Hotel The Chedi Muscat

Hektik gilt in Oman als unfein

Von Franziska Horn
 - 10:50
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Mit rund vierzig Grad Celsius ist es in Muscat, der Hauptstadt Omans derzeit zu warm. Als der Flieger am frühen Abend im Morgenland landet, ist es bereits dunkel. Hier in den Tropen, nicht weit vom Äquator, sind die Tage beinah so lang wie die Nächte. Das Flugzeug öffnet seine Türen, wie eine Wand trifft die feuchtwarme Luft das Gesicht. Mit dem Taxi geht es auf breiten Highways durch das weitläufige Muscat, vorbei an neuen, hell erleuchteten Gebäuden. Geländegängige, chromblitzende Geländewagen füllen die Straßen, gesteuert von Männern in blütenweißen Dishdashas, den typischen bodenlangen Gewändern.

Das Taxi rollt durch das Viertel Ghubra in Richtung Meer, entlang der Straße des 18. November. Dieses Datum ist der Geburtstag von Sultan Ibn Qabus, inzwischen 75 Jahre alt. Der Sultan ist geistiger Führer, Staatsfürst und Vaterfigur. Seine Landsleute verehren ihn wie einen Halbgott, weil er den Westen versteht. Er hat das Land vom Mittelalter in die Moderne katapultiert, in nur 45 Jahren, und Oman zu einer stabilen Bastion im Nahen Osten gemacht. Öl ließ das Land reich werden, touristisch setzt es strategisch auf Luxusklasse. Ein Beispiel ist The Chedi Muscat, ein Fünf-Sterne-Haus. Und für zwei Nächte unser Hotel.

Der orientalische Ursprung der Fläzkultur

Die schmale Straße führt im Dunkel der Nacht auf hell schimmernde Wohnwürfel zu, umgeben von einer Mauer. Das ist Tradition. Frei stehende Häuser, meist ein bis zwei Geschosse, darum ein Gürtel aus Stein, damit die Frauen nicht von außen gesehen werden. Wir passieren die Einfahrt. Dahinter ein Rondell mit Brunnen, ein Spitzbogen birgt den Eingang zum Empfang. Wir sind da. Das hier ist Arabien – ein glückliches Arabien? Zumindest scheint die orientalische Welt, seit je Sehnsuchtsland des Westens, hier in Ordnung. Ein Bediensteter öffnet die Autotür, er trägt Dishdasha und Khanjar, einen kleinen, silbern ziselierten Krummdolch, der im Gürtelbund steckt und zur omanischen Tracht gehört. Gleich hinter der Rezeption rahmen beleuchtete, meterhohe Wandpaneele ein kleines Ölgemälde – das allgegenwärtige Konterfei des Sultans. Streng und gütig ruht sein Blick auf den Reisenden.

Die Lobby öffnet sich in einen übergroßen Raum, überdacht von weitläufigen Zeltbahnen – eine Hommage an das orientalische „Majlis“, das Versammlungszelt nach alter Beduinen-Tradition. Im Majlis sitzen Männer und Frauen getrennt auf Matratzen am Boden, trinken Kaffee oder essen – mit der rechten Hand, auch „Gottes Hand“ genannt, denn die linke gilt als unrein. Das Majlis ist das, was wir Wohnzimmer nennen. Von dieser heimischen Wohnkultur erzählt die Lobby. In ihrer Mitte prangt eine Insel aus Kissen, eine wahrlich einladend-ausladende Sofalandschaft. Wir erinnern uns: Sofas und Diwane stammen ursprünglich aus dem Orient, dort liegt der Ursprung der bei uns so beliebten Fläzkultur. Über der Sofainsel schweben rote und naturfarbene Lampions. Ein Arkadengang umgibt den großen Raum, in seinen Nischen birgt er Sitzgruppen aus Korbstühlen.

