Der Rathausplatz ist seit dem Mittelalter ein Marktplatz. / Foto: Thorsten Konrad

Reval Revival

von JULIA STELZNER
Der Rathausplatz ist seit dem Mittelalter ein Marktplatz. / Foto: Thorsten Konrad

26.05.2018 · Zwischen sowjetischer Altlast und digitaler Zukunft feiert Estland 100 Jahre Unabhängigkeit. In der Hauptstadt Tallinn ist der Übergang besonders offensichtlich.

U nter der Woche ist die „Sveta Baar“ ein gemütliches Café mit Second-Hand-Laden. Am Samstagabend verwandelt sie sich in einen Partykessel. Von ein Uhr nachts an tanzen die Barfrauen auf den Tresen, Wodka wird nur als Doppelter ausgeschenkt, aus den Lautsprechern dröhnt ein Best-of der Neunziger-Jahre-Hits. Und wenn am Morgen die Letzten die „Sveta Baar“ leicht schwankend verlassen, dann bauen die russischen Frauen nebenan schon ihre Marktstände auf, an denen sie Süßigkeiten, Büstenhalter, Fellmützen und gebrauchtes Porzellan verkaufen.

Willkommen in Tallinn, der Hauptstadt von Estland, der 430.000-Einwohner-Kapitale am Finnischen Meerbusen, dem Start-up-Hotspot von Osteuropa. Willkommen auch in Reval, wie die Stadt früher hieß und heute oft noch auf Deutsch genannt wird.

Hier ist man zukunftsoffen und doch der Vergangenheit verhaftet. Man sah es vor ein paar Monaten. Da schien es einen Tag lang so, als wäre in Tallinn die Zeit stehen geblieben. 11.000 Soldaten im Marschschritt durch die Innenstadt, begleitet von einem Musikkorps, die estnische Fahne im Gewehrlauf – so beging Estland die Feierlichkeiten für 100 Jahre Unabhängigkeit. Das Land, das etwas kleiner ist als Niedersachsen, hatte sich am 24. Februar 1918 vom besitzergreifenden Nachbarn Russland losgesagt, temporär zumindest. Spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion jedoch geht das EU- und Nato-Land seinen eigenen Weg. Und das hat in der Hauptstadt Tallinn vor allem mit Start-ups, Internet, Partys und zum Beispiel auch der gut besuchten Tallinn Music Week zu tun.

Flagge zeigen: Am 24. Februar 2018 feierte Estland 100 Jahre Unabhängigkeit. Foto: dpa

Wenn von der digitalen Start-up-Szene die Rede ist, bezieht man sich noch immer gern auf das Vorzeigemodell Skype. Der Instant-Messaging-Dienst, der es lange vor der Regulierung der Roaming-Gebühren ermöglichte, dass man auch mit Freunden im Ausland länger als fünf Minuten sprechen konnte, ist mittlerweile 15 Jahre alt und macht einen Umsatz von zwei Milliarden Dollar. Die Erfolgsgeschichte soll nun abfärben. Zu den bekanntesten Start-ups gehören heute Taxify, die europäische Antwort auf Uber. Oder Toggl, das Zeitmanagement-Tool. Wegen des digitalen Vordenkertums wird Tallinn überschwänglich als „Silicon Valley des Nordens“ angepriesen.

Zumindest ist dort vieles Realität, was im vergangenen Herbst im Parteiprogramm der FDP zu finden war. Flächendeckend kostenloses W-Lan, ein digitales Schul- und Wahlsystem und eine blühende Start-up-Szene. Dank der „e-Residency“ kann man sich überall aufhalten, aber alle Behördenangelegenheiten online regeln. Jeder, der länger in Estland ist, kann die elektronische Identität erlangen. Für Unternehmen wie Nokia, Philips oder Ericsson und gerade Firmenneugründer ist E-Stonia deswegen ein Eldorado. Dazu heißt es, Esten könnten ihre Steuererklärung in fünf Minuten machen. Und für Unternehmen gilt eine 20-Prozent-Flat-Tax. Liberale Lässigkeit, von der Friedrich Merz nur träumen kann.

