Modernes Glasdesign

Faszination aus dem Feuer

Von Jasmin Jouhar
 - 10:58
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Kerle mit starken Oberarmen, schweres Werkzeug, ein Ofen, der brennt wie das Höllenfeuer: Glas wird in eine archaische Welt geboren. Aber wer einmal erlebt hat, wie Glasbläser behende orange glühende Glasmasse an der Pfeife durch die Werkstatt balancieren und sich wortlos gegenseitig zur Hand gehen beim Blasen, Ziehen, Drehen, Schneiden, der fühlt sich an ein minutiös einstudiertes Ballett erinnert. Ein Tanz auf dem Vulkan, mit keinem anderen Handwerk vergleichbar. Am Ende des Herstellungsprozesses stehen hauchzarte Trinkgläser, farbige Vasen oder Leuchten, denen nicht mehr anzusehen ist, dass ihre Schöpfer stundenlang in lebensfeindlicher Umgebung arbeiten mussten.

Schon vor rund 3500 Jahren begannen Menschen, aus Sand Glas zu gewinnen. Doch das Material fasziniert bis heute und inspiriert zeitgenössische Gestalter zu immer neuen Entwürfen. Unerlässlich ist dabei, traditionelle Techniken zu studieren und eng mit Glasmeistern zusammenzuarbeiten.

Johannes Schön kennt den Trick schlechthin, ohnehin schon schöne Glasobjekte noch ein bisschen schöner wirken zu lassen: Man stelle sie ans Fenster, ins Sonnenlicht. Dann scheinen die Farben schier zu explodieren, bräunliches Glas wirft plötzlich gelbe Schatten und reflektiert zugleich ein Bild des blauen Himmels. „Glas ist Licht und Farbe“, sagt Schön, der für das kanadisch-deutsche Designunternehmen Bocci arbeitet. Damit bringt er die Faszination des Materials auf den Punkt. Glas ist nie langweilig, weil es sich mit seiner Umgebung verändert. Es hat zugleich Tiefe und Oberfläche, es ist kühl und glatt und kann doch große Wärme ausstrahlen. Bocci überrascht seit 2005 mit ungewöhnlichen Leuchten, für die Mastermind und Gründer Omer Arbel mit Glas, aber auch mit Metallen oder Porzellan experimentiert. Bocci-Leuchten sind handwerkliche Unikate, in Serie gefertigt. Scheinbar ein Widerspruch, der jedoch gerade ihren Reiz ausmacht – ob als Einzelstück am Bett oder als imposanter Lüster in der Lobby. Jetzt hat Arbel unter dem Label „OAO Works“ seine Erfahrung auch für andere Glasobjekte genutzt. Die von ihm ursprünglich für Leuchten entwickelte Technik, Glas in Kupfergeflecht zu blasen, taucht bei einer Vasenserie namens „84.2“ wieder auf. Es entstehen delikate Details, wenn das flüssige Glas durch das Netz dringt und sich das Metall durch die Hitze verfärbt. Keine ist wie die andere, gerade in der Abweichung liegt der Reiz dieser Schaustücke.

Tradition und Handwerk in einer virtuellen Welt

Während die Vasen in der Bocci-Werkstatt in Vancouver entstehen, lässt Arbel die Serie 31.3. im traditionellen Glasland Tschechien herstellen. Die dortigen Glasmacher wollten zwar nicht verraten, welche Rezepturen sie für ihre schillernden Farben verwenden. Aber sie erklärten sich bereit, die Objekte für OAO Works in ihrer Werkstatt herzustellen. So umweht das Set aus 31 farbigen, polygonalen Gläsern und Glasprismen in unterschiedlichen Größen eine Aura von Mysterium, von seit Generationen gehütetem Geheimwissen. Die Glasobjekte können frei arrangiert werden, als zentrales Stück auf der Tafel oder als Blickfang auf der Kommode. Aber wer möchte, kann seinen Gästen in den fünfeckigen Gläsern auch den Aperitif servieren. Solche Entwürfe entstehen natürlich nicht aus dem Nichts. Arbel experimentiert seit vielen Jahren mit seinem Lieblingsmaterial und schart eine kreative Gemeinschaft um sich. Glasmacher natürlich, aber auch andere Handwerker, Chemiker, Physiker, Künstler oder Architekten haben Teil am Entwicklungsprozess. So schafft er es, dem uralten Material neue Facetten abzugewinnen. Etwa mit der Bocci-Leuchte „87“ von 2017, für die Arbel Glasbänder so zieht und faltet, dass Schlaufen daraus entstehen. Lufteinschlüsse sorgen für den besonderen Schimer. Die Inspiration dazu kam ihm, als er die Glasmacher der Pilchuck Glass School in der Nähe von Seattle in der Werkstatt beobachtete. Man hört, dass sich auch die Granden der Glaskunst Venedigs schon für diese Technik interessiert haben.