Viele verknüpfen mit dem Orient stilistische Üppigkeit, ausschweifend-überbordende Farben und Formen. Es gibt sie, die östliche Opulenz, auch hier, wie ein Gang über den flirrend bunten Souk von Alt-Muscat beweist. Nicht so das Chedi. Unter seinem Dach verbindet sich der Nahe mit dem Fernen Osten, und das ziemlich gekonnt: reduzierte Linien, strahlend-minimalistisches Weiß, sparsam gesetztes Dekor. Und wenn, dann authentisch: Tonkrüge, stilisierte Bögen, schlichte Arabesken. Eng verknüpft mit dem religiösen Gebot, sich kein Abbild von Allah zu machen, hat die omanische Kultur schlicht-schöne Formen entwickelt und sie mit reduziertem Dekor versehen. Florale oder geometrische Ornamente sind Teil der arabischen Kultur.

Ruhe liegt über den Bauten des Areals mit ihren geraden Linien, über den weiten grünen Gärten und Hecken der Anlage, die sich mit Wasserbecken abwechseln. Vögel zirpen aus den Palmblättern, ein sanftes Plätschern ist aus den Brunnen zu hören. Darüber spenden haushohe Dattelpalmen Schatten und malen grafische Muster an die weiß schimmernden Wände. Das Wasser und das Grün sind der wahre Luxus in einem Land, das zu einem Großteil aus Steinwüste besteht.

Der längste Pool des Nahen Ostens

Steinerne Wege führen zu den Zimmern und Suiten, die in der weiten Anlage verstreut sind. Suite Nummer 1004 liegt ebenerdig in einem weißen Wohnwürfel mit vier Einheiten. Eine grüne Eidechse huscht die gleißend helle Hauswand hinauf. Hinter der Tür empfangen uns 67 Quadratmeter gediegene Gastlichkeit. Gedeckte Töne und Stoffe, Naturstein, schimmernde Holzböden. Zum Empfang begrüßen schokolierte Erdbeeren und kalt gestellter Champagner den Gast. Das ist etwas Besonderes, denn nicht jedes Hotel besitzt eine Konzession für Alkohol. Darüber hinaus überrascht die Suite mit einer eigenen Bar mit Gin, Wodka und Whisky in Glasflakons. Und liefert als Grundlage dazu geröstete Nüsse, Pistazien und Salzmandeln, auch getrocknete aromatische Aprikosen gibt es.

Im Bad weckt eine in den Boden eingelassene Wanne aus dunklem Stein spontan die Lust auf entspanntes Planschen – wären da nicht die vier beeindruckenden Außenpools, die The Chedi zu bieten hat, darunter der Long Pool, der mit 103 Metern der längste Pool des Nahen Ostens sein will. Wie eine Wasserstraße weist das schmale Becken in Richtung Meer und zum Horizont, wo der arabische Golf Erde und Himmel trennt. „Wir kühlen die Pools auf etwa 27 Grad ab, sie enthalten nur sehr wenig Chlor, dafür fünf Prozent Salzwasser“, erzählt Christoph Girsch, Executive Assistant Manager, bei einem Rundgang. Jetzt am Abend spiegeln sich die Lichter im Wasser des eindrucksvollen Longpools. Wir liegen dahingestreckt auf geflochtenen Pool-Betten, während sich Lichtreflexe im Cocktailglas sammeln und ein Kellner japanische Köstlichkeiten aus der Serail Bar auftischt: Bei Edamame und King Crab Tacos, bei Wagyu Beef und Sushirollen spüren wir, dass wir dem Land des Lächelns schon ein Stück näher sind.

