Offene Gärten

Auf Tour durch fremde Beete

Von Christa Hasselhorst
 - 10:30
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Der Besuch fremder Gärten ist im Sommer die Lieblings-Wochenendbeschäftigung Zehntausender Gartenenthusiasten. Metzger und Manager, Bankerin und Bäckerin, Alte oder Junge – wenn unzählige private Gärten für ein paar Wochen ihre Tore für Besucher öffnen, kommen sie alle zusammen. Senioren tauschen Rezepte für Kompost aus und begutachten Hochbeete, junge Familien interessieren sich für selbst angebautes Gemüse und Öko-Gärtnern. Die „Offene Gartenpforte“, wie die private Aktion heißt, begann vor dreißig Jahren. Mittlerweile hat sie einen Siegeszug in Deutschland, den Beneluxländern und Frankreich hinter sich.

In England hat der Besuch fremder Gärten schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts Tradition. In wohlhabenden Kreisen war es damals Mode, berühmte Gärten zu besichtigen. Die Besitzer bewirteten die Gartentouristen, die sogar vom Kontinent anreisten, in Logierhäusern. Von 1927 an gab es die ersten „Gardens open to the Public“, geöffnet für einen guten Zweck. Das Debüt wurde ein grandioser Erfolg, der sich bis heute fortsetzt.

Abenteuer in fremden Gärten

Bewaffnet mit der 700 Seiten dicken Garten-Bibel „The Yellow Book“ touren nun Gartenliebhaber durchs Land, um Inspiration und Abenteuer in den fremden Gärten zu erleben. Zum Beispiel in London, wo man an einem heißen Sommertag kurz vor Ende der Öffnungszeit atemlos und verschwitzt in einer noblen Seitenstraße hinter Regent’s Park in einen Garten platzt. Die Eigentümer sind schon plaudernd bei der Tea Time, freuen sich über Gäste aus Germany, „how nice“, bitten erst zum Kuchenbuffet. Danach exklusiver Rundgang durch einen hinreißenden, terrassierten Schattengarten mit einem Reichtum an Pflanzen, der neidisch macht. Das Haus wird auch noch gezeigt, ist es doch ein Kleinod von John Nash (1752 bis 1835), einem der berühmtesten Architekten der Regency-Zeit. So lovely!

Dem Ehepaar Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke aus Hannover ist es zu verdanken, dass es diese Offenheit seit 27 Jahren auch in Deutschland gibt. „Wir kehrten immer neidisch aus England zurück, weil die inzwischen zur Volksbewegung gewordene Tradition da so selbstverständlich und zwanglos war.“ Dort würden geöffnete Gärten wie kleine Feste gefeiert, wo Menschen sich ebenso gut gekleidet wie gelaunt austauschten. „Warum gibt es das nicht bei uns?“, fragten sie sich.

Schnell fand der Gärtner und Landschaftsarchitekt Klaffke, als Leiter des städtischen Grünflächenamtes bestens vernetzt in der grünen Szene, viele Unterstützer, vor allem die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL). Passend zum 750.Geburtstag Hannovers fand 1991 die erste „Offene Gartenpforte“ in der Stadt samt Umland statt, mit 25 Gärten, davon 20 private. Mit begeisterter Resonanz bei Gartenbesitzern und Gästen.

„Nicht allen gefällt, was sie sehen“

„Die Idee lag wohl in der Luft“, resümiert das Paar, das auch selbst die Pforten für die eigene, charmant umgewandelte ehemalige Gärtnerei öffnet. Ihre Saat trug Früchte: In der Region Hannover nehmen mittlerweile 170 Gärten teil, Eintritt frei. Es gibt keine Zensur, keine Auswahlkriterien. Jeder darf und soll mitmachen. Finden Klaffkes doch mal einen Garten, vorsichtig formuliert, suboptimal, „dann gucke ich nur ziemlich traurig“, grinst er. Man bringe Bewerber auch ins Grübeln mit der Frage: „Was wollen Sie zeigen? Was ist Ihr Garten?“ Danach habe mancher einen Rückzieher gemacht und sich erst zwei Jahre später wieder gemeldet. „Nicht allen gefällt, was sie sehen, einige Besucher beschweren sich später über einen grässlichen Garten, den andere als wundervoll einstuften“, erzählt Gesa Klaffke-Lobsien.

Die „Offene Gartenpforte“ hat sich längst im ganzen Land ausgebreitet wie Giersch, nur eben überwältigend positiv. Die Texte in den Broschüren, meist von den Gartenbesitzern, schwanken zwischen romantischer Prosa und überschwänglichem Eigenlob: Da kann man „im Naturgarten Energie für den Körper und Nahrung für die Seele tanken“, anderswo „blüht es durchs ganze Jahr“, ein Garten „hat sich vom Kartoffelacker zum Paradies verwandelt“. Ob man sich in Wennigsen/Niedersachsen in den „Ersten Voodoo-Garten nördlich der Sahara“ wagen soll? Während in Falkensee bei Berlin 800 unterschiedliche Fuchsienarten und -sorten locken, der Wahnsinn! Was blüht wohl im „Hugenotten-Garten“ bei Potsdam? Ein Herr aus Köln lädt in seinen „grünen Salon“, im bayerischen Pfaffenwinkel verspricht eine Gräfin „selbstgezogene Raritäten für Auge und Gaumen“. Wie verheißungsvoll das alles klingt.

