Natur-Oasen in der Hauptstadt

Im grünen Himmel über Paris

Von Margit Kohl
 - 07:19
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Wie durch einen Luftzug aufgewirbelt, fliegen plötzlich achthundert Blätter durch den lichten Raum der Eingangshalle. Es wirkt beinahe so, als hätte man sie alle beim Betreten der Lobby durch das Ingangsetzen der Drehtür in Bewegung versetzt. Doch die sogenannten tanzenden Blätter sind Teil einer Skulptur, die tschechische Glasspezialisten vom Atelier Lasvit fast unsichtbar Blatt für Blatt an durchsichtigen Nylonfäden als Laubkaskade im Raum verankert haben. Diese mundgeblasenen Kristallblätter in der Lobby des Peninsula sollen einen Bezug herstellen zu den vielen Platanenbäumen, die draußen vor dem Palasthotel die Avenue Kléber und die Champs-Elysées säumen.

Geht es nach einer Initiative der Stadt, will man bis zum Jahr 2020 nicht nur zwanzigtausend neue Bäume und weitere dreißig Hektar öffentlich zugängliche Grünflächen pflanzen, sondern auch einhundert Hektar auf Dächern und an Häuserwänden begrünen. Das Peninsula hat deshalb gleich die Gärtner auf seine riesige Hoteldachterrasse geschickt, schließlich verfügt das Haus auf dem dreistöckigen Dach über viele Steilgiebel, Mansarden, Balkone und Terrassen, die reichlich Platz für Pflanzen bieten. Nicht nur Restaurantbesucher können jetzt hier oben zwischen Buchsbäumen, Oleander, Lavendel und kleinen Rasenflächen flanieren. Die im Dachbereich gelegenen fünf Luxus-Suiten haben nun sogar Privatgärten bekommen. Ausgebucht sind sie regelmäßig zur Fashion Week, denn von hier oben hat man einen gigantischen 360-Grad-Panoramablick über die ganze Stadt mit Eiffelturm, Arc de Triomphe, Montmartre und Sacré-Coeur. Vor dieser Szenerie machen sich spektakuläre Modeaufnahmen quasi wie von selbst.

Die grandiose Kulisse über den Dächern von Paris faszinierte hier oben Besucher bereits 1908. Seinerzeit hieß das Hotel noch Majestic und war schon damals für seine ausgesprochen große Dachterrasse stadtbekannt. Die Besucher kamen aber nicht nur wegen des fantastischen Ausblicks. Verlockend war vor allem die Möglichkeit, hier oben der Geburtsstunde der Fliegerei beizuwohnen. Auf historisch erhaltenen Aufnahmen ist zu sehen, wie elegant gekleidete Pariser auf der Dachterrasse beobachteten, wie Flugpioniere in kleinen Doppeldeckern über die Stadt schwebten. Nichts faszinierte Frankreich seinerzeit mehr als die Fliegerei, schließlich steuerte der Franzose Léon Delagrange bereits 1908 den weltersten Passagierflug, und Louis Blériot überflog ein Jahr später erstmals den Englischen Kanal. In Frankreich ist man überdies bis heute fest davon überzeugt, dass zwei Franzosen auch die ersten Atlantiküberquerer waren. Charles Nungesser und François Coli starteten 1927 nur wenige Tage vor Charles Lindbergh den ersten Nonstopflug von Paris nach New York. Das Dilemma dabei war nur, dass die beiden spurlos verschwanden, kurz bevor sie auf dem nordamerikanischen Kontinent zur Landung ansetzen konnten. Nach ihrem Doppeldecker „L’Oiseau Blanc“ – „Weißer Vogel“ – ist heute das Dachterrassenrestaurant des Peninsula benannt.

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Atemberaubende StuntsParkour über den Dächern von Paris

„Madame la Maire“ hat den Autos den Kampf angesagt

Die charakteristische graublaue Farbe der Dachlandschaft taucht die Stadt oft in ein sanft-melancholisches Licht, denn die meisten Altbaudächer sind kunstvoll aus Zink und Schiefer gefertigt, während über ihren vielen Gauben, Kuppeln und Vordächern tönerne Schlote auf schmalen Simsen wie kleine Orgelpfeifen in die Höhe ragen. Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud haben den Dächern von Paris schwärmerische Verse gewidmet, in Chansons wurden sie von Edith Piaf oder Maurice Chevalier genauso besungen wie von Künstlern wie Vincent van Gogh oder Gustave Caillebotte gemalt.

Wenn es nach dem Willen von Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo geht, soll es Besuchern künftig leichter gemacht werden, einen Blick auf Paris von oben zu werfen, denn von Seiten der Stadt will man die beeindruckende Dachlandschaft besser öffentlich zugänglich machen. Geplant sind zusätzliche Aussichtsterrassen, Dachcafés und Terrassenrestaurants, die sich auch Normalsterbliche leisten können, sowie der ein oder andere Obst- und Gemüsegarten. Schließlich will Paris ja grüner werden, denn wie viele andere Metropolen dieser Welt kämpft auch Frankreichs Hauptstadt mit steigender Luftverschmutzung. Und schon lange warnte Oberbürgermeisterin Hidalgo: „Wenn wir nichts tun, dann wird man in Paris bald nicht mehr atmen können.“ Flächenmäßig ist Paris zwar die kleinste der europäischen Hauptstädte, aber zugleich eine der dichtbesiedeltsten. Im Stadtgebiet leben 2,3 und in der Metropolregion gar mehr als zwölf Millionen Menschen.

