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L.A. und die Suche
nach dem Morgen

Los Angeles ist ein Sehnsuchtsort für Künstler wie Thomas Demand. Ist es auch die Stadt der Zukunft? Das hat er mit Freunden in L. A. diskutiert.

08.11.2018

Text: ANNE PHILIPPI
Fotos: MICHAEL SCHMELLING

Thomas Demand hatte schon lange eine Schwäche für Los Angeles, unter anderem, weil er hier ideale Bedingungen für seine Kunst vorfindet: „Das Produktionslicht ist immer gut, egal, zu welcher Tageszeit.“ Ein weiterer Grund: Man kann sich hier gut neu erfinden, sowohl persönlich als auch die eigene Arbeit. Das hat sicher mit der einzigartigen Mischung von Forschern, Künstlern, Svengalis, Eigenbrötlern und Glamourexperten in dieser Stadt zu tun, einer Stadt, die sich manchmal anfühlt wie ein zeit- und energiefressendes Monster fernab jeder Zivilisation – und manchmal wie genau der Ort in der Welt, an dem man möglicherweise schon in einer besseren Zukunft lebt. Warum das so ist und was Los Angeles so besonders macht, darüber hat Thomas Demand, der seit acht Jahren hier wohnt, für FAQ mit einem Kreis von Freunden, intellektuellen Buddies und Inspirationsfiguren gesprochen. Das erste Treffen fand im legendären Wende-Museum von Justin Jampol in Culver City statt, wo Jampol Devotionalien aus der ehemaligen DDR sammelt und ausstellt. Ein Ort, den es in seiner Präzision und Absurdität nur hier geben kann, auch weil Jampol die seltensten Fundstücke fast immer in abgelegenen Garagen von East Los Angeles und nicht auf Berliner Flohmärkten fand. Für den zweiten Teil begab sich die Demand-Gang ins legendäre „La Dolce Vita“, eines der ältesten Restaurants in Beverly Hills. Hier speisten einst die Reagans oder Frank Sinatra, und man kann immer noch in Boxen mit ihren Namen panierte Kalbsschnitzel lunchen. Die Statements und Fotos der Freunde des Künstlers finden Sie auf den folgenden Seiten – gleich hinter dem Gespräch zwischen Thomas Demand und der amerikanischen Konzeptkünstlerin Barbara Kruger (die nicht fotografiert werden wollte) in der Galerie Sprüth Magers über das Verhältnis von Los Angeles, Kunst und Politik in Zeiten von Trump.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Thomas Demand interviewt Barbara Kruger

THOMAS DEMAND: Man hört, Los Angeles sei die Stadt der Zukunft. Bekommen wir hier wirklich alles früher mit als anderswo?
BARBARA KRUGER: Oh nein, das finde ich nicht.

DEMAND: Ich habe auch eher das Gefühl, „the gritty present“ übertönt alles. Barbara, wie lange lebst du jetzt hier?
KRUGER: Oh! Bald sind es 28 Jahre.

DEMAND: Und wie hast du die letzte Dekade hier empfunden? Wurde alles schneller? Ist es aufregender geworden? Berlin ist zum Beispiel immer diese Stadt „in the making“. Die Leute sagen: „Jetzt ist es noch nicht toll, aber bald ist es toll.“ Das findet man schon in den Zwanzigern. Gleichzeitig ist es immer noch ziemlich hässlich, jetzt halt die neue Hässlichkeit. Als ich nach Los Angeles kam, erinnerte mich vieles an diesen Spirit und diese gespannte Erwartung. Auch dass es so viel undefinierten oder vergessenen Raum gibt.
KRUGER: Die Stadt ist komplexer geworden, als sie war, und das ist gut! Nur für die „working class“ ist es schwer bis unmöglich geworden, hier zu leben. Die Sache läuft meistens so: Als Erstes kommen New Yorker und sagen: „Wow, hier ist es so billig!“ Und dann wird alles sofort teurer. So ist das jetzt auch mit Los Angeles. Für mich ist das ein negatives Resultat der Aufregung. Trotzdem, derzeit kommen richtig viele Künstler, die hier studieren und dann bleiben. Wie ist das in Berlin?

