wir mit Pflaumenmus erweitert: Wir machen 100 genau definierte Pflaumenmus-Punkte in die Schüssel, anhand derer gut erkennbar ist, in welche Ecken das Spülwasser kommt. Das hat sich zwar nicht als Norm etabliert, aber alle Hersteller testen die Spülkraft ihrer neuen Toiletten mittlerweile mit dieser Methode.

Sie testen auch am „lebenden Objekt“: Zwischen der Herren- und Damentoilette an der Unimensa haben Sie einen geheimen Raum eingerichtet, auf dem „Haustechnik“ steht – Ihr Testlabor.

Alle Toiletten in der Mensa sind verkabelt. Wir schneiden alles mit: Wann welche Kabine wie lang genutzt wird, ob eine Vorspülung stattfindet, wie viel Klopapier verbraucht wird. Natürlich anonym. Die Häufigkeit der Benutzung ist eine relevante Größe für uns, ebenso die Frequentierung. Das ist wichtig, um bei größeren Anlagen die richtige Anzahl von Toiletten zu installieren. Eine Zeitlang haben wir auch das Nutzungsverhalten in den Toiletten der Arena auf Schalke auf diese Art überprüft und durchaus brauchbare Ergebnisse bekommen, auf deren Grundlage mittlerweile viele Toilettenanlagen in Arenen gebaut worden sind. In den Toiletten der Mensa testen wir zudem neuartige Rohrsysteme und auch neue Toiletten, etwa das von mir entwickelte Frauenpissoir. In meinem Untersuchungsraum sind die Leitungen aus Glas, und ich kann sofort sehen, ob Fäkalien irgendwo Verstopfungen verursacht haben.

Was sind denn Verkaufsargumente für neue Toiletten?

Nun, die Funktionalität wird ein bisschen vernachlässigt von den Herstellern. Als Verkaufsargument wird meist das Design in den Vordergrund gestellt. Manchmal leidet die Funktionalität darunter, etwa die Spülfähigkeit oder die sogenannte „Cleanability“. Wenn man eine Toilette funktionell plant, werden Sie weniger Bremsspuren finden und brauchen nicht so häufig nach der Bürste zu greifen. Wenn da nur schönes Design drinsteckt, kann es sein, dass Sie im Zweifelsfall nach einer Sitzung mehrfach spülen müssen.

Immerhin verbrauchen wir heute weit weniger Wasser dabei als früher.

Vor den Achtzigerjahren waren es in Deutschland neun Liter. Das kam aus England, wo das Parlament sich auf zwei Gallonen, also knapp acht Liter, festgelegt hatte. Durch die Forschung des Berliner Professors Hans-Joachim Knoblauch in Berlin wurde die Spülmenge in den Achtzigern dann auf sechs Liter reduziert. Die Toilettenhersteller haben sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, für sie bedeutete das ein großes Investment, aber der Standard setzte sich dann letztlich durch. Seit Ende der Neunzigerjahre ist es bei viereinhalb Litern für die fäkalienhaltige Hauptspülung und drei Litern für die Kurzspülung geblieben. Die ersten dieser wassersparenden WCs wurden übrigens hier in der Mensa getestet.

Kommt irgendwann die Ein-Liter-Toilette?

Nein, denn da kommt keine gute Spülung zustande. Es gab Versuche namhafter Ingenieure, die Spülmenge auf drei Liter zu reduzieren. Man hat mittlerweile aber gemerkt, dass die Wassersparerei im Endeffekt nicht zu den gewünschten Effekten führt. Wenn Sie mit weniger Wasser spülen, führt die Kanalisation außerhalb des Hauses nicht genug Wasser, und es kommt dort erst recht zu Verstopfungen. Alles, was im Haushalt gespart wird, müssen die Kommunen dann mit Trinkwasser durchspülen, und das führt zu unhygienischen Verhältnissen in den Trinkwasserinstallationen. Es braucht eine gewisse Menge Wasser, damit die Leitungen gut durchgespült werden.

„Da sitze ich heute noch gern drauf“: In den Siebzigern entwarf Luigi Colani eine Sanitärserie für Villeroy&Boch.
© Hersteller, F.A.S.

Beste Voraussetzung für die neuen „Dusch-WCs“, die jetzt allerorten beworben werden.