Vor Ort entspricht die Realität nicht immer dem Versprochenen. Man landet statt im Paradies in einer überdekorierten grünen Hölle mit Plastik-Mobiliar, bloß schnell unentdeckt fort! Das wäre unter Wilfried Rusch nicht passiert. Der 74 Jahre alte passionierte Hobbygärtner organisiert seit 1999 aus purer Lust „Gärten in Westfalen öffnen ihre Pforten“ und sortiert auch mal Bewerber aus: „Wenn Brombeeren durch die Beete wuchern“, sagt er streng, „kann man nicht 3Euro Eintritt nehmen!“ Die Eintrittsgelder aus den rund 90 Gärten werden für soziale Zwecke gespendet.

„Es sollte alles picobello sein!“

Anfangs gab es den „Offenen Garten“ nur an einem Juni-Wochenende, nun zieht er sich von April – Zwiebelblüher – bis in den Herbst – Dahlienblüte. Man will ja genießen und keine Massenveranstaltung. „Manchmal wurden wir überrannt, und es gab kaum Zeit für Gespräche“, ist die Erfahrung zahlreicher Gastgeber. So erging es dem Berliner Paar Ira Schwarz und Dieter Mann. Als sie erstmals den 1 Hektar großen, virtuos veredelten Landhausgarten um ihr altes Bauernhaus in Kühlungsborn in Mecklenburg öffneten, strömten an zwei Tagen 1200 Besucher herbei, vorab angestachelt durch die Lokalpresse. „Es war wundervoll, intensiv, und wir genossen die Bewunderung, zudem sah der Garten genauso gut aus wie vorher.“ Aber dafür hatten sie zuvor tagelang bis zur Erschöpfung geackert. „Es sollte alles picobello sein!“ Nun gönnen sie sich einige Sommer lang Pause.

Ganz anders bei Manfred Lucenz und Klaus Bender. Ihr Garten in Bedburg-Hau am Niederrhein ist (nach Vereinbarung) an vielen Tagen offen und weithin gerühmte Pilgerstätte für Gartenfans aus ganz Europa. Deren Lob und beseelte Gesichter der Gäste sind der beste Lohn. Die positive Bilanz der beiden Hobbygärtner nach 20 Jahren Gartenöffnung: „Null negative Erfahrungen, keine Beschädigungen oder achtlos zertretene Pflanzen, nichts ist weggekommen. Nur hier und da fehlen Samenstände, welcher Gärtner kennt das nicht – den gärtnerischen Mundraub?“

Wer seinen Garten wildfremden Menschen vertrauensvoll öffnet, zeigt – so einst Fürst Hermann von Pückler-Muskau – auch stets „sein Herz“. Denn jeder Garten spiegelt die Persönlichkeit seiner Erschaffer wider. Hier penibelst getrimmtes Grün, „Aha, eine Ordnungsfanatikerin!“, dort nonchalante Wildwiese, „sicher ein Chaot.“ Ob Miniatur-Versailles oder Kleinstkopie von Sissinghurst, chilenische Schmucktanne im bayerischen Vorgarten oder Buddha zwischen Geranientöpfen, ob formaler Garten ganz in Grün-Weiss oder Cottage-Garten mit farbenfrohen Stauden – all das sind Indizien, die je nach Auge des Betrachters anders interpretiert werden. Hier hat einer Lust am Inszenieren, andere bezeugen mit ihren Rabatten eher Ehrgeiz im Repräsentieren statt im Regenerieren. Alles eine Frage des Geschmacks.

Die Herrin eines sehr individuellen Gartens stand hinter ihrer Hecke, als sie am Eingang in schönstem niedersächsischen Platt hörte: „Braucht ihr gar nicht erst rein, alles nur Unkraut hier!“ Die seltenen Arzneipflanzen wurden von den Landfrauen keines Blickes gewürdigt, obendrein gab es ihnen zu wenig Rosen.

Es geht freilich nicht nur ums Zeigen und Schauen. In vielen Gärten kredenzen die Besitzer Kaffee und Kuchen, bieten eigenes Kunsthandwerk und selbstgezogene Setzlinge zum Kauf an. Viele wollen inspiriert werden und fachsimpeln, über den besten Standort für Pfingstrosen, wie man Clematis schneidet, und alle fragen: „Und was machen Sie gegen Schnecken? Und den Buchsbaumzünsler?“ In manchen Gärten erwarten die Gäste zudem Konzerte und Lesungen.

Bestenfalls erlebt der Besucher anregende spontane Begegnungen mit fremden Menschen und Pflanzen, alles erweitert den eigenen Horizont. „Es sind sogar Freundschaften entstanden, neben der Liebe zum Garten entdeckte man andere gemeinsame Interessen“, berichten die Vorreiter aus Hannover. Menschen über Gärten miteinander zu verbinden, Grenzen überwinden, das ist die geheime Botschaft der Aktion.

Apropos Grenzen: Nord-West-Niedersachsen und die holländischen Provinzen Groningen und Drenthe bieten gemeinsam „In Nachbars Garten“ – „Het Tuinpad Op“ mit 150 offenen Gärten an. Auch die Reise zu „Open Tuinen“ nach Holland und Belgien lohnt sich, dort ist Gartenkultur generell auf hohem Niveau. Und mit „Rendezvous im Garten“ lädt am ersten Juniwochenende erstmals eine Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland ein. Auf zum Garten-Marathon!

Quelle: F.A.S.
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