Der Künstler Thomas Demand am Notausgang des Restaurants „La Dolce Vita“

DEMAND: Nach Berlin gingen Künstler, weil man dort nicht drei Jobs brauchte, um Künstler zu sein, und weil immer irgendwo was möglich schien. Nach Berlin geht allerdings niemand wegen der Kunstschule. Dann schon eher nach London.
KRUGER: Ah, London? Eine tolle Stadt, aber sie schreiben dir dort immer etwas Negatives in deinen Nachruf, wenn du stirbst. Los Angeles ist derzeit wirklich das Beste. Die letzten Tage hier waren toll. Das Hammer Museum hatte eine riesige Eröffnung, das ICA eröffnete, und LAX startete eine kleine Kunstmesse.

DEMAND: Ich frage mich, was diese Kunst aus dem neuen Los Angeles ausmacht. Täuscht der Eindruck von viel Handgemachtem, kleinem Kosmos, charmantem Scheitern? Kannst du uns dazu mehr sagen? In Europa hat man übrigens immer schon eine genaue Idee davon gehabt, wie ein Kunstwerk aus Los Angeles aussehen soll.
KRUGER: Eben diese europäische Vorstellung empfinde ich auch oft als stereotype Idee. Übrigens genauso stereotyp, wie dass Los Angeles die Stadt der Zukunft wäre.

DEMAND: Siehst du bei Künstlern und deinen Studenten, dass sie sich in die aktuelle politische Situation einmischen? Ich muss sagen, ich sehe das nicht, außer an den Binnengrenzen, Gender und Identity Politics. Und das, obwohl wir uns in diesem Moment des Zerfalls von üblichen Standards, Denkmustern und Abmachungen befinden – eigentlich ideal.
KRUGER: Ich weiß nicht, wie man diese Einmischung in Politik genau benennen kann. Ich finde derzeit jeden Kommentar politisch. Kunst kommentiert immer. Das ist es ja, was sie macht. Egal, ob digital oder handgemacht. Ich finde nach wie vor, es gibt keine richtige oder korrekte Art, über unsere politische Situation zu sprechen. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand sagt, der oder die Künstlerin macht politische Kunst.

DEMAND: Na ja, ich erinnere mich aber an eine Arbeit, die schon sehr explizit war. Die Künstlerin dazu sitzt hier am Tisch, also du. Ich meine das Cover fürs „New York Magazine“, ein großes Schwarzweißfoto von Donald Trump mit einem roten Schriftblock: „Loser“.
KRUGER: Ach, das war ein Cover vor der Wahl. Die Leute dachten, ich sage den Wahlausgang voraus. Aber ich wollte eine Arbeit mit dem Wort zeigen, das Trump am meisten fürchtet. Es heißt „Loser“.

Kunstwerk von Barbara Kruger: „Untitled (BAD IS GOOD)“, 2017 Print on Vinyl, 260 × 364 cm, Courtesy Sprüth Magers

DEMAND: Aber es fällt schon auf, wie wenig Echo hier zu Trump aus der Kunst kommt, sind alle so schockiert? Oder hat man die Kunst auf dem falschen Fuß erwischt, so wie den Rest der liberalen Gesellschaft? Ich glaube, es ist nicht einfach, die Situation in den Vereinigten Staaten von Europa aus zu verfolgen. Die Sache hat Komplexität, eine bestimmte Temperatur, die nicht präzise wiedergegeben werden kann. Da geht einiges verloren, schon in den Referenzen der Beleidigungen …
KRUGER: Ich rege mich übrigens extrem auf, wenn jemand sagt, er sei wegen Trump schockiert. Demjenigen würde ich gern etwas über den Kopf hauen. Unsere fehlende Vorstellungskraft hat uns genau dahin geführt, wo wir jetzt sind. Ich war nicht schockiert über Trumps Sieg. Ich habe ihn die letzten vierzig Jahre beobachtet. Ich habe ihn vor dreißig Jahren in der „Howard Stern Show“ gesehen, ich habe acht Jahre Trumps Karriere-Trash-Show „The Apprentice“ gesehen. Ich habe ihn im Reality-TV lange studiert, und daher wundert mich sein Sieg nicht. Sein Sieg spricht für das Versagen der Linken und der Demokratischen Partei. Noch mal, ich kenne so viele Leute, die sagen, ich bin schockiert, schockiert, schockiert. Na und? Sie ignorieren Folgendes: Trump ist eben gut. Natürlich schrecklich gut. Aber so viele sind damit beschäftigt, ihren Heiligenschein und ihr reines Gewissen zu polieren, dass sie die Gefahr nicht sehen wollten. Ich finde deren beinahe narzisstisches Bewusstsein fehl am Platz. Es gab zum Beispiel viele Probleme mit Hillary Clinton, die es nicht geschafft hat, die Themen der „working class“ anzusprechen. Was mich richtig beschäftigt, ist diese „white grievance“, die wir jetzt sehen: ein schwarzer Mann, über acht Jahre im White House? Das darf nicht mehr passieren! Man spürt, dass auch Deutschland oder Russland diese „grievance“ nach außen tragen und sehr froh über den Wechsel sind. Es ist für mich absurd, wenn die Leute und auch Künstler hier sagen, so etwas wie Trump sei doch noch nie passiert. Das ist irre.