Bei Neubauten wird immer mehr mit Dusch-WCs gearbeitet. Wenn Wohnungsbaugesellschaften eine Wohnung neu vermieten wollen, dann werden da oft die Toilette und der Waschtisch erneuert. Die Toilette ist ja etwas sehr Persönliches, und wenn da ein neues Becken drin ist, können Sie das viel besser vermieten, sonst haben viele Mieter ein Ekelgefühl. Das Klopapier wird zum Abtrocknen noch bleiben, aber es ist viel hygienischer, sich mit Wasser zu säubern als nur mit Papier. Eine primitive Form dieser Säuberung gibt es in manchen islamischen Ländern schon, auch in der Türkei, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin, deshalb bin ich das gewohnt. Und ich kann nur sagen: Es ist viel besser, und was besser ist, setzt sich langfristig natürlich durch. Es gibt noch ein paar technische Probleme, die für den europäischen Markt gelöst werden müssen, da geht es um die Trinkwassersicherheit, damit sich durch den Rückfluss keine Verunreinigungen bilden. Aber wir arbeiten dran. Empfehlenswert ist es jedenfalls, momentan nur zu teuer, gute Modelle kosten bis zu 5000 Euro.

Heißt das, dass es bald keine Bidets mehr gibt?

Ja, und das sogar in Ländern, wo ein Bidet üblicher war als in Deutschland. Neulich war ich in einem sehr guten Hotel in Madrid, und ich wollte ein Zimmer mit Bidet haben. Die junge Dame an der Rezeption wusste nicht einmal, was das ist – dabei sind Bidets in Spanien, Italien und Frankreich sehr beliebt. Ein älterer Herr konnte mir helfen, musste mich allerdings vertrösten: Sie haben neulich alle abgebaut. Auf lange Sicht wird sich ohnehin das Dusch-WC durchsetzen.

Warum gibt es auf der Welt bis heute so große Unterschiede bei den Toiletten?

Unter anderem weil in Deutschland die Sanitärforschung stark vorangetrieben wurde und in anderen Ländern überhaupt nicht.

Was ist die ideale Sitzhöhe einer Toilette?

40, 42, 44 Zentimeter – das ändert sich mit Alter und Körpergröße. Für ältere Leute ist es besser, die Toilette etwas höher aufzuhängen, damit sie besser wieder aufstehen können. Aber eigentlich ist es besser, wenn die Toilette etwas niedriger ist, damit Oberschenkeldruck an Bauch und Gedärme kommt. Neuerdings gibt es Toiletten, deren Höhe man verstellen kann. Wie bei einem Autositz. Per Smartphone und mit einer Memory-Funktion, die automatisch den Nutzer erkennt. Das ist Sanitärtechnik 4.0.

Der Philosoph Slavoj Žižek sieht in den verschiedenen Toiletten-Typen Parallelen zur Gesellschaft: In England schwimmen die Exkremente im Kreis, bevor sie abgesaugt werden, dort werde also Ideen freien Raum gelassen; in Frankreich verschwinde alles sofort in einem Loch, so, wie während der Revolution mit allem Unliebsamen kurzer Prozess gemacht wurde, und in Deutschland landeten die Fäkalien erst einmal sichtbar auf einem „Teller“, wir seien eben eine Denker-Nation, die gern alles analysiere.

Ja, die Flachspüler sind schon eine deutsche Spezialität. In anderen Ländern kennt man das überhaupt nicht. Da bleibt eben der Kot erst einmal auf dem Teller, und dann muss er nach vorne gespült werden, um anschließend wieder nach hinten transportiert zu werden. Spültechnisch wirklich Unsinn. Und die Geruchsbelästigung ist höher, weil die Fäkalien nicht gleich ins Wasser fallen. Der einzige Vorteil, den diese Toilette hat, ist, dass man besser Stuhlproben nehmen kann. Aber die Zeit der Flachspüler ist eh vorbei.

Mancher sagt ja: Der Gesundheit wäre es eigentlich am zuträglichsten, würden wir in die Hocke gehen und in Löcher im Boden scheißen.

Das ist eine alte Erkenntnis, dass man in die Hocke geht und durch den Druck der Oberschenkel auf den Bauch und die Gedärme die Darmentleerung fördert. Mittlerweile geht man aber davon aus, dass eine aufrechte, entspannte Sitzhaltung auf der Toilette der Darmentleerung zuträglicher ist. Ich muss sagen, ich habe beides ausprobiert, und es ist was dran: Wenn man senkrecht sitzt und möglichst den Bauch nicht anspannt und einfach den Darm öffnet, dann geht es viel besser. Da braucht man auch nicht in die Hocke gehen.

Zuletzt müssen Sie uns noch verraten, auf welcher Toilette Sie daheim sitzen.

Meine Toilette ist noch aus den Siebzigern, als ich Maschinenbau studierte und keinen fachlichen Bezug zur Sanitärtechnik hatte, aus der legendären Serie von Luigi Colani für Villeroy & Boch. Sie ist sehr schön, jasminfarben und ergonomischer als andere Toiletten. Da sitze ich heute noch gern drauf.

Quelle: F.A.S.
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