Drei Pools hat The Chedi. Neben dem überlangen Superlativbecken gibt der sogenannte Familienpool ein weiteres, lohnendes Fotomotiv ab. Symmetrisch rahmen Palmen das Rechteck, ihr Abbild spiegelt sich auf der glatten Oberfläche des Wassers wider, darüber spannen sich weiße Sonnensegel – man kann sich nicht entschließen, ob man gleich ins Nass springen und damit die stoische Ruhe aufrühren oder doch noch eine weitere ausgeklügelte Fotoperspektive suchen soll. Am nahen Strand liegt der dritte Pool. Mit Infinity-Effekt: Vom Rand aus meint man, das eher kleine Becken mit dem dahinter liegenden Meer zu einer unendlichen Fläche verschwimmen zu sehen. „Über acht Hektar Größe hat das gesamte Areal, an die vierhundert Mitarbeiter arbeiten hier“, sagt Christoph Girsch. „Darunter sind viele Inder, Pakistani und Asiaten. Natürlich auch Omani – seit der Omanzation Act von 1988 geregelt hat, dass ein Prozentsatz der Angestellten einheimisch sein muss.“ Dazu gibt es sechs Restaurants und zwei Lounges für fast alle Geschmäcker: arabisch, indisch, europäisch und asiatisch. Diese Speisekarte zeigt, dass man sich hier auf einer Drehscheibe zwischen den Kontinenten befindet. Daher ist Oman auch ein Stück gelebte Multikulturalität: „Wenn man Afrika, Indien und Arabien in den Cocktailshaker gibt, kommt Oman bei raus“, sagt Christoph Girsch. Schon traditionell war Oman ein weltoffenes Land und hatte Kolonien in Sansibar, während später Portugiesen die Küsten beherrschten. Bis heute gilt: Was rund ist, ist portugiesisch – mit Blick auf die Grundrisse der Wachtürme an der Küste. Was eckig ist, deutet auf islamische Baukultur hin.

Der nächste Tag beginnt mit einem Frühstück im Freien. Der Innenhof spendet Schatten oder gewährt Sonne, je nach Wunsch. Für das Morgenmahl sollte man sich Zeit nehmen. Es ist einfach zu gut. Und bietet einen kosmopolitischen Streifzug durch die Küchen der Welt, ob asiatisch, europäisch oder arabisch. Nach Ländern sortiert, lockt das Büfett mit frischem Hummus und Früchten aus Fernost, mit zarten Dim Sum und fedrigleichter Misosuppe, mit Tofu und grünem Tee. Mit vietnamesischer Pho und arabischem Foul, eine Art Bohnensuppe mit Linsen. Dazu Labneh, Frischkäse aus Joghurt und Fatousch, einer Art Brotsalat, dazu Tabouleh, Bulgursalat mit Minze, alles mild gewürzt und weniger pikant angerichtet als in den Mittelmeerländern.

Rennen ist fast ein Gesichtsverlust

Zeit zum Genießen und Schauen. Alle bewegen sich hier entspannt und gemessen. „Wer sich langsam bewegt, wahrt seine arabische Würde“, erklärt Manager Girsch. „Rennen“, sagt er, „ist hier fast schon so etwas wie Gesichtsverlust.“ Und dass Hektik ja auch keinen Sinn habe bei der Hitze. „Hektik macht müde, Hitze ebenfalls. Und: So eine Dishdasha erlaubt gar nicht, dass du große Schritte machst.“ Bis zu 45 Grad hat es hier im Sommer, bei einer Luftfeuchtigkeit bis zu 85 Prozent. Die beste Reisezeit für Oman ist von Oktober bis April.

Die Sonne steht inzwischen schräg, der Horizont wirkt leicht dunstig und verwischt, Himmel und Meer gehen ineinander über. „Ab und zu schwimmen riesige Schildkröten oder Buckelwale draußen auf dem Meer vorbei“, sagt Christoph Girsch. Seit 2009 arbeitet der Oberösterreicher hier im Haus. Der eigene sandige Hotelstrand zieht sich über die gesamte Breite des Areals, das Wasser ist handwarm. Ein paar Bahnen im Meer, kleine Fische springen haarscharf am Kopf der Schwimmer vorbei. Weit draußen ziehen Frachter vorüber. Im Pavillon am Strand übt sich eine Yoga-Klasse in asiatischer Gelassenheit. Der späte Nachmittag ist die beste Zeit für einen Besuch in der Bücherei der Club Lounge. Ein hoher Raum mit Ruheinseln, Sofas, einem Büfett mit Käse, Nüssen, Kaffee und Tee. Während der heißesten Zeit des Tages kann man hier in einem von fünftausend Bänden vor sich hin schmökern, bis der Zeitpunkt für die Spa-Behandlung näher rückt.

