Gefährliches Oberrohr

Abgesang aufs Herrenrad

Von Michael Stabenow, Brüssel
 - 07:38
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In keinem anderen europäischen Land hat sich die im 19. Jahrhundert entdeckte Spezies der Zweiräder mit Pedalantrieb besser ausbreiten können als in den Niederlanden. Für das Stahlross galt im Land der flachen Polder und der nicht allzu steil ansteigenden Deiche lange eine eiserne Regel: Männer benötigen ein mutmaßlich mehr Stabilität bietendes Herrenrad mit hoch sitzendem Oberrohr, Frauen dagegen ein Damenrad oben ohne – nicht nur für kleine Rockträgerinnen schon aus praktischen Gründen vorteilhafter.

Ausgerechnet in den „Fiets“-Stammlanden soll die klassische Zweiteilung bald der Vergangenheit angehören. Nicht, weil sie dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau widerspräche. Vielmehr führen die niederländische Vereinigung für Verkehrssicherheit und die Jugendorganisation Team Alert, die dieser Tage gemeinsam den Abgesang auf das Herrenrad angestimmt haben, das Wohl der auch im Zeitalter zahlreicher hosentragender Frauen überwiegend männlichen Benutzer an.

„Ein Kerl fährt einfach auf einem Männerrad“

Ihre Forderung stützen die Herrenrad-Kritiker insbesondere auf Erkenntnisse des schwedischen Instituts für Verkehrssicherheitsforschung. Demnach hat, wer hoch zu Rad und mit Querstange daherkommt, ein größeres Risiko von Kopfverletzungen durch Stürze als Benutzer von Damenrädern. Besonders gilt dies offenbar für ältere Radler und – meist jüngere – Väter, die ihren Spross auf einem montierten Kindersitz transportieren. Erschwerend kommt dazu, dass bei klassischen Tourenrädern – anders als bei Rennrad oder Mountainbike – Schutzhelme in den Niederlanden nur selten zur Standardausrüstung zählen. Bei Stürzen mit Damenrädern treten im Allgemeinen eher Verletzungen am Becken oder den Schultern als am Kopf auf.

Nicht nur in den Niederlanden, auch in Belgien sorgt die Debatte für und wider das Herrenrad für Wirbel. Dass Männer in der Unfallstatistik überdurchschnittlich häufig auftauchen, habe wenig mit der Form des Fahrrads zu tun, sagte Stef Willems vom belgischen Institut für Verkehrssicherheit. „Wer mehr Kilometer zurücklegt oder schneller fährt, hat ein höheres Risiko eines Unfalls mit Verletzungen“, sagte er dem „Standaard“. Im niederländischen „Dagblad van het Noorden“ ereiferte sich dagegen der Rentner und Herrenrad-Fan Gerrit Schuiltinga, er habe keine Zeit, sich mit dem Thema auseinandersetzen: „Ein Kerl fährt einfach auf einem Männerrad.“

Andererseits zeigt sich im Straßenbild, dass nicht wenige jüngere Geschlechtsgenossen dem Herrenrad abgeschworen haben. Yolanda Sjoukes, Redakteurin der Zeitung „BN De Stem“ und Mutter eines zwölf Jahre alten Jungen, hat längst eine Trendwende zum bequemeren Damenrad ausgemacht. „Jugendliche wissen das längst. Sie laufen massenhaft zum Oma-Rad über.“ Dennoch lobt sie die Vorzüge des Herrenrads: „Schön, bei dem starken Freund vorne auf der Stange zu sitzen nach einer Fete – romantischer kriegst du solche Augenblicke nicht hin.“

Sightseeing per Rad
Eine Fahrradtour durch Amsterdam
© Reuters, Deutsche Welle
Quelle: F.A.Z.
Michael Stabenow - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Stabenow
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.
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