Als die Luftverschmutzung so hoch war, dass das Feinstaublevel mit achtzig Mikrogramm pro Kubikmeter gleich an mehreren Tagen überschritten war – der Richtwert der WHO liegt bei maximal fünfzig Milligramm –, zog die Stadtregierung die Notbremse. Die sozialistische Oberbürgermeisterin, die sich gerne „Madame la Maire“ nennen lässt, hat seither vor allem den Autos den Kampf angesagt. Schon seit vergangenem Jahr gilt für alle Autos eine Plakettenpflicht. Je nach Alter und Abgasstärke der Fahrzeuge bedeutet dies für ältere Wagen ein generelles Fahrverbot, was allen Dieselfahrzeugen spätestens 2020 blühen soll.

Neubauten mit Mindestmaß an Begrünung

Seit Paris bereits 2013 einen Teil des linken Seine-Ufers für Autos gesperrt hat, ist dort zwischen dem Pont de l’Alma und dem Musée d’Orsay eine 2,3 Kilometer lange Flaniermeile entstanden. In der Seine gibt es seither auf Pontons schwimmende Gärten und Pools oder Hausboote, die als Café, Restaurant, Bar oder Club dienen. Obendrein werden für die Ferienaktion „Paris Plages“ jeden Sommer am Fluss Sandstrände aufgeschüttet und Liegestühle aufgestellt. Damit solch gesteigerte Lebensqualität in der Stadt von Dauer ist, hat Madame la Maire nun auch einen Teil des rechten Seine-Ufers für Autos sperren lassen, was noch immer hitzige Debatten über die innerstädtische Verkehrsführung auslöst. Schließlich heißt es bei Kritikern der Aktion, die Autos würden sich nicht alle freiwillig in Luft auflösen und es seien auch noch die vielen im Winter holzbefeuerten Kamine der Altbauwohnungen für die dicke Luft mitverantwortlich.

So gesehen, kann eine nachhaltige Begrünung sicher nicht schaden. Schließlich sorgen mehr Grünflächen in der Stadt nicht nur für bessere Luft, sondern auch für bessere Lebensqualität. Der lokale Plan für Städtebau sieht nun bei Neubauten ein Mindestmaß an Begrünung vor und schützt bestehende Grünflächen. Bei Neubauten oder Gebäudeaufstockungen müssen Dachterrassen von mehr als zweihundert Quadratmetern begrünt werden, bei mehr als fünfhundert Quadratmetern muss sogar zu einem Drittel einem landwirtschaftlichen Projekt mit Obst- und Gemüseanbau Raum gegeben werden.

Bei französischen Start-up-Betrieben ist deshalb biologisch angebaute Freilandware auf den Dachterrassen von Paris ein großes Thema. Als Preisträger des vom Pariser Rathaus veranstalteten Parisculteurs-Wettbewerbs darf beispielsweise das Unternehmen Aéromate nun Kräuter und Gemüse auf drei Dächern der Hauptstadt mit einer Gesamtfläche von 1200 Quadratmetern kultivieren. Den Bauern im Umland will jedoch keiner der Dachgärtner Konkurrenz machen. Denn die Stadtbauern setzen vor allem auf Produkte, die bei langen Transportwegen für gewöhnlich Vitamine und Geschmack einbüßen. „Tomaten werden oft geerntet, bevor sie richtig reif sind, sonst überstehen sie den Transport nicht heil. Beim Anbau vor Ort können wir sie dagegen bis zur vollen Geschmacksfülle ausreifen lassen“, schwärmt Louise Doulliet von Aéromate.

Geschenk der Stadt: Ein Pflanzset inklusive Erde und Samen

Weil in Paris viele Mietshäuser weder Dachterrassen noch Balkone haben, will die Stadt auch diesen Bewohnern den Einstieg ins urbane Gärtnern erleichtern. Interessenten können bei der Stadtverwaltung eine Genehmigung zum Pflanzen im öffentlichen Raum beantragen, welche dann jeweils für drei Jahre gültig und verlängerbar ist. Ein erstes Pflanzset inklusive Erde und Samen bekommt jeder der neuen Hobbygärtner von der Stadt geschenkt, schließlich soll die Artenvielfalt erhöht, aber die Ästhetik des öffentlichen Erscheinungsbildes zugleich gewahrt bleiben.

Wie schnell sich doch die Zeiten ändern. Fast zwanzig Jahre ist es her, da wurde der Naturkundelehrer Steve Bill im Central Park von New York noch verhaftet, als er seinen Schülern zeigen wollte, wie man dank der reichen Pflanzenwelt des Parks komplette Gourmet-Menüs bestreiten kann. Beeren, Minze, Pilze, Wurzeln und Löwenzahn, die er im Park erntete, waren jedoch städtisches Eigentum, weshalb der sogenannte „wilde Mann von Manhattan“ wegen Diebstahls in den Knast wanderte. In Paris hingegen wird uns sicher bald noch so einiges blühen, denn bis heute haben schon mehr als zweitausend Bürger Pflanzsets bestellt, um künftig triste Mauern, Blumenkästen oder Dächer zu begrünen.

Quelle: F.A.Z.
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