Thomas Demand im Wende-Museum von Justin Jampol

DEMAND: Ich spreche viele Expats hier in Los Angeles, die wegen Trump ernsthaft bedrückt sind. Das Klima hat sich bei Begegnungen und im öffentlichen Umgang doch deutlich geändert.
KRUGER: Wie meinst du das?

DEMAND: Es ist deutlich aggressiver geworden, Leute haben Angst, und andere fühlen sich ermächtigt, man wird aus dem Blauen heraus wegen Kleinigkeiten sofort übel beschimpft, oft mit xenophoben Beleidigungen, das ist wirklich anders geworden, ich lebe ja schon acht Jahre hier und habe den Vergleich. Ich finde, man bemerkt beim Einkaufen oder in Gesellschaft, wie sich diese Zerwürfnisse ins tägliche Leben einschleichen. Und dass die Leute im kleinen Kreis über Politik sprechen, sich irgendwie entlasten müssen. Ich fand diese Radiosendungen um Thanksgiving herum sehr bemerkenswert, wo Ratschläge gegeben wurden, wie man ohne politischen Streit über die Feiertage kommt, denn die beiden Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber, auch in den Familien. Ist es nicht erstaunlich, wie viel einfach auf den guten Manieren des Präsidenten beruht? Und dass sich im Prinzip wenig dagegen tun lässt, wenn ein Präsident die nicht hat? Wahrscheinlich ist es bei uns auch so, wir können nur noch nicht sehen, wie vieles von unserem öffentlichen Leben auf einer ungeschriebenen Idee von Anstand beruht.
KRUGER: Unser System ist nicht dafür gemacht, mit dieser Art von Chaos zurechtzukommen. Weißt du, eine Sache finde ich bei Trump fast lustig. Es hieß, Frauen seien so überemotional. Aber wir hatten noch nie einen so emotionalen, überreaktiven Präsidenten! Wir hatten extrem selten eine intellektuelle Präsidentschaft. Präsident George Bush hatte die intellektuelle Neugier eines Fussels. Er wollte einen Job in der Baseballbranche, den hat er nicht bekommen. Also wurde er Präsident. Oder Reagan. Er hatte die Hälfte seiner Regierungszeit Alzheimer. Wir sind komplett unvorbereitet, diesem Trump-Chaos zu begegnen. Dabei könnte er nicht mal eine Firma leiten oder in der Welt von Corporate-Firmen existieren. Er ist wie Tony Soprano.


„Trump ist gut, schrecklich gut. Aber viele wollen diese Gefahr nicht sehen.“
BARBARA KRUGER

DEMAND: Was glaubst du, waren Trumps Einflüsse?
KRUGER: Ich wünschte, die Leute wüssten, wer Roy Cohn war. Ein Anwalt, der schon Joseph McCarthy half, gegen Kommunisten zu ermitteln. Er war sehr wichtig für Trump. Cohns spezielle Rachsucht, die hat Trump sehr inspiriert. Trump verehrte Roy Cohn, er hat alles von ihm gelernt. Eine Weile galt Cohn als Outlaw, doch dann feierte er im New York der siebziger Jahre ein großes Comeback. Er war gut mit Steve Rubell vom „Studio 54“ befreundet. Trump hegte große Sympathie für Cohn, und als er hörte, dass Cohn an Aids sterben würde, hat er ihm ein Apartment in einem seiner Tower gegeben. Aber als Cohn kränker wurde, ließ Trump ihn wieder fallen.

