Grüner Wahn

Pflanzen unter Leistungsdruck

Von Ina Sperl
 - 17:27

An der Pflanze scheiden sich die Geister. Für manche Menschen ist sie ein Dekorationsstück - je weniger Arbeit sie macht, desto besser. Für andere ist sie ein Lebewesen, das Hege und Pflege mit frischem Grün und Blüten belohnt, am liebsten mit einem leckeren Ertrag obendrein.

Einst tauschte man Saatgut aus, gab Setzlinge und Ableger weiter. Längst ist eine ganze Industrie mit der Entwicklung immer neuer Pflanzen beschäftigt, ob für den Ackerbau oder die Floristik. In Essen stellt die internationale grüne Branche jährlich Neues vor, ob aus Flora oder Technik. Ein Streifzug über die Messe zeigt: Immer größer, bunter, haltbarer sollen Pflanzen sein, praktisch zu produzieren und zu transportieren. Aber auch den Wunsch nach Naturverbundenheit, möglichst ohne jedes Risiko, sollen sie stillen.

Beklagenswerte Gestalten

Beklagenswerte Gestalten sind zu sehen: lackierte Sukkulenten, bei denen sich die Frage stellt, warum unter die nahtlose Hochglanzschicht noch eine echte Pflanze gesteckt wird. Viele Blumenzwiebeln müssen zu Deko-Zwecken ohne Erde und Nährstoffe auskommen: Narzissen oder Hyazinthen bekommen einen Wachsüberzug zum Hinstellen, bei Amaryllis duftet dieser sogar nach Lavendel oder Kirschen. Rosen, die mit Glyzerin haltbar gemacht wurden, irritieren: Sie sehen monatelang so aus, als wären sie gerade erst geschnitten.

Auf der anderen Seite steht Frisches, das am liebsten noch essbar ist: Dreierlei Kräuter in einem Topf, die schon passend zum Kochvorhaben zusammengestellt sind, ob für Pizza, Barbecue oder den Cocktail - möglichst praktisch soll es sein. Neue Namen suchen Altbekanntes attraktiver zu machen, so heißt die Eberraute nun auch Cola-Kraut, ein anderes Beifußgewächs Gyros-Kraut, und eine kleinblättrige Minze wird zum „essbaren Bubikopf“. Selbst eine „besonders milde“ Kiefer wird als kulinarisch nutzbar vermarktet - Sirup und Likör aus den Sprossen - und gehört nach den Vorstellungen ihres Züchters direkt neben das Kräuterbeet.

Nichts ist unmöglich

Kaum etwas scheint mehr unmöglich. Für den Balkon gibt es Mini-Rhabarber im Topf, fürs urbane Hochbeet besonders robusten Spargel, und für den Hängekorb nicht nur Erdbeeren, sondern sogar Brombeeren - stachellos, versteht sich. Der Weinbergpfirsich wächst nun auch mitten in der Stadt, und der Rosenkohl ist dank der Kreuzung mit Grünkohl weniger bitter und besonders dekorativ. Der Wunsch, etwas selbst anzubauen, und sei es bloß im Blumenkübel, ist groß. Etwas wachsen sehen, naschen können, darum geht es. Doch die moderne Pflanze muss performen, schnellen Ertrag bringen - mehrere Jahre auf die ersten Äpfel warten will kaum noch ein Kunde.

Auch im Zierpflanzenbereich steht die Industrie unter dem Druck, immer Neues zu bieten. Prächtigere Blüten, längere Stiele, ungewöhnlichere Farben. Das Idealbild der Blume wird neu erschaffen, etwa in perfekt gerüschten Ranunkeln, in makellosen Chrysanthemen und immer neuen Primelfarben. Jedes Jahr melden Züchter ihre Kreationen als Neuheit an in der Hoffnung, dass diese prämiert werden und sich dadurch auf dem Markt abheben. Geschafft hat das in diesem Jahr bei den Beet- und Balkonpflanzen ein auf den ersten Blick recht klassisch aussehendes Gewächs: Was in Omas Blumenkasten noch einfach Geranie (Pelargonium zonale) hieß, trägt nun den glanzvollen Sortennamen „Brocade Fire Night“. Der Züchter - die Firma Dümmen Orange - verspricht eine besonders lange und haltbare Blüte, kompakten Wuchs und einen Hauch „Retro“ im Blumentopf.

Hochgepriesener „Dauerblüher“

Auch bei der prämierten Kübelpflanze muss man etwas genauer hinschauen, denn die Mandevilla „Mini Scarlet“ kommt bekannt vor, sowohl in Form als auch in Farbe. Doch ist sie zierlicher, eine Pflanze für weniger Platz, und ihre Blütenblätter wirken, da gewölbt, schmaler. Auch sie preist die niederländische Firma MNP Flowers als „Dauerblüher“ an.

Im Haus wird es ebenfalls bunt: leuchtend orangefarben blüht der Hibiscus „PetitTMOrange“ des dänischen Züchters Graff Breeding. Er erhielt den offiziellen Neuheiten-Titel in der Kategorie blühende Zimmerpflanze. Vor allem die Farbe, beinahe ein Neonorange mit einem rubinroten Zentrum, in Kombination mit besonders dunklem Laub, macht die Pflanze aus. Langlebig soll sie sein, kompakt bleiben, und im Sommer darf sie ohne weiteres auf die Terrasse.

In edlem Weiß mit grüner Zeichnung kommt die prämierte Schnittblume, die Alstroemeria ,White Pearls‘ daher. Züchter Könst Alstroemeria aus den Niederlanden hat der Blume zu noch mehr Blüten, zu noch längerer Lebensdauer verholfen. Gut drei Wochen soll sie sich in der Vase halten, was sowohl Floristen als auch Kunden entgegenkommt. Eine weitere Schnittblume erhält einen Sonderpreis, da sie so ungewöhnlich ist: ein langer, dünner, willkürlich gebogener Rosenzweig, der in einem Büschel grünen Laubs endet. Blütenansätze sind bei der Rosa polyantha ,Smeralda Green Show‘ der Firma Twelve Energy Societa Agricola SRL aus Italien nicht zu erkennen, dafür aber durchaus das Potential, Sträuße oder Gebinde zu bereichern.

Vorbereitungen für das Weihnachtsfest laufen

Winterliche Gärten werden vermutlich bald durch eine neue Helleborus verschönert: Die Pflanzen der Helleborus Gold Collection® Ice N’Roses® von den Heuger Gartenbaubetrieben bilden die Neuheit unter den Stauden. Ihre Farben erinnern an die von Lenzrosen - das Spektrum reicht von Weiß über Rosa bis zum dunklen Violett. Selbstverständlich sind die Blüten prächtig, die Helleborus sollen ab Dezember blühen bis ins Frühjahr hinein. In ihnen vereinte Menschenhand die Merkmale der Christrosen mit denen der wärmeliebenderen Lenzrosen.

Noch ist das nächste Weihnachtsfest fern, doch sind entscheidende Vorbereitungen längst getroffen. Denn der Trend geht zum Zweitbaum, will die Branche festgestellt haben. Da der Platz in durchschnittlichen Wohnungen allerdings begrenzt ist, sollte dieser Zweite möglichst handlich und dennoch stabil sein. Diese Voraussetzung erfüllt eine kleine Tanne der Baumschule Artmeyer, die den passenden Namen ,Little Santa‘ erhalten hat. Sie hat den begehrten Neuheitentitel bei den Gehölzen erhalten und soll in der nächsten Saison den Markt ankurbeln. Das Tännchen hat kurze Nadeln und wirkt robust, so dass die Zweige auch einer Deko-Attacke mit Lichterkette und Christbaumkugeln standhalten. Danach kann es mit dem Topf ins Freie oder auch in den Garten gepflanzt werden. Möglich, aber vermutlich nicht im Sinne der Branche, dass sich bei Pflanzenliebhabern das Zweitbäumchen zu einer nachhaltigen Alternative zum Erstbaum auswächst.

Quelle: F.A.S.
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