Das historische Erbe ist allgewertig, doch die Hauptstadt Estlands erfindet sich gerade neu. Foto: dpa
Im Stadtviertel Rotermann in Tallinn werden ehemalige Fabriken neu genutzt, ganz moderne und neue architektonische Wunderwerke umranken alte Gebäude. Foto: Volker Mehnert
Im Hipster Cafe „Renard“ ist Cold Brew ein „Must have“ oder doch lieber einen Babyccino? Foto: Thorsten Konrad
Fassaden, die schon viel erlebt haben Foto: Thorsten Konrad

In Kalamaja zum Beispiel befindet sich in einem schwarzen Neubau die Zentrale von Investly, einer Firma, die junge Unternehmen mit potentiellen Geldgebern online verkuppelt. Kalamaja ist der Stadtteil Tallinns, der in deutschen Medien hervorragend ankommt. Weil es in Kalamaja so sei wie früher in Prenzlauer Berg in Berlin, schreiben sie. Typisch für den Bezirk sind etwa die Holzhäuser, meist braun und ockerfarben, heute aber auch in grellem Gelb gestrichen. In den Fischerhäuschen (die Ostsee ist nicht weit entfernt) lebten zur Zeit der Industrialisierung die Fabrikarbeiter. Heute wohnen hier vor allem junge Familien und Airbnb-Touristen. Es gibt nette Cafés wie das „Boheem“, wo die Einrichtung tatsächlich so bunt zusammengewürfelt ist wie in Prenzlauer Berg noch bis vor zehn Jahren. Oder das „Gustav Café“ an der Vabriku, der wohl ursprünglichsten Holzhaus-Meile. Gleich nebenan: ein Weinladen. Ruhig und beschaulich ist es in Kalamaja. Nur in Richtung Ostsee wird viel neu gebaut.

Gleich angrenzend ist das Areal Telliskivi. Alte Fabriken wurden hier fast schon bilderbuchartig in ein kreatives Konglomerat umgewandelt – wie das wohl nur in einer Stadt geht, in der es noch genügend Leerstand gibt. Im Restaurant „F Hoone“ ist fast jeden Abend jeder Tisch belegt. Draußen, im Innenhof, stehen Holztische und orangefarbene Hartplastikstühle aus den Siebzigern. Die gusseisernen Fabrikfenster im großen Innenraum erstrecken sich fast über die gesamte Höhe, der Backstein ist unverputzt, die alten Veranstaltungsplakate auf dem Weg zur Toilette blättern ab. Auf der Speisekarte stehen Falafel, Kokossuppe und selbstgebrautes IPA-Bier. Wie gesagt: Prenzlauer Berg in den frühen nuller Jahren.

Auf der einen Seite die renommierte Designagentur Velvet, der Coffee-/Biker-Shop „Renard“, die Telliskivi Creative City mit Einrichtungs-, Gedöns- und Biokosmetik- Läden und die Craft-Beer-Butze „Pudel Baar“. Ein paar Kilometer entfernt, im „Narva Café“, tragen die russischen Frauen über sechzig Hut und essen Sahneschnitten. Die Einrichtung ist wie zu Sowjetzeiten: viel Braun, viel Holzfurnier. Die Quarkhefeteilchen schmecken saftig. Nur Englisch nimmt dort niemand in den Mund.

Das „Narva Café“ wird gelobt wegen der altmodischen Atmosphere und der guten Süßspeisen. Foto: Thorsten Konrad
Art déco: Die Kalma Saun ist eine der ältesten Saunen Tallinns. Foto: Thorsten Konrad

Der Übergang von den sowjetischen Altlasten zur estnischen Neudefinition ist wackelig. Denn die Hauptstadt, in der rund ein Drittel der Bevölkerung des Landes wohnt, ist zwar auf dem besten Wege, sich im hohen Alter neu zu erfinden. Das Erbe, das die ständige Besatzung von Russen, Schweden, Dänen und Deutschen hinterlassen hat, ist aber unübersehbar. Man muss es sich wie eine Firmengründung mit immer wechselnden Geschäftsführern vorstellen. Fast drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der UdSSR wird die Leere, die diese hinterlassen hat, angefüllt mit neuen Konzepten. So kommt Tallinn in seinem 100. Gründungsjahr modern und aufstrebend daher, aber keineswegs glatt, sondern mit Ecken und Kanten. Das Spannungsfeld liegt zwischen verlassenen Gebäuden (wie dem stillgelegten Olympiazentrum Linahall am Hafen), den vielen Baustellen, die schicke Büros und Restaurants mit Blick aufs Meer ankündigen, dem trotz aufgewertetem Industriechic noch unterkühlt wirkenden Corporate-Kultur- Quartier Rotermann sowie der mit Unesco-Geldern restaurierten Altstadt. Auf der Halbinsel Kopli, eine halbe Stunde Bahnfahrt vom Zentrum entfernt, hausen noch Obdachlose und Drogenabhängige in verfallenen sowjetischen Industrieanlagen.