DEMAND: Wie ist es bei dir? Kannst du in diesen Zeiten arbeiten, oder fällt es dir schwerer?
KRUGER: Ich arbeite viel für die kommenden Shows, ich habe gerade Projekte in New York und Los Angeles. Es läuft alles gut. Aber „I knock on wood“, denn das habe ich vor vier Jahren einmal genauso gesagt wie jetzt, und dann ist mein Blinddarm in der Nacht geplatzt.

DEMAND: Aber wie ist deine Theorie zu dieser Politisierung – was ist die Rolle der Künstler dabei?
KRUGER: Das funktioniert hier anders als in Europa. Die visuelle Kunst ist in den Vereinigten Staaten marginalisiert, und wenige Leute kennen Künstler und Kunst. Für die meisten Leute ist jemand wie Rihanna eine Künstlerin. Und ich sage damit nicht, dass sie keine Künstlerin ist. Doch die Kunst in Amerika zieht nie so viele Leute an, wie das in Europa der Fall ist. Die Schlangen, die ich bei der Documenta gesehen habe – das würde es hier nie geben.

Diskussionsstoff: Deutsches Buch über L. A. von 1935: „Werden, Leben und Gestalt der Zweimillionenstadt“. Heute leben dort rund zehn Millionen

DEMAND: Aber bei der „Made in L. A.“-Eröffnung gestern Abend ging die Schlange zweimal um den Block …
KRUGER: Ich glaube, das liegt an der „diversity“ dieser Ausstellung, das bringt viele Leute zusammen. Es sind eben nicht nur zwölf weiße Jungs, die hier ausstellen. Sondern Mitglieder einer neuen Gesellschaft, die ihre Community mitbringen.

DEMAND: Ich glaube schon, dass Kunst als visuelle Kraft eine langanhaltende, beinahe nervende Energie haben kann, die politische Verhältnisse durchaus überdauert.
KRUGER: Ich glaube, wir sollten uns als Künstler von den Möglichkeiten unserer Arbeit nicht täuschen lassen.

DEMAND: Einerseits natürlich nicht, sie hat selten politischen Einfluss, vor allem die bildende Kunst nicht, aber sie zeigt und ermöglicht ein Abstandnehmen, einen alternativen Kontext, der Verständnis erzeugt, was dann wiederum politisch wirkt.
KRUGER: Was denkst du über das Internet?

DEMAND: Die Kontrollmechanismen sind apokalyptisch, nicht nur die der großen Konzerne, sondern was es mit uns selbst macht, wie es uns erzieht. Aber wir haben auch gleichzeitig eine ziemliche Kompetenz Bildern gegenüber entwickelt, das finde ich toll und für Künstler sehr nützlich. Wir lesen die Welt heute durch Bilder, und das ganz selbstverständlich. Und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass wir derzeit Bildern gegenüber aufgeklärter sind als Texten. Die sechziger und siebziger Jahre waren dagegen ja extrem kommentar- und textorientiert.
KRUGER: Trotzdem, Text ist präsent und stark. Und wer hätte gedacht, dass das Haiku eine der neuen Sprachen wird. So was wie Whatsapp oder die Twitter-Textform. Doch Formen und deren Aussagen verändern sich gerade sehr, vor allem hier in Los Angeles. Ab und zu denke ich darüber nach, wie es wäre, einen Film wie „Get out“ zu machen. Oder eine TV-Serie mit Episoden, das finde ich fast besser! Das Narrativ eines Films frisst eine Menge Zeit, und ich hatte immer schon eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Nur „Black Panther“ hat mich als Film umgehauen.

DEMAND: Ich finde es auch wichtig, wo man Filme sieht, und eigentlich auch, dass es Filme sind, keine Videos. Und ich gehe auf jeden Fall noch ins Kino wegen der Proportionen, weil ich sehen will, wie Filme in groß aussehen und funktionieren und vielleicht, weil ich weitsichtig bin. Wenn ich über „visual arts“ spreche, geht es mir nicht um Rihanna oder Filme, vielleicht mit ein paar Ausnahmen. Ich meine damit eine Arbeitsweise, die meinen inneren Monolog mit dem des Betrachters verknüpft. Ein Hirn zum andern.
KRUGER: Und eben keinen Blick, der einem Kunden befohlen oder gewünscht wird.