„Wir arbeiten daran, die Grenzen dessen, was das Material hergibt, auszudehnen und gleichzeitig die traditionellen Techniken zu würdigen“, sagt Maxim Velcovsky. „In unserer virtuellen Welt ist wichtig für uns, auf der Geschichte aufzubauen und das Handwerk weiterzuentwickeln. Vor gar nicht langer Zeit wäre die tschechische Glaskunst beinahe verschwunden.“ Velcovsky ist Designer und Artdirector von Lasvit, einer 2007 in Tschechien gegründeten Glasmarke. Heute beschäftigt Lasvit rund 400 Mitarbeiter und lässt in der traditionsreichen Glasregion Böhmen Leuchten, Tableware und Möbel fertigen. Dazu kommen architektonische Glaselemente und spektakuläre, maßgeschneiderte Rauminstallationen, etwa für Hotels. Einen Teil der Designs konzipiert Velcovsky mit seinem Team bei Lasvit, außerdem arbeitet die Marke mit externen Gestaltern zusammen, darunter so bekannte Namen wie Nendo, Alessandro Mendini, Maarten Baas, Yabu Pushelberg oder auch der jungen deutschen Designerin Milena Kling. Während der weltgrößten Möbelmesse Salone del Mobile im April in Mailand avancierte Lasvits Inszenierung „Monster Cabaret“ zum Publikumsliebling. Das Label hatte das frisch renovierte, plüschige Puppentheater Teatro Gerolamo unweit des Doms in ein Monster-Tollhaus verwandelt. Auf allen Ebenen des Miniaturtheaters zeigten die Tschechen ihre Leuchten, Gläser und Objekte, aufgemischt von wilden Gestalten. Nicht jeder wird sich gleich eine Monsterskulptur des niederländischen Designers Maarten Baas ins Regal stellen, aber der besondere Ort und die aufwendige Inszenierung bereiteten den Lasvit-Produkten eine gute Bühne.

Auch in Deutschland hat die handwerkliche Glasverarbeitung eine lange Tradition. Die Glasmanufaktur von Poschinger im Bayerischen Wald etwa gibt es seit 1568 – die Glasmacher produzieren heute unter anderem den Glasfuß für Sebastian Herkners Classicon-Bestseller „Bell Table“. In München wiederum wurde 1887 die Bayerische Hofglasmalerei Gustav van Treeck gegründet, die auf Glasmosaik und -malerei spezialisiert ist. Häufig erledigt die Werkstatt Aufträge für Künstler oder die Denkmalpflege. Doch vor drei Jahren starteten die jungen Geschäftsführerinnen Katja Zukic und Raphaela Knein eine neue, zeitgenössische Designlinie unter dem Namen Edition Van Treeck. Die Münchner Desigerin Ayzit Bostan beispielsweise hat für die Edition eine Fliesenkollektion entworfen, die aus geschmolzenem Glas in verschiedenen Stärken besteht. Farben und Details wie Lufteinschlüsse variieren von Fliese zu Fliese. Ähnlich hat Sebastian Herkner gearbeitet, als er für seinen „Pastille Table“ Tischplatten aus miteinander verschmolzenen Glasscheiben entwickelte. Das Ergebnis mag manchen an seine Kindheit erinnern, an die bunten, durchsichtigen Lutscher, die es früher an jedem Kiosk gab. Das neueste Stück aus der Edition ist eine Zusammenarbeit von Grafikdesigner Mirko Borsche mit dem Designteam Relvãokellermann. Borsche hat mittels Airbrush-Technik Glasscheiben in malerische Farbverläufe getaucht, Ana Relvão und Gerhardt Kellermann wiederum haben die Scheiben mit Konstruktionen aus Metall so gefasst, dass abstrakte Möbelformen wie Stühle oder Tische entstanden sind. Zugegeben, die fast schon künstlerischen Objekte sind nicht gerade für den Massenmarkt geeignet. Aber sie beweisen: Auch wenn Menschen schon seit Jahrtausenden Glas herstellen, die Möglichkeiten des Materials sind noch lange nicht ausgereizt.

Quelle: F.A.S.
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