Kaire Oja ist Fremdenführerin und begleitet mehrmals wöchentlich deutsche Touristen durch die Altstadt. Die kaufmännische Oberschicht in Reval sprach bis 1889 offiziell Deutsch. Oja hat Germanistik studiert und verbrachte ein Jahr als Au-Pair-Mädchen in Hessen, was ihr fehlerfreies Deutsch heute noch färbt. Mit den roten Haaren und dem blassen Teint erinnert Kaire an Julianne Moore. Sie ist in den Siebzigern in Tallinn großgeworden. „Inzwischen lernen die Kinder schon in der Grundschule Englisch“, sagt sie. „Ich habe damals noch Russisch als erste Fremdsprache gelernt.“ Überhaupt ist das estnische Schulsystem fortschrittlich, stark digitalisiert. „Ich weiß vormittags zu Hause, welche Noten meine Kinder bekommen haben und was sie für Hausaufgaben aufhaben“, sagt Oja. Sie und ihr Mann nutzen auch ein Handy-Parksystem, und wenn sie selbst nicht in die Stadt fahren, bevorzugen sie Taxis von Tesla.

Der Freiheitsplatz ist der Unabhängigkeit der Republik Estland gewidmet und einer der wichtigsten Plätze von Tallinn. Foto: Volker Mehnert

Zum Beispiel an jenem Freitagabend, an dem sie im „Alexander Chef’s Table“ in der Altstadt essen gehen. Das Konzept des Restaurants: intim, informell, interessant. Höchstens 20 Gäste sind beim Sieben-Gang-Dinner mit Amuse-Bouche dabei. Es gibt nur einen einzigen Tisch, der den Raum füllt. Wer zusammensitzt, bestimmen die Gastgeber. Zuvor hat das Team die Gäste gegooglet und in bester Cambridge-Analytica-Manier potentiell gemeinsame Interessen ausspioniert – wie bei einem Dinner, bei dem man niemanden kennt, aber bei dem sich der Gastgeber alle Mühe gibt, Verbindungen zu schaffen. Serviert werden Heilbutt, Ochsenschwanz, Aal und Ziegenkäse. Chefkellner Carlo gießt beherzt Wein nach: „Wenn man guten Wein trinkt, spricht man mehr.“ Am Ende, wenn alle gegangen sind, wird der Süditaliener sagen: „Die Esten sind ziemlich schüchtern und still. Da muss man ein bisschen nachhelfen, dass die Kommunikation in Schwung kommt.“

Martin Breuer, der Geschäftsführer des „Alexander Chef’s Table“ und des Luxusresorts Pädaste Manor auf der Insel Muhu zwei Stunden von Tallinn entfernt, ist von seinem Konzept überzeugt. „Nicht selten haben sich nach einem solchen Abend Geschäfts- oder Privatkontakte ergeben.“ Der niederländische Unternehmer kam selbst schon Mitte der Neunziger nach Estland und war fasziniert, welche Möglichkeiten sich ihm hier boten. Seitdem ist er geblieben.

Erlebnisgastronomie: Im Restaurant „Alexander Chef's Table“ in der Altstadt wird das Dinner zum Date. Foto: Thorsten Konrad

Seinem ehemaligen Chefkoch Matthias Diether ging es ähnlich. Bevor er Anfang 2016 nach Estland auswanderte, war er im einstigen Sternerestaurant „First Floor“ an der Budapester Straße in Berlin beschäftigt. Als er das Angebot aus Tallinn bekam, musste er zwar erstmal googlen, wo das genau liegt, war aber schnell offen für den Wechsel. „Berlin ist stressig und, was die Gastronomie angeht, übersättigt. Mein Beruf ist auch 120 Prozent Stress. In Tallinn muss ich mir wenigstens um nichts anderes Sorgen machen.“ Seit kurzem arbeitet Diether nicht mehr im „Alexander Chef’s Table“. Weil er aber Frau und eine einjährige Tochter hat, will er in Tallinn bleiben. „Für die Kleine ist es sicherer, hier aufzuwachsen.“ Ob er damit die Überwachungskameras im Stadtzentrum meint? Außerdem mag Diether die zurückhaltende Art der Esten. Vom Boom der Stadt will er vom Sommer an mit einem eigenen Restaurant in Tallinn profitieren.

Quelle: F.A.Z.