Garden Squares in London

Wie ein Pragmatiker Landschaftsgärten erfand

Von Gina Thomas
 - 14:33

Unter Londonern, die über ein bestimmtes Einkommen verfügen, gibt es ein Objekt der Begierde: den Schlüssel zu einem der zahlreichen eingezäunten Gärten, die den Innenhöfen von Blockrandbauten gleichen. Diese Plätze gehören zu den Besonderheiten einer Metropole, deren Mangel an architektonischer Schönheit fremde Besucher wie Theodor Fontane immer wieder frappiert hat.

Schon im Mittelalter, lange bevor sich die Öffentlichkeit regte, um Parks und Plätze vor der rapide fortschreitenden Urbanisierung zu schützen, lange auch, bevor William Pitt der Ältere den inzwischen allgegenwärtigen Begriff von den Parks als Lungen der Stadt formulierte, hatte das Bedürfnis nach einem Stück „rus in urbe“ Niederschlag gefunden in den sogenannten „garden squares“, die das Gesicht Londons bis heute prägen und die mehr oder weniger anarchische Agglomeration wie ordnende Satzzeichen strukturieren.

Ein exklusiver Club

Der Zugang zu den von Häuserzeilen eingefassten gemeinschaftlichen Grünflächen, der den Wert einer Immobilie um bis zu zwanzig Prozent steigern kann, ist oft den Bewohnern der umliegenden Häuser vorbehalten. In manchen Fällen sind nur Hausbesitzer oder Mieter, die nicht weiter als hundert Yards, also rund neunzig Meter, vom Eisengitter des Gartens entfernt leben, berechtigt, einen Schlüssel zu beantragen. Eines solchen „Sesam öffne dich“ habhaft zu sein kommt somit der Mitgliedschaft in einem exklusiven Club gleich.

In dem kuriosen Zwitter aus öffentlichem und privatem Raum spiegeln sich freilich auch die feudalen Londoner Besitzverhältnisse, die sich in der Form des weitläufigen Grundeigentums einiger Adelsfamilien bewahrt haben: den Herzögen von Westminster, Bedford und Portland oder dem Grafen Cadogan, deren Vorfahren ihre Ländereien meist im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert von Baugesellschaften erschließen ließen, um sich eine Rendite aus dem Grundzins für die verpachteten Immobilien zu sichern.

Gärtnerei als Notlösung

Einer der größten und von der Anlage her abwechslungsreichsten innerstädtischen Gärten ist der Russell Square in Bloomsbury, der, wie viele der benachbarten Straßen und Plätze in dem Geflecht rund um das British Museum und die Londoner Universität, nach Mitgliedern des Geschlechts benannt ist, aus dem die Herzöge von Bedford hervorgegangen sind. Obwohl von der Bezirksverwaltung in Pacht genommen, gehört der Russell Square bis heute zu den Liegenschaften der Familie, deren von Inigo Jones entworfene Londoner Residenz einst hier stand. Sie wich mit den dazugehörigen Gärten, nachdem der Inhalt versteigert war, der von dem fünften Herzog in Auftrag gegebenen, von dessen Bruder fortgesetzten Entwicklung des damals noch ländlichen Bloomsbury zu einem gehobenen Wohngebiet.

Mit der Gestaltung des Platzes wurde Humphry Repton (1752 bis 1818) betraut, der als Schöpfer der Berufsbezeichnung „Landschaftsgärtner“ gilt, obwohl er keinerlei Qualifikationen in dieser Richtung vorzuweisen hatte. Der kunstsinnige Sohn eines Steuereintreibers war für den Textilhandel ausgebildet worden. Das Geschäft lag ihm jedoch nicht. Für das Leben des gebildeten Gutsbesitzers, das seinen Neigungen entsprach, reichten die Mittel wiederum nicht aus. Verschiedene Berufspläne scheiterten, bis er, inzwischen sechsunddreißig Jahre alt, im August 1788 nach einer schlaflosen Nacht, in der ihm die Idee „mit der vagen Ungewissheit eines Traumes“ in den Sinn kam, beschloss, sich als Landschaftsarchitekt zu etablieren.

Geschickter Vermarkter seiner selbst, pries sich Repton beim Adel und dem aufkommenden Bürgertum als selbsternannter Nachfolger des 1783 gestorbenen Gartenkünstlers „Capability“ Brown an. Ob aus Opportunität oder Überzeugung wandte er sich dann jedoch zunehmend der romantischen Vorliebe für pittoreske Effekte zu. Denn die Romantiker empfanden die arkadischen Kompositionen des seligen Brown mit ihren weitläufigen Rasenflächen und geschmeidigen Ansichten ihrerseits als derart künstlich, phantasielos und nichtssagend, dass einer seiner schärfsten Kritiker die Hoffnung geäußert hatte, vor ihm zu sterben, weil er den Himmel erleben wollte, ehe Brown ihn vervollkommne.

Jane Austen erwähnte ihn

Reptons Markenzeichen dagegen waren die in rotem Leder gebundenen Bücher, die er für seine Auftraggeber schuf. Darin führte er mit detaillierten Vorher-nachher-Aquarellen und ausführlichen Erläuterungen vor, wie er den Besitz repräsentativ umzugestalten und das Haus möglichst vorteilhaft in Szene zu setzen gedenke. Sein Erfolg lässt sich nicht zuletzt daran messen, dass Jane Austen ihn noch zu seinen Lebzeiten in ihrem Roman „Mansfield Park“ namentlich erwähnte, und zwar als den begehrtesten Landschaftsverschönerer, der Höchsthonorare verlangen konnte.

In Woburn Abbey, dem Landsitz der Herzöge von Bedford, dessen Parkanlage eines der am besten erhaltenen Beispiele von Reptons gartenkünstlerischen Vorstellungen ist, zeigt eine Ausstellung anlässlich seines zweihundertsten Todestages, wie er einen eklektischen Stil entwickelte, der dem Bedürfnis nach malerischen Inszenierungen der Natur ebenso entsprach wie dem naturwissenschaftlichen Interesse an exotischen Pflanzen und dem wiedererwachten Verlangen nach förmlicheren Verzierungen, die zu Browns Zeiten verbannt waren.

In der Beschreibung seiner Pläne für den Russell Square äußerte Repton die Hoffnung, dass der Platz künftigen Generationen zeigen möge, wie die Kunst der Landschaftsgärtnerei zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nicht von wunderlichen Einfällen geleitet worden sei, sondern „auf der gebotenen Berücksichtigung des Nutzens und der Schönheit beruhte, ohne das sture Festhalten an Formen oder Linien, ob gerade oder krumm oder gewunden“.

Das liest sich heute wie die Grabschrift eines meisterhaften Pragmatikers, der sein Nachleben vor allem durch die roten Bücher sicherte.

Humphry Repton: Art & Nature for the Duke of Bedford. Bis zum 28. Oktober im Landsitz Woburn Abbey der Herzöge von Bedford. Dieser Artikel stammt aus der Feuilleton Live-Ausgabe Gärten, die Jonas Lauströer illustriert hat.

Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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