In Nähe des Long Pools liegt das Spa des Chedi. Mit 1500 Quadratmetern ist es das größte von Muscat. Masseurin Henny stammt aus Indonesien, hat zuvor in Dubai gearbeitet und sich auf balinesisches Treatment spezialisiert, es besteht aus sanftem Druck und Dehnen und einem Duft der Wahl: Zitronengras steht für Reinheit. Sie beginnt mit einem Fußbad, gefolgt von einem Peeling mit Himalajasalz, dann einmal Durchkneten von Kopf bis Fuß. Wen die arabische Gelassenheit bis jetzt nicht erwischt hat, den streckt sie spätestens jetzt vollends nieder. Sehr diskret und feinfühlig macht Henny das, während der Blick des Gasts sich in den grauen Nuancen des Terrazzobodens verliert. Später geht es tiefenentspannt in den Ruheraum – der sich als überirdisches Highlight entpuppt: Eine silbern ausgeschlagene Kuppel schwebt wie ein Firmament über diesem Entspannungstempel mit seinen fünf Meter hohen Wänden. „Sonne-und-Mond-Raum“ wird er genannt. Darin Daybeds aus Rattan, von denen wir ermattet, aber stoisch aufs arabische Meer hinausschauen, flankiert von rauschenden Wipfeln des Palmenhains. Möwen flitzen vorbei, sphärische Musik dringt ins Ohr. Das hier scheint der richtige Ort für eine Wiedergeburt – ob asiatisch, indisch, europäisch oder universal, ist auch schon egal.

Rundum erneuert schreiten wir zur Blauen Stunde zum Abend-Dinner ins Beach Restaurant. Als Vorspeise kommt ein Carpaccio von Jakobsmuscheln auf den Tisch, zur Abkühlung ein Sorbet, früher Scherbett genannt, eine arabische Erfindung übrigens. Dann gegrillter Kannai, ein heimischer Fisch, mit Chili, Mousse au Chocolat und ein Birnensorbet. Fledermäuse schwirren herum, in Bodenschalen brennt offenes Feuer, der Gesang des Muezzins ertönt von den rundum liegenden sunnitischen und schiitischen Moscheen. Oman mit seinen hier herrschenden Ibaditen praktiziert einen gemäßigten, bescheidenen Islam, der für Toleranz steht. Sowohl Hindi als auch Christen leben im Land. „Wenn man das Hotel bei Tag oder Nacht anschaut, meint man verschiedene Gebäude vor sich zu haben“, bemerkt Manager Christoph Girsch. „Die Eindrücke ändern sich extrem mit dem Licht.“ Jetzt im Dunkel scheint der Traum von Tausendundeiner Nacht perfekt – auf eine gar nicht kitschige Art, die längst im Jetzt angekommen ist und noch dazu von echten Traditionen erzählt.

Wüste, Berge und Meer

Die Anreise zum Beispiel mit Swiss ab Berlin, Düsseldorf, Dresden, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig/Halle, München, Nürnberg oder Stuttgart über Zürich. Info unter swiss.com Das Touristenvisum kostet für einen Monat 6 Rial (etwa 11 Euro). • Das Land: Oman ist eines der am dünnsten besiedelten Länder der Erde, hier leben 3,2 Millionen Einwohner auf einer Fläche, die beinahe so groß wie Deutschland ist und überwiegend aus Wüste, Halbwüste und Gebirge besteht. • Das Hotel: The Chedi Muscat, North Ghubra 232, Muscat. Es gibt fünf Kategorien an Zimmern: Serai-Superior Zimmer, Deluxe-Zimmer, Club Suite, Deluxe Club Zimmer, Serai Superior Sea View Rooms. Das Deluxe-Standardzimmer von 39 Quadratmetern kostet ab 290 Euro pro Nacht. Im Internet unter lhw.com/hotel/The-Chedi-Muscat-Muscat-Oman

Quelle: F.A.Z.
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