DEMAND: Was würdest du sagen, wie läuft heute der Informationsaustausch unter Künstlern hier, alles über Social Media? Früher fand das oft in den Hochschulen statt, ist das immer noch so?
KRUGER: Die Kunsthochschulen sind wichtig. Als Künstler war es hier immer „baked in“, dass dein Job irgendwann in eine Professur übergeht und du so dein Wissen weitergibst. Aber ich finde die Immigrantenkultur meiner Studenten unfassbar wichtig, der Austausch, der durch sie entsteht. So ist das hier in Los Angeles. Und es war schon immer so. Darum geht es etwa in dem Buch „Weimar on the Pacific“. Auch Richard Neutra, Billy Wilder und Fritz Lang waren deshalb hier. Ohne die deutschen Immigranten hätte die Hollywood-Industrie anders ausgesehen. Selbst Marcuse hat hier gelebt, Arnold Schönberg hatte ein Haus in meiner Straße. Beim Künstlersein geht es in Wahrheit stets um „social relations“. Ich sage immer, meine Arbeit thematisiert, wie wir zu den anderen sind. Und wie wir zueinander sind. Das war auch schon so, als wir alle noch jung waren und in dem leerstehenden Gebäude aus dem 19. Jahrhundert im New Yorker Stadtteil Tribeca gelebt haben. Da habe ich übrigens meine Kältephobie entwickelt, weil es nie eine Heizung gab. Auch ein guter Grund dafür, in Los Angeles zu bleiben.

Barbara Kruger ist eine amerikanische Konzeptkünstlerin und mit Thomas Demand befreundet. Sie arbeitet seit den siebziger Jahren mit Schwarzweißfotografie und Schrift. Ihre Themen: Identität, Politik und Sexualität. Sie lebt in New York und Los Angeles. Kruger (73) gehört zu den ersten postmodernen feministischen Künstlerinnen wie Jenny Holzer, Sherrie Levine und Cindy Sherman.

Thomas Demand ist ein weltweit erfolgreicher deutscher Bildhauer und Fotograf, der mit Hilfe von Papier und Karton bekannte Tatorte und Schauplätze nachbaut, um sie anschließend zu fotografieren und dann zu zerstören. Es bleiben allein seine Aufnahmen. Der Konzeptkünstler lebt derzeit in Los Angeles und ist Teil der dortigen internationalen Kunstcommunity.

Von links: Wende-Museum-Gründer Justin Jampol, Nicole Miller, Thomas Demand, Dagny Corcoran und Doug Aitken

Dagny Corcoran, Besitzerin von Art Catalogues im LACMA

Dagny Corcoran: Kuratorin und Gründerin des Kunstkatalogvertriebs Art Catalogues

„Ich finde es interessant, dass hier so viele neue Autoren leben, die ich als ‚born digital‘ bezeichnen würde. Es ist diese Generation, deren Zitate und Texte beinahe nur noch im Internet auftauchen. Ich bin immer noch an Originalen interessiert, an der Zeit ohne das Netz. Los Angeles war in der Kunstwelt zum Beispiel immer der Ort, an den Künstler für die Produktion ihrer Drucke kamen. Ellsworth Kelly kam gerne und wohnte dann im ‚Chateau Marmont‘. Die Stadt ist gut für Künstler. Auch wenn John Baldessari damals seinen Kunststudenten immer sagte, sie sollten nach New York gehen, sonst würde das nichts. Am Ende kamen alle zurück.“

Edward Dimendberg, Professor, Autor, Forscher

Wissenschaftler: Edward Dimendberg

„Der Architekt Frank Lloyd Wright sagte einmal, wenn man die Welt umdreht und schüttelt, landet alles Lose und Unbefestigte in Los Angeles. Und das stimmt. Wir haben hier eine große Menge an Scharlatanen, Hustlern, Con Men und, einfach gesagt, Kriminellen. Wenn man so einige Geschichten aus der Stadt hört, stellt sich schon eine Apokalypsestimmung ein. So, als ob die Welt genau hier unterginge. Nur mit einem unfassbaren Sonnenuntergang.“

Emilien Crespo, Entrepreneur, Editor des „Purple Magazine“

Emilien Crespo: Unternehmer und Editor at Large des „Purple Magazine“

„Los Angeles ist der Ort mit dem größten Sektenpotential, weil hier viele Leute leben, die sich verloren fühlen. Los Angeles verlangt viel von dir. Man muss hier ein echtes ‚social animal‘ sein und in der Lage, ein virtuelles Zeitgefühl auszuhalten. Orson Welles sagte einmal, man kommt hierher, setzt sich mit fünfundzwanzig in den Regiestuhl und steht dann mit fünfundsechzig wieder auf.“

Crespos Handy zeigt die neuen Verhältnisse: Kim Kardashian West trifft Donald Trump im Weißen Haus.
Die Namen der Boxen im Restaurant „La Dolce Vita“ erinnern an frühere Gäste und alte Zeiten.

Síta Valrún, Künstlerin

Künstlerin Síta Valrún

„Ich kam von Island wegen eines Stipendiums nach Los Angeles, um an der berühmten Mountain School zu studieren. Zunächst dachte ich, die Westküste und Los Angeles sind das absolute Gegenteil von meinem Land, aber dann fuhr ich ins ‚Death Valley‘ und dachte mir, hier ist es wie in Island. Kalt, rauh und wild. Hier will ich sein. Also kehrte ich zurück nach Los Angeles. Auch weil ich mich selbst gern in schwierige Situationen begebe. Und das ist so, wenn man nach Los Angeles zieht.“

Piero Golia, Künstler

Künstler Piero Golia

„Als ich vor zwanzig Jahren ankam, hat hier jeder sein kleines, simples Leben geführt. Jeder hatte Zeit, man sprach miteinander. Jetzt gibt es an jedem Block eine Pool-Party, ein Barbecue oder eine Baby-Shower. Und das ist ein Zeichen, dass eine neue Gesellschaft entstanden ist. Eine, in der jeder sehr viel will. Man feiert also seinen Geburtstag, der gleichzeitig ein Magazin-Launch ist, auf dem auch noch Geld für eine politische Kandidatur gesammelt wird. In diesem ‚too much‘ steckt Los Angeles gerade fest. Vielleicht schauen die Leute hier gerade auch zu viel Fernsehen.“

Nicole Miller, Künstlerin

Künstlerin Nicole Miller

„Ich empfinde Los Angeles nicht als besonders digitalen Ort. Zumindest nicht für mich persönlich – im Gegenteil. Ich bin weniger am Computer oder am Telefon, da ich ständig im Auto sitze und dort halbe Tage verbringe. Es ist eine Art Wohnzimmer. In Europa hänge ich viel öfter an den Geräten. Hier gibt es vor Ort einfach einen so großen Input, schon während des Autofahrens. Für meine Generation gibt es in Los Angeles extrem viele Chancen, und das war für mich von Anfang an so. Die Stadt hat einen speziellen Reichtum, der sich langsam für dich persönlich entwickelt. Es ist ein einzigartiger Ort.“

Doug Aitken, Künstler

Künstler Doug Aitken

„Die Westküste ist voll von unbekannten Orten, die leerstehen, nichts ist verbunden, alles ist dezentralisiert. Das mag ich. Das Modernste an dieser Stadt ist aber, dass man seine Realität selbst definieren kann. Dass man sozusagen Autor seiner eigenen Realität und Geschwindigkeit werden kann. Ich habe vor langer Zeit die Entscheidung getroffen, dass ich nicht fahren wollte. Also liegen mein Haus und mein Studio nah beieinander. Die meisten Leute glauben, dass L. A. dich wegen dieser Autorschaft über dein Leben transformiert. Aber das ist eine ‚late night question‘.“

Justin Jampol, Leiter des Wende-Museums

Sammelte DDR-Devotionalien vor allem in Garagen in L.A.: Justin Jampol vor seinem Wende-Museum

„Los Angeles ist randvoll mit kleinen Communities, die sich beeinflussen. Ich glaube, so funktioniert die Stadt, und das ist letztendlich ein Zukunftsmodell, wie eine Stadt überhaupt funktioniert. Diese Vorstellung, dass hier jeder ständig alleine und einsam ist, stimmt also so nicht. Hier im Museum trifft sich zum Beispiel eine Community aus Leuten, von Kalter-Krieg-Besessenen bis zu ungarischen Hippies, die sich sonst nie über den Weg laufen würden. Hier gibt es keine wirkliche Geschichte der Stadt, keine Geschichtsschreibung. Und woher sollte die auch kommen, wenn niemand von hier stammt? Wobei ich sagen muss, dass ich selbst ein ganz schönes L. A.-Klischee bin, und das kann man an meiner Autogeschichte ablesen. Zuerst hatte ich fünfundzwanzig Jahre einen Mustang, jetzt den Volvo mit dem Babysitz!“

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly