Kunstwerke für zu Hause

Vier Wände voller Bilder

Von Christian Tröster
 - 11:17

Vierhundertfünfzig Millionen Dollar für ein Gemälde. Erst vor wenigen Monaten ersteigerte ein ungenannter Käufer Leonardo da Vincis Salvator Mundi und machte das Bild damit zum wertvollsten Kunstwerk der Welt – bis dahin war ein Picasso für 179 Millionen Dollar der Spitzenreiter gewesen. Doch egal ob 179 oder 450 Millionen Dollar, für Normalverdiener bewegen sich solche Preise ohnehin im Reich der Phantasie. Selbst Originalwerke unbekannter Meister und zeitgenössischer Künstler liegen oft im fünfstelligen Bereich. Kunst ist teuer – wer wollte da schon an so etwas denken wie die Petersburger Hängung, bei der die ganze Wand mit Bildern bedeckt ist? Doch ist gerade diese Art der Präsentation bei Interior-Designern beliebt. Wer etwas auf sich hält, gestaltet seine Räume mit massenweise Fotos, Gemälden oder Grafiken – dicht gehängt, bunt gemischt, ästhetisch anregend.

Doch woher soll die Bilderflut kommen, wenn das Budget begrenzt ist? Die Digitalisierung, die viele Bereiche der Gesellschaft aufmischt, bringt auch im Bildermarkt Gewohntes durcheinander. Opulenz bei der Hängung bei niedrigen Kosten und höchsten künstlerischen Ansprüchen ist plötzlich möglich geworden. Wie das geht? Immer mehr Museen öffnen ihre Archive, digitalisieren ihre Sammlungen und stellen die Daten kostengünstig zur Verfügung. Jeder, der will, kann sie herunterladen und ausdrucken: Aus dem Museum frisch an die Wand! Für Ästheten, Kenner und Kreative öffnen sich damit völlig neue Möglichkeiten für die Gestaltung ihrer Räume.

Ein Vorreiter unter den Anbietern in Deutschland ist das Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg. Das Haus hat sich der Bewegung openGLAM angeschlossen. GLAM steht für Galleries, Libraries, Archives, Museums – Institutionen, die sich für das digitale Verbreiten und Teilen ihrer Bestände entschieden haben. „Die Sammlung gehört uns allen ja schon“, erläutert die Leiterin der Online Sammlung im MKG, Antje Schmidt, „sie zugänglich zu machen und zu verbreiten, dazu wurde unser Museum ja gegründet“. Ihr Haus, das derzeit mehr als 13.000 Kunstwerke online gestellt hat und an der Digitalisierung von insgesamt 500.000 Objekten arbeitet, sei mit diesem Angebot in Deutschland weit vorne. Für das Online-Angebot eignen sich alle gemeinfreien Bilder, also Werke, deren Künstler seit mehr als 70 Jahren verstorben sind und bei denen das Urheberrecht erloschen ist.

Die Kosten liegen je nach Größe um 200 Euro

Den Interessenten erschließt sich mit der Online-Präsentation ein überreicher Fundus an Bildern. Das Stöbern in der MKG-Datenbank gleicht einer ästhetischen Achterbahnfahrt. Da sind historische Fotos aus dem Amerika der sechziger Jahre, Abbildungen von Jugendstilvasen, Architekturzeichnungen eines historischen Hühnerstalls, expressionistische Gouachen, botanische Studien aus dem 18. Jahrhundert und japanische Stiche aus der Serie „24 Beispiele für Pietät gegenüber den Eltern“. Die Menschen scheint all das zu interessieren. Jedenfalls wird das Angebot gut genutzt, 55.000 Downloads und über 145.000 interne Suchen wurden bisher verzeichnet. „Von allen digitalen Angeboten unseres Hauses ist es das mit der höchsten Besucherinteraktion“, erläutert Antje Schmidt. Das Publikum kommt aus 112 Ländern. „Ob die Nutzer die Motive auf Kaffeetassen oder T-Shirts drucken oder ein Puzzle daraus machen, wissen wir nicht“, erklärt sie weiter, private oder kommerzielle Nutzung, alles sei für die gemeinfreien Bilder erlaubt. Die Daten dürfen sogar verändert, ausgeschnitten und mit anderen Inhalten kombiniert worden: „Wir wollen, dass die Menschen das herunterladen und so nutzen, wie sie möchten.“ Manche Kollegen, so Schmidt weiter, hätten allerdings Vorbehalte: „Kunsthistoriker fürchten mitunter, die Deutungshoheit über die Werke zu verlieren.“ Doch die Digitalisierungswelle in den Museen dürfte durch solche Bedenken kaum aufzuhalten sein. Allein das Amsterdamer Rijksmuseum hat schon mehr als 600.000 Werke online gestellt. Die New York Public Library ist mit rund 740.000 Objekten am Start, viele weitere Institutionen haben sich angeschlossen.

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Nicht alle sind jedoch so freizügig wie das MKG, und selbst dort sind der kreativen Verwendung der Bilder zunächst Grenzen gesetzt: Die Bilddaten des Hamburger Museums sind nicht hochauflösend. Das heißt, die Motive erzielen nur bis zur Größe von DIN A4 eine gute Druckqualität. Poster herzustellen ist nicht ohne weiteres möglich. „Das hat bislang noch technische Gründe, wir arbeiten bereits an einer Lösung“, erläutert Antje Schmidt, „wer jetzt schon hochauflösende Daten braucht, kann uns eine E-Mail schicken und erhält sie schnellstmöglich.“

Andere Museen sind noch zurückhaltender, was die freie Nutzung angeht: Sie stellen Bilder in einer Auflösung online, die lediglich auf dem Computerbildschirm gut aussieht. Manche Institutionen wie die New York Public Library versenden hochauflösende Daten gegen eine Gebühr von 50 Dollar. Beim britischen Victoria & Albert Museum kann man Ausdrucke bestellen und erhält diese auf Wunsch auch gerahmt zugestellt. Die Kosten für ein so geliefertes Bild liegen je nach Größe um 200 Euro.

Ein großartiger Bilderschatz

Wer nur Bilddaten herunterlädt, kann sich sein eigenes Programm der Bildproduktion zusammenstellen – von der Zusammenarbeit mit lokalen Copyshops und Rahmenmachern bis hin zu Anbietern im Internet. Die bieten vom Druck über Rahmen bis hin zu Montage hinter Plexiglas eine große Auswahl an Gestaltungsmöglichkeiten. Wie groß dieser Markt inzwischen ist, zeigen Zahlen der Firma WhiteWall.de, die bereits über eine Million Bilder produziert hat. Das Unternehmen startete als Produzent für die Lumas-Editionen, künstlerische Fotos, die in Galerien und online vertrieben werden. Nachdem immer mehr Kunden fragten, ob sie eine gleiche Qualität auch für eigene Fotos bekommen könnten, ging White Wall 2007 als eigenes Angebot auf den Markt. Bestseller sind nach Angaben des Unternehmens Fotoabzüge unter Acrylglas in Größen zwischen 60×40 cm und 120×80 cm.

Doch wer ein Bild in solchen Größen abgezogen sehen möchte, sollte wissen, ob die Datei das überhaupt hergibt. Bei pixelrechner.ch etwa findet man ein Instrument, mit dem sich die gedruckte Bildqualität feststellen lässt – was tatsächlich eine Wissenschaft für sich ist.

Festzuhalten bleibt, dass die digitalen Museumssammlungen einen großartigen Bilderschatz zur Verfügung stellen, mit dem jeder, je nach Aufwand und Kreativität, sich seinen Wandschmuck zusammenstellen kann. Selbst bei der Verwendung von museumsseitig zugestellten Ausdrucken liegen die Preise meist deutlich unter denen von kommerziellen Anbietern im Internet oder in Galerien. Dem Kult des „Originals von Künstlerhand“ wird man mit diesen Bildern nicht dienen – einem Konzept, das bei Fotografien und Grafiken ohnehin immer fragwürdig gewesen ist. Dafür aber erhält man Gestaltungsfreiheit und vielleicht eine ganze Wand voller Bilder in Museumsqualität.

Noch mehr Bilder

Museen und Archive, bei denen digitale Bilder erhältlich sind:

Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg www.mkg-hamburg.de

Rijksmuseum www.rijksmuseum.nl

Statens Museum Kopenhagen http://www.smk.dk/

V&A www.vam.ac.uk

Metropolitan www.metmuseum.org

Pitt Rivers Museum, Oxford www.prm.ox.ac.uk

New York Public Library https://digitalcollections.nypl.org

Quelle: